Das Museum war nie Zentrum. Fast immer wurde es irgendwo am Rand der Städte gebaut, oft im Grünen der alten Festungsgürtel, damals, vor gut hundert Jahren. In Bern hält man es bis heute so, auch wenn nun Autobahnen die Stadt umgürten. Und das Museum partout kein Museum mehr sein soll, sondern Zentrum: das Zentrum Paul Klee.

Schon von fern ist es zu sehen, ein mächtiges, neues Weg- und Werbezeichen an der Trasse Zürich-Thun, das von Bewegung kündet und von der Kunst des Wellenschlagens. Drei sanft dahinschwingende Bögen hat der Architekt Renzo Piano aus der Landschaft wachsen lassen, drei Hallen für die Kunst, für Forschung und für große Versammlungen. Drei Hallen, die sich sofort einprägen. Und darauf kommt es an: Paul Klee, der sich gern allen Begriffen entzog, der mal Bauhäusler war und strenge Farbraster entwarf, dann aber das Kind in sich entdeckte und den Linien freien, oft humorvollen Lauf ließ, Paul Klee, der sich vielfach gewandelt und gewendet hat, der am Ende ein in sich verschlungenes Werk hinterließ, 10.000 Bilder, wird nun von der Architektur auf Linie gebracht, auf die Wellenlinie der Vermarkter. Piano hat ein Logo gebaut und folgt damit der Logik der überhitzten Museumsbranche, nicht der Logik des Künstlers. Vieles in dessen Kunst wirkt vorläufig, rasch hingeworfen, oft sind es Wimmelbilder, zerstreut, rätselvoll und kleinformatig – und ausgerechnet sie müssen die stolzen Hallen füllen.

Allerdings lässt sich nicht behaupten, dies Haus sei ein Anti-Klee-Haus. Wer rundherum wandert, entdeckt, wie sich Kunst und Natur durchdringen, wie das, was eben noch große Geste war, von der Landschaft eingenommen wird. Die Rückseite des Museums, so zeigt sich da, verschwindet sanft und tief in der Erde, wird umschmeichelt von Kornblumen und Mohn, taucht ab unter ein wogendes Gerstenfeld. Der Bau sucht nach Ausgleich – und ist darin Klee recht nah, der die Linien seiner Bilder gern mit "dem Wachstum von pflanzlichen Gebilden" verglich. Er sah in der Kunst ein "Schöpfungsgleichnis" und war überzeugt: "Die Zwiesprache mit der Natur bleibt für den Künstler sine qua non." Entsprechend erwächst nun High Tech aus der Ackerkrume.

Dieser romantischen Ideenwelt, Klees Natur- und Gottesbild nachzuspüren, hätte sich für die Eröffnungsausstellung also angeboten. Doch mit Ideen, mit einer kunsthistorischen Sichtung hält sich das Museum nicht lange auf. In der einen Halle, die den Bildern vergönnt ist, bietet sich dem Besucher ein reichlich wirrer Parcours, gespeist von den locker-flockigen Assoziationen des Kurators Tilman Osterwold, der kreuz und quer durch Stile und Zeiten springt. Statt die Hintergründe der vielen Motiv- und Stilwechsel auszuleuchten, wird der Künstler so einmal mehr als der große Geheimnisvolle vorgeführt und geradezu entzeitlicht. Damit fällt die Ausstellung weit hinter die Einsichten gerade der letzten Jahre zurück. Da wurden Klees Arbeiten aus dem Jahr 1933 gezeigt, als ihn die Nationalsozialisten vertrieben und seine Kunst sehr direkt wird, zerstückt die Motive, die Figuren aufgescheucht. In Bern sind davon nur zwei, drei Bilder zu sehen, zusammengehängt mit ornamentalen Studien – als sei das eine so bedeutsam wie das andere. Es wird nicht erklärt, nicht gewichtet, im Keller, wo das Spätwerk zu sehen ist, fehlen sogar die üblichen Schildchen.

So gleichen sich Ausstellung und Architektur auf fatale Weise: Beiden gilt die Form weit mehr als der Inhalt, beide gönnen den Bildern nicht die nötige Intimität und vor allem nicht das richtige Licht. Der Himmel ist hässlich verhängt mit lauter Strippen und Leuchten, schummrig bleibt die Stimmung dennoch, und viele Werke dämmern vor sich hin. Die meisten sind auf Papier gemalt und vertragen nicht viel Licht, Tageslicht schon gar nicht. Allerdings würden sie viel strahlender erscheinen, wenn die Gesamthelligkeit der Halle schwächer wäre. Diese aber lässt sich nicht reduzieren, die Lampen für die Beleuchtung der Hallendecke haben keinen Dimmer. Auch in der Nachbarhalle, wo die Forscher sitzen, stimmt das Licht nicht, dort gibt es zu viel. Es brennt durch die Deckenfenster – und die Mitarbeiter studieren ihren Klee unter Sonnenschirmen. Dilettantischer ist lange kein Museum mehr geplant worden.

Woran das liegt? Vielleicht hätte die Stadt weniger überstürzt und großspurig planen sollen. Vielleicht wäre es besser gewesen, sich nicht von den Mäzenen unter Druck setzen zu lassen. Vor allem der Hauptsponsor Maurice E. Müller nahm großen Einfluss: bestimmte den Architekten, wählte das abwegige Grundstück und pochte auf seine "Vision". Er wollte ein Museum als Erlebnishaus, geeignet für Kongresse, für Tanz, Theater und Workshops im großen "Creaviva"-Labor. Entstanden ist so etwas wie eine Stadt in der Stadt, ein Geltungsraum für alles und jeden. Nun strahle ein Dreiergestirn an Berns Kulturfirmament, die Trias Müller, Piano, Klee, hieß es am Freitag bei der Eröffnung. Die Kunst ist nur noch ein 30-Prozent-Faktor, das Museum ohne Zentrum.