Dieser Schwung, das Draufgängertum, die Ungeduld der Triebe! Man muss nur die minutenkurze Champagnerarie hören und kommt von dieser alten Don Giovanni- Aufnahme aus dem Jahr 1959 nicht mehr los. Der junge Eberhard Wächter singt darin einen geradezu unflätig lebensgierigen Don, und die Streicher im Orchester treten mit rabiaten Akzenten die Türen der Sittsamkeit krachend ein. So aggressiv fordernd hat Don Giovanni nirgendwo sonst zu seinem Fest geladen. Am Dirigentenpult dieser Studioproduktion stand der 45-jährige Carlo Maria Giulini. In der vierten Aufnahmesitzung war er Hals über Kopf für den plötzlich erkrankten Otto Klemperer eingesprungen und spielte ad hoc eine (von Walter Legge produzierte) Jahrhundertaufnahme ein – mit Joan Sutherland als Donna Anna, Elisabeth Schwarzkopf als Donna Elvira und Giuseppe Taddei als Leporello. Mit dem Elan eines Feuerkopfs hatte sich Giulini mit attackierenden Tempi in das Stück gestürzt, ließ die Handlung expressiv zwischen Atemlosigkeit und Stillstand flackern und legte über die hochfahrenden Sängeremotionen eine rabenschwarze, lastende Nachtatmosphäre.

Der "Don Giovanni" ist nicht die einzige gloriose Aufnahme des Italieners aus den fünfziger und sechziger Jahren. Auch sein Verdi -Requiem von 1963 (ebenfalls mit dem Londoner Philharmonia Orchestra und einer exquisiten Sängerbesetzung) hat Schallplattengeschichte geschrieben: Man kippt schier aus dem Sessel, wenn der Tag des Jüngsten Gerichtes mit trocken grollenden Paukenschlägen, schwerem Blech und dem Dies Irae- Aufschrei des Chors anbricht. Unerbittlich fährt einem der Zorn Gottes in Mark und Bein. Niemand habe das Requiem so wütend dirigiert wie Giulini, schrieb der Journalist Richard Osborne: "übermächtig, mit niedermähenden Armbewegungen und Augen, die wild umherstarrten". Aber über die Wucht der Apokalypse hinweg lässt er überirdisch schön das Lux Aeterna, das ewige Licht, leuchten, und im Errettungsflehen des Libera Me klingt visionäre Hoffnung mit. Die Überwindung des Todes durch Menschlichkeit, durch Zuversicht und wahrhaftiges Fühlen – das war die zentrale Requiem- Botschaft des Italieners.

Gut, dass es die alten Giulini-Aufnahmen noch gibt, so kann man immer wieder darüber staunen, was für ein feuriges Temperament in der ersten Lebenshälfte in dem Dirigenten loderte. Denn ab Mitte der siebziger Jahre begann sich Giulini mehr Zeit für die Musik zu nehmen, viel mehr Zeit. Die Tempi tendierten zum Bedächtigen, seine Phrasierungen wurden ausladender und grüblerischer, der Ausdruck insgesamt schwerblütiger und klangdichter. Als hätte sich die stürmische See nach und nach zu einem stillen, tiefen Gewässer geglättet. Giulini jagte nicht mehr der Höllenfahrt des Don Giovanni oder Verdis Operndramatik hinterher. Von 1951 an war er als Nachfolger von Victor de Sabata musikalischer Leiter an der Mailänder Scala gewesen, hatte mit Maria Callas und Luchino Visconti zusammengearbeitet, mit ihnen unter anderem eine legendäre Traviata auf die Bühne gebracht und später der Gattung Oper, entnervt von den künstlerischen Kompromissen, die sie ihm abverlangte, auf Nimmerwiedersehen den Rücken gekehrt. Giulini widmete sich fortan der romantischen Symphonik. Brahms, Schumann, Bruckner, Schuberts große C-Dur-Symphonie und ausgewählte Mahler-Symphonien gehörten zu seinem bevorzugten, vergleichsweise schmalen Repertoire, dazu sakrale Musik wie die Bach-Oratorien, Beethovens Missa Solemnis oder die Requien von Mozart, Verdi und Fauré. Penibel geprobte und dementsprechend geistig weit dimensionierte und ausgelotete Interpretationen sind ihm mit diesen Stücken gelungen. "Ich glaube, dass die Kunst immer geistlich ist", lautet ein berühmtes Giulini-Bekenntnis, "ich kenne keine andere Kunst. Und außerdem bin ich gläubig, ich bin Katholik."

Aber wo, so fragt man sich, ist das Brio der frühen Jahre hin, wo ist die überschießende Energie von einst abgeblieben? War sie mit zunehmendem Alter aufgebraucht, oder hat sie sich nur verwandelt in einen heiligen Ernst, in groß angelegte Spannungsbögen, in Klangverdichtung? Mancher, in seiner gedehnten Ausdruckskraft dunkelrot glühende Adagiosatz offenbart die alte Gefühlshitze in anderer Erscheinungsform.

Giulini, Jahrgang 1914, im süditalienischen Barletta geboren und in Bozen aufgewachsen, hat sein Musikerleben als Bratscher begonnen und im römischen Orchestra Augusteo unter Furtwängler, Klemperer, Bruno Walter und Richard Strauss gespielt, bevor er 1944 zum ersten Mal am Pult stand – beim Festkonzert für die Befreiung Italiens durch die Alliierten. Victor de Sabata und Arturo Toscanini wurden seine Mentoren, von Letzterem hat er die strenge Probendisziplin und die Verachtung für Mittelmaß und "faule" Musiker übernommen, aber nicht dessen Selbstherrlichkeit.

Giulinis Erscheinung hatte nichts Auftrumpfendes. Er war der Typ des mit leiser, aber nachdrücklicher Stimme um Ausdruck bittenden Musikers. Seine Dirigierbewegungen waren konzentriert und elegant und ohne jede Showallüre. In seinen letzten Konzerten Mitte der neunziger Jahre wirkte er wie ein großes, weises Vogelwesen, das mit sanftem Flügelschlag die Musik in Bewegung hält. Und wer ihm persönlich begegnet ist, lernte einen unendlich warmherzigen und liebenswürdigen Menschen kennen, der in Demut vor der Musik schier zu zerfließen schien. Fragend und zweifelnd, ließ er sein Leben lang nicht locker, zu ergründen, "woher die Noten kommen, die ein Genie auf ein weißes Blatt Papier geschrieben hat". Einem unbefangenen Wahrheitsanspruch folgte er in allem, was er dirigierte. Er nahm ein Werk erst in sein Repertoire auf, wenn es ihn restlos überzeugte und er jede Note "zu lieben" gelernt hatte.