Knallrot – "wie in einen Farbeimer getaucht" – hätten die Kleinen ausgesehen, empörte sich Sheriff Fred Abdalla. Einen ganzen Tag waren die Kinder ohne Schutz in der sengenden Sonne herum gelaufen. Für Abdalla ein klarer Verstoß gegen das Gesetz. Der Sheriff von Jefferson County, Ohio, sperrte Eve Hibitts wegen Vernachlässigung ihrer Kinder für eine Woche in den Knast.

Die Angst vor der Sonne grassiert nicht nur in Ohio. In vielen Industrieländern, in denen Sonnenbräune bisher für einen erfolgreichen Urlaub stand, gelten die ultravioletten Strahlen der Sonne neuerdings als heimtückische Bedrohung. So setzte das amerikanische National Toxicology Program UV-Licht vor drei Jahren auf die Liste der Krebs auslösenden Stoffe – neben Nikotin und Arsen. Auch im verregneten Großbritannien werden Stimmen von Hautärzten laut, die Eltern dafür haftbar machen wollen, wenn ihre Kinder Sonnenbrände erleiden. Und hierzulande formuliert die Deutsche Dermatologische Gesellschaft in ihrer Hautkrebskampagne Fit for sun einen Paradigmenwechsel. Es müsse für alle "selbstverständlich werden, dass sie sich in der Sonne nicht aus-, sondern anziehen".

Schluss mit dem geliebten Sonnenbad? Heißt es künftig: Nur noch in voller Montur zum Strand? Boulevardblätter beschworen schon beim ersten Wärmeausbruch Ende Mai die Apokalypse durch UV-Strahlen und Hitzewellen. Dank Treibhauseffekt und Ozonloch, so das Schreckensszenario, verwandele sich die Sonne in einen Todesstern.

Doch es gibt auch Gegenstimmen. Das natürliche Licht sei geradezu ein Allheilmittel gegen Herzinfarkt, Schlaganfall, Diabetes, Bluthochdruck und viele Krebsarten, schreibt der amerikanische Dermatologe Michael J. Holick in seinem soeben auf Deutsch erschienenen Buch Schützendes Sonnenlicht. Die Schwierigkeit bestehe nur, wie bei so vielen Dingen, im Finden des rechten Maßes. Damit allerdings scheinen sich besonders die Nordeuropäer schwer zu tun.

Die Zahl der Fälle von schwarzem Hautkrebs hat sich in Deutschland seit den siebziger Jahren verfünffacht. Im März veröffentlichte die Arbeitsgemeinschaft Dermatologische Prävention den Abschlussbericht einer Masseninspektion unter 366.000 Schleswig-Holsteinern. "Die Zahlen steigen dramatischer, als wir dachten", sagt Peter Mohr vom Dermatologischen Zentrum Buxtehude. Die Neuerkrankungsrate für schwarzen Hautkrebs betrage 20 Fälle pro 100.000 Einwohner. Bisher war man von 15 Fällen ausgegangen. "Wir haben inzwischen eine ganze Reihe Patienten, die Mitte 20 sind", sagt Mohr, "vor allem Frauen."

Der schwarze Hautkrebs, auch Melanom genannt, gilt als Sinnbild der Sonnengefahr schlechthin. Denn er ist besonders bösartig. Hat das Melanom erst einmal Metastasen gebildet, steht es schlecht um das Opfer. Die mittlere Überlebenszeit beträgt 8,1 Monate, nach fünf Jahren leben nur noch zwei Prozent aller Betroffenen.

Jürgen Bauer kennt diese Zahlen. Der Dermatologe, der von Tübingen nach San Francisco gezogen ist, kennt aber auch die Verlockungen der Freizeit. Wenn er auf sein orangefarbenes Rennrad Marke Cannondale steigt, führt ihn seine Fahrt von San Francisco aus nach Norden über die Golden Gate Bridge, die Berge hinauf, kurz an den Strand und über den Highway No. 1 wieder zurück. "Das ist schon eine verdammt nette Tour", sagt der Deutsche, der in den USA die Genetik des schwarzen Hautkrebses beforscht. "Aber wenn man beim Eincremen einen kleinen Flecken vergisst, ist der nach fünf Stunden verbrannt." Der Hautarzt hat bereits kleine Veränderungen an seinen Armen bemerkt – "Ich sehe viele von diesen kleinen, braunen Pünktchen aufschießen" –, und er liefert auch gleich die Diagnose: "Aktinische Lentigenes", ein Risikofaktor für Hautkrebs. Bauer wägt nüchtern die Gefahren ab: "Wenn ich keinen Sport treibe, sterbe ich eben nicht am Melanom, sondern am Herzinfarkt." Das Melanom ist sehr viel seltener als der Infarkt.