Kinderarbeit Gegen ein Verbot

Westliche Organisationen kämpfen für ein Verbot von Kinderarbeit. Viele Kinder hingegen wollen arbeiten – nur unter anderen Bedingungen

Jeder kennt sie, die Fotos von arbeitenden Kindern: Große dunkle Augen, die anklagend in das Objektiv schweigen, zerrissene Kleider und schmutzige, zerschundene Händchen. Unwillkürlich drängt sich dem westlichen Betrachter in seinem Schutzbedürfnis und seiner eurozentrischen Idealvorstellung von Kindheit ein paradiesisches Wunschdenken auf: Während sich die Erwachsenen mit Verantwortung, Entscheidungsfindung und Selbstbestimmung herumschlagen müssen, soll der Nachwuchs von all den Widrigkeiten der Welt so lange wie möglich verschont bleiben und wohlbehütet eine mit Spielen und Lernen ausgefüllte Kindheit genießen. Nach diesem weitverbreiteten Credo ist es wenig verwunderlich, dass es etliche Organisationen gibt, deren höchstes Ziel eine globale Umsetzung dieses Idealzustandes ist. Das Verbot von Kinderarbeit haben sie sich groß auf ihre Fahnen geschrieben, begleitet von dem steten Ruf nach einem Boykott von Waren aus Kinderproduktionen.

Die kleinen Arbeiter selbst werden selten gefragt, was außerordentlich bedauerlich ist, da sie eine durchaus kontroverse Perspektive vertreten: Sie wollen arbeiten – und das nicht nur aus der Notwendigkeit des Erwerbszwangs heraus, sondern weil es für sie selbstverständlich ist, zum Lebensunterhalt der Familie beizutragen, Verantwortung zu übernehmen und über die Gestaltung ihres jungen Lebens selbst zu entscheiden. Da sie die besagte Idealvorstellung von Kindheit und Jugend nach westlichem Vorbild weder nachvollziehen noch sich damit identifizieren können, lehnen sie auch Projekte ab, wo Kinder von der Arbeit befreit werden, eine Schulausbildung ermöglicht bekommen, und der Verdienstausfall den Familien ersetzt wird.

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Die Kinderarbeiter sind keine stimmlosen, schwachen Individuen, wie manch einer vermuten mag: Bereits Ende der siebziger Jahre begannen sie sich in Lateinamerika zu organisieren, ihre Rechte und Vorstellungen öffentlich zu vertreten und mittlerweile gibt es in etlichen Ländern ähnliche Zusammenschlüsse. Auf einem Delegiertentreffen in Mailand taten sich unterschiedliche Vereinigungen zur „Weltbewegung der arbeitenden Kinder und Jugendlichen“, kurz NATs (Pro Niños y Adolescentes Trabajadores), zusammen. Ihre Forderungen sind eindeutig: Sie wehren sich gegen Ausbeutung und menschenunwürdige Arbeit. Ein pauschales Verbot von Kinderarbeit, so ihr Argument, treibe sie in die Illegalität, kriminalisiere sie und verschärfe die Gefahr von Misshandlung und Ausbeutung. Stattdessen möchten sie als vollwertige Arbeitskräfte anerkannt werden, mit eigenständigen Rechten und Entscheidungsfreiheiten, was nicht nur die Wahl ihres Arbeitsplatzes, sondern auch die Gestaltung von Freizeit und Ausbildung beinhaltet.

Der Berliner Soziologe Manfred Liebel setzt sich seit Jahren für ein Mitspracherecht von Kinderarbeitern ein und kennt die Stärken und Schwächen der Organisationen sowie ihre Entstehungsprozesse. Meist schließen sich Kinder mit ähnlichen Interessen und Jobs aus dem städtischen informellen Sektor zusammen, um ihre Arbeit zu koordinieren oder um sich gegen Konkurrenz durchzusetzen. So entstehen Solidargemeinschaften, beispielsweise von kleinen Schuhputzern, die den öffentlichen Raum ihres Arbeitsplatzes aufteilen, sich unterstützen und stärken. Auch wenn die Kinder, die je nach Verband zwischen zwölf und achtzehn Jahre alt sind, auf Selbstorganisation bestehen, Probleme und Entscheidungen eigenmächtig lösen und Erwachsene nur als Berater im Hintergrund akzeptieren, ist die Unterstützung durch Erwachsene unerlässlich. NROs (Nicht-Regierungs-Organisationen) finanzieren die Projekte vor Ort, koordinieren internationale Treffen und agieren als kompetente Helfer. „Eine wichtige Rolle übernehmen zum Beispiel Streetworker“, sagt Liebel, der selbst einige Jahre mit Kinderarbeitern zusammengelebt hat. Dabei sei er immer wieder erstaunt gewesen, wie eigenständig die Kinder mit verblüffendem Sinn für Gerechtigkeit und Pragmatismus ihre Probleme lösen. Ein Beispiel sei die Wahl der Delegierten, die zu internationalen Kongressen (die von NROs und Stiftungen finanziert und organisiert werden) reisen dürften: „Die Kinder wissen genau, was sie von einem Vertreter erwarten. Um von ihnen gewählt zu werden, muss er sich erst einmal beweisen, was zu richtigen kleinen Wahlkampfveranstaltungen führen kann“, erzählt Liebel.

Die peruanische Bewegung arbeitender Kinder (MANTHOC) ist ein gutes Beispiel, wie effektiv und weitgreifend sich solche Organisationen entwickeln können: In vielen Städten gibt es MANTHOC-Häuser, wo sich die Kinder in ihren Arbeitspausen treffen können, es gibt kulturelle Veranstaltungen, Seminare und günstiges Essen. MANTHOC hat in Peru über 10.000 Mitglieder: Die Kinder zahlen einen kleinen Monatsbeitrag, der in einen Fonds fließt und ihnen finanziellen Schutz bei Krankheiten, Erwerbsunfähigkeit oder Diebstahl der Arbeitsutensilien bietet. Es gibt MANTHOC-Schulen, die etwas unkonventionell anmuten und auf die Bedürfnisse der Kinder zugeschnitten sind: Die Klasseneinteilung richtet sich nach Interessensgebieten statt nach Alter und gelehrt wird nicht Geschichte oder Physik, sondern die Fertigung von Kunsthandwerk, das sich zum Verkauf eignet sowie Anleitungen zum Schutz vor Diebstahl und Übergriffen.

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