Halb zwei. Die Nacht ist auf einem vielversprechenden Weg. In der Diskothek B5 in der Innenstadt von Frankfurt (Oder) wummern die Bässe im Techno-Rhythmus. Es ist Donnerstag, »99er-Party«: Wodka und Schnaps werden für 99 Cent verkauft, Doppelte. Kämpferisch gestylte Frauen zeigen sonnenbankgegrillte Haut, grell blondiertes Haar, Tätowierungen und Piercings an allen nur irgendwie sichtbar zu machenden Körperteilen. Kraftsportgeformte junge Männer mit sehr kurzen Haaren und Turnschuhen (Totalglatze und Springerstiefel sind neuerdings out) tanzen raumgreifend, sodass man ihnen leicht in die Quere geraten kann. Das freilich empfiehlt sich nicht. »Es kommt in Frankfurt kaum eine Gewalttat im Zusammenhang mit Alkohol vor, die nicht im B5 ihren Ausgang genommen hätte«, sagt ein Mitarbeiter der örtlichen Staatsanwaltschaft lakonisch.

Auch am Abend des 4. Juni 2004, einem Freitag, fließt hier Whisky-Cola literweise, dazu gibt es Ecstasy-Tabletten. Ronny B., 28, ein stadtbekannter Schläger und Neonazi, feiert mit Freunden. Im Morgengrauen nimmt sich die Gruppe ein Taxi und fährt in den Stadtteil Neuberesinchen – eine Plattenbausiedlung, die trotz heroischer Gegenwehr engagierter Anwohner und Sozialstaatsagenten, trotz mancher tapferen Balkongeranie alle Zeichen ostdeutschen Verfalls trägt. Früher lebten hier 22000 Menschen, heute sind es noch 10000. Fast die Hälfte der Wohnungen steht leer oder ist bereits abgerissen. Unkraut wuchert über den Schutthalden. Gewalt gegen die verbliebenen Gebäude ist an der Tagesordnung. Wer konnte, ist fortgezogen.

In der Wohnung von Daniel K., 21, einem unehrenhaft entlassenen Zeitsoldaten mit reichlich rechtsextremer Erfahrung, wird weitergetrunken. Kurz vor zehn Uhr morgens brechen Ronny B., Daniel K., der vorbestrafte Neonazi und Gewalttäter David K., 23, und zwei Freundinnen der Männer – Ramona P., 24, und Stephanie L., 19 – zu einem kurzen Spaziergang auf. Gleich um die Ecke wohnt ein »Kumpel«, mit dem Ronny B. »etwas zu klären« hat. »Körperverletzung gehört zu seinem Umgangsstil«, hat ein Psychologe der Justizvollzugsanstalt Frankfurt (Oder) bei B.s letztem Gefängnisaufenthalt (1997 bis 2002) nüchtern notiert. Für den Kumpel bedeutet das also mindestens: ein paar aufs Maul. Keine große Sache, milieuübliches Verhalten sozusagen.

Das Opfer blutet, schreit – aber natürlich bekommt kein Nachbar etwas mit

Vor dem Haus, in dem B. seinen Bekannten anzutreffen hofft, stößt die alkoholisierte Gruppe auf den arbeitslosen Baumaschinisten Gunnar S., 34, der gerade zum Einkaufen geht. Aufgeputscht, zugedröhnt, doch, wie das Gericht später feststellte nicht unzurechnungsfähig, beginnen Ronny B., David K., Daniel K., Ramona P. und Stephanie L. in den nächsten Minuten ein Verbrechen, für das sie in der vergangenen Woche zu hohen Strafen verurteilt wurden – und dessen Brutalität und Perversion selbst das einigermaßen abgebrühte Landgericht Frankfurt (Oder) erschütterten.

Die drei Männer zwingen Gunnar S., ihnen zu folgen – unter dem erfundenen Vorwurf, er habe eine 15-Jährige vergewaltigt, sei also ein »Kinderficker« und müsse bestraft werden. Sie dringen in die Wohnung von B.s Bekanntem ein. Den verprügeln sie zuerst, wie geplant. Doch dann fangen sie an, ihr eigentliches Opfer zu traktieren. Gunnar S. sei »nicht arisch«, schreit Daniel K.; selbst sein Hund sei mehr wert als der Gepeinigte. Unter den Anfeuerungen und dem Gelächter der Frauen (beide wurden der Beihilfe zu einer besonders schweren Vergewaltigung für schuldig befunden) schlagen und treten die Männer Gunnar S. Sie nötigen ihn, sich auszuziehen. Er muss Ronny B. oral befriedigen. Er muss nackt durch die Wohnung kriechen und bellen. Ronny B. rammt ihm mehrere Messergriffe, eine Toilettenbürste, den Stiel einer Suppenkelle, den Griff eines Nudelsiebs und den Stil eines langen Holzlöffels in den Darmausgang. Gunnar S. wird lebensgefährlich verletzt. Er blutet. Er schreit.

Der Tatort, das Haus Nummer fünf in der Thomasiusstraße, ist vier Stockwerke hoch, würfelförmig. Im Sommer stehen die Balkontüren offen, die Wände sind hellhörig. Aber natürlich hat kein Anwohner etwas von dem Aufruhr mitbekommen – ebenso wenig wie die Nachbarn ein paar Häuser weiter, als dort vor sechs Jahren zwei von ihrer Mutter eingesperrte kleine Jungen tagelang ihrem Tod durch Verdursten entgegenwimmerten. Dabei scheint es in der Einzimmerwohnung in Nummer fünf zugegangen zu sein wie auf einer besonders makaberen und lauten Party: Neben dem geschockten Mieter und seiner Freundin tobte sich die grölende Fünferhorde aus; Handys klingelten; Ramona P.s Freund kam vorbei, stritt mit ihr, ging wieder; über dem allgemeinen Lärm gellten die Schmerzensschreie des Opfers.

Gunnar S. muss Kot und Blut auflecken, außerdem sein eigenes Erbrochenes aus der Toilettenschüssel. Ronny B. uriniert in seinen Mund. Das Opfer wird gezwungen, Öl aus einer Fritteuse, Rasierschaum und Taubenkot zu schlucken. Und so weiter, und weiter, und weiter. Zweieinhalb Stunden lang. Kein Mitleid. Kein Ende. Schließlich hindern die vier anderen Ronny B. daran, Gunnar S. zu erstechen.