Kommt ein Amerikaner nach Ostfriesland

Wie eine Reisegruppe aus Iowa und Illinois an der Nordseeküste nach ostfriesischen Vorfahren suchte von 

Wenn man in Ostfriesland spazieren geht und einen Ostfriesen trifft, sagt der: Moin! Auch abends. Weil Moin von moijen Dach kommt und schönen Tag heißt. Vergangenen Freitag im ostfriesischen Aurich wurde einem selbst in der Fußgängerzone vor Schlecker das Moin entgegengeschmettert. Fast ein wenig zu offensiv, vielleicht sogar stolz. Das waren Amis. Es waren nämlich für eine Woche 130 aus Ostfriesland stammende US-Amerikaner im Land ihrer Vorfahren unterwegs. Roots suchen. Und wenn sie daheim im Stammland ostfriesischer Amerikaner, Illinois oder Iowa, auch nur noch einen alten Teepott von Uroma oder ein paar lausige Fotos haben - dass der Ostfriese Moin sagt, hat er in den Genen.

Glenn Janssen ist so ein Moinsager. Er hat einen sehr ostfriesischen Familiennamen, sieht irisch aus und wie 60, ist aber 74 und immer noch Bauer und Direktor der amerikanischen Sojabohnen-Vereinigung. Topfit. Kommt aus Arlington, Iowa, und hat Cousins in Riepe, Ostfriesland. Ein Cousin ist für jeden wurzelarmen Amerikaner selbst der entfernteste Verwandte des Großneffen seines Ururopas. Auch homöopathisch verdünntes Blut begründet Blutsverwandtschaft. Glenn ist zum ersten Mal hier und begeistert. Was ich alles lerne! Ostfriesland sei zum Beispiel wie Illinois: flach und nass.

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Darüber hinaus sehr clean. Außerdem versteht er plötzlich, warum seine Eltern nie Bier mochten oder Likör: Sie kamen vom Tee her! Dass Tee lebensnotwendig für Ostfriesen ist, hat der Kaffeetrinker hier erlebt.

Offiziell ist dies nicht eine Ostfriesen Homecoming Tour. Sondern eine Jahreshauptversammlung. Es tagt zum ersten Mal in Deutschland die mitgliederstarke Ostfriesen Genealogical Society of America (OGSA). Großes Gedränge herrscht im Archiv der Auricher Abstammungsforscher. Die geben den amerikanischen Kollegen Gelegenheit, in so genannten Ortssittenbüchern, Passagierlisten und anderen vergilbten Dokumenten ausführlich nach Angehörigen zu suchen. Leona Frey aus Rockford (Illinois) sucht mit Tochter Laurie, die extra aus Mexiko herkam, Nachrichten über einen Familienast namens Wübbena. Speziell was zu Ururopa Harm, um 1831 geboren, nur wo? Laurie hat zwei unbekannte Cousinen gefunden. Spitzenleistungen vollbrachte eine Frau, die innerhalb einer Stunde zehn Cousinen ausgegraben hat. Do you know Kluntjes?, fragt Leona.

Kluntjes, Kandiszucker! Die deutsche Ostfriesin Gisela Schmidt (40) erinnert sich. Wie sie mit ihren Eltern in Illinois ostfriesischstämmige Verwandtschaft besuchte. Wie die deutschen Besucher Kluntjes auspackten. Wie bei den Gastgebern Tränen flossen. Wie sie sich den Mund voll stopften mit dem süßen Kristall. Übrigens gab es unter den Älteren kein Kommunikationsproblem: Platt sprachen alle. Damals lernte Gisela Lin Stark kennen. Lin verliebte sich später dermaßen in Ostfriesland, dass sie jetzt jedes Jahr kommt. Das Jahrestreffen 2005 der OGSA in der Heimat ihrer Oma hat sie organisiert. Ein dickes Ding. Windmühlen kucken, Buddelschiff- und Moormuseum, Brauerei und Teefirma besichtigen, Bootstouren, Teekannenmanufaktur. Und heute: Thingstätte Upstalsboom. Wald bei Huxtum.

Eine Art Allee. Am Ende, mitten im grünen Laub, eine monströse Steinstele. An diesem Ort haben sich vor 500 Jahren die ostfriesischen Häuptlinge getroffen, um Rechtliches zu klären. Kleinster gemeinsamer Nenner: Lever dod as Slaav.

Später die Nazis. Heute stehen hier 120 amerikanische Ostfriesen, die Rolfs heißen oder Hinrichs, Jippen oder Saathoff, im Halbkreis - und singen. In Ostfreesland is't am besten, over Freesland geit d'r nix. (Melodie: Weißt du, wie viel Sternlein stehen.)

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