klassik Das große, weise VogelwesenSeite 2/2
Für künstlerische Machtpositionen hat sich Giulini nie interessiert, da war er die unbedarfte Gegenfigur zum sechs Jahre älteren Karajan. Nach seiner Zeit an der Scala gehörten das Londoner Philharmonia Orchestra und das Chicago Symphony Orchestra zu seinen Lieblingsorchestern, ohne dass er je deren Chef gewesen wäre. Drei Jahre lang leitete er Mitte der Siebziger die Wiener Symphoniker, nach sechs Jahren als Musikdirektor in Los Angeles ließ er sich in keine verantwortliche Position mehr einbinden und war bis zu seinem Rücktritt 1998 nur noch als gefragter, aber maßvoll auftretender Gastdirigent tätig.
Rückzug, Selbstzweifel, ja ängstliche Sorge um das Gelingen der Kunst sind Konstanten in Giulinis Biografie. Über Mahlers Neunte Symphonie sagte er, er könne sie nicht zu oft dirigieren, sie würde ihn zu sehr leiden machen. In seiner Interpretation mit dem Chicago Symphony Orchestra von 1977, ebenfalls eine Trouvaille in jedem CD-Regal, brauchte er für den ersten Satz so viel Zeit wie kein zweiter Dirigent. Ein skrupulöses, zögerndes Um- und Umwenden der Linien und Flächen ist da zu hören, getragen von einem ganz großen Atem. Das finale Adagio mit seinem betörend verlöschenden Schluss gibt er als minuziös und unsentimental ausagierten Auflösungsprozess ins Geistige.
In der vergangenen Woche ist Carlo Maria Giulini mit 91 Jahren in Brescia gestorben. Er war der unwiderruflich letzte Vertreter einer Dirigentengeneration, die mit Solti, Celibidache, Wand, Leinsdorf, Vegh oder Karajan die klassische Musik fast ein Jahrhundert lang geprägt hat. Giulinis Tod markiert das Ende eines Zeitalters.
- Datum 23.06.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 23.06.2005 Nr.26
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