iran Iranische Rolle rückwärts

So hatten es sich alle vorgestellt: Der Präsidentschaftskandidat Rafsandschani wird als klarer Sieger aus dem ersten Wahlgang hervorgehen. Doch das iranische Volk sorgte wieder einmal für eine Überraschung

Es gibt vieles, was man Akbar Haschemi Rafsandschani vorwerfen kann. Korruption, Mordkomplott, Misswirtschaft, Terrorismus – alle diese Schrecklichkeiten ließen sich irgendwie in Zusammenhang mit ihm bringen, aber eben nur irgendwie. Eines aber konnte man bisher ausschließen: dass Rafsandschani die Iraner nicht kennt.

Das hat sich nun geändert. Rafsandschani muss sich vorwerfen lassen, dass er die Stimmung im iranischen Volk falsch eingeschätzt hat. Er hat als Kandidat für die Präsidentschaft 21 Prozent der Stimmen erhalten, knapp mehr als Mahmud Ahmadi Nedschad, der 19 Prozent bekam. Am Freitag kommt es zu einer Stichwahl, das hat es in der Islamischen Republik noch nie gegeben. Rafsandschani hat vielleicht damit gerechnet, dass er die 50 Prozent beim ersten Durchgang nicht schafft, aber dass er gegen einen Machmud, wie hieß er noch gleich?, einen gewissen Mahmud Ahmadi Nedschad kandidieren muss?! Bei Gott, niemals hätte sich Rafsandschani das vorgestellt.

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Gott soll hier erwähnt werden, weil er es war, der Rafsandschani in den Wahlkampf geschickt hat. Nicht direkt und offen, sondern irgendwie, wie alles immer irgendwie und ungefähr ist bei Haschemi. »Ich habe mich bis zum letzten Abend nicht entschließen können, die bittere Pille der Kandidatur noch einmal zu schlucken«, sagte er während des Wahlkampfes, »Aber dann sah ich mich am Tag des Jüngsten Gerichts vor dem Herrgott stehen, und er fragte mich, warum ich nicht noch einmal angetreten bin. Ich hatte Angst, dann vor Gott ohne Antwort zu stehen.«

Und so machte sich das alte Schlachtross der iranischen Revolution noch einmal auf, um jenes Amt zu erobern, das er zwischen 1987 und 1996 bereits innegehabt hatte. Er glaubte, leichtes Spiel zu haben. Denn er hat allen anderen Konkurrenten vieles voraus. Er besitzt Erfahrung als Staatsmann, er hat gute Kontakte gleichermaßen zu den mächtigen konservativen Klerikern wie zu den Reformpolitikern, er ist vor allem unter den Europäern als ein Händler angesehen, einer, mit dem man Geschäfte machen kann – und wer wollte in Teheran nicht einen Mann sitzen haben, mit dem man Deals abschließen könnte? Es gibt ja viel Brisantes zu bereden, zum Beispiel die Nuklearfrage. Da ist Berechenbarkeit eine willkommene Tugend, und die schrieb man Rafsandschani zu.

Schön wäre das alles gewesen, für Rafsandschani, für die Geschäftsleute, für das Ausland, mit Ausnahme freilich der USA, aber die sind ohnehin in toto gegen die Islamische Republik Iran. Für alle anderen wäre die Wahl Rafsandschanis wie ein Fest von alten Bekannten. Man trifft sich bei dieser Gelegenheit, man mag einander nicht besonders, aber findet ein Auskommen, weil es um die Sache geht, wobei »die Sache« die Atombombe sein kann, politische Stabilität, Erdöl oder schlicht und einfach Geld. Iran ist ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten, wenn am Eingangstor einer sitzt wie Rafsandschani. Er kann mit allen, und alle können mit ihm, irgendwie natürlich nur, aber bestimmt immer zum eigenen Vorteil. Und nun ist nichts daraus geworden, vorerst jedenfalls. Dieser Mahmud Ahmadi Nedschad hat alles verdorben. Das Fest ist erst einmal abgesagt. Alle beschäftigen sich mit der schwierigen Frage, wie Ahmadi Nedschad so überraschend und ungestüm auf den zweiten Platz stürmen konnte. Er selbst hatte damit offenbar nicht gerechnet. Seine Helfer mussten nach dem Bekanntwerden des Wahlergebnisses schnell ein Podium zimmern, von dem aus er seinen »Sieg« verkünden konnte.

Es gibt den Vorwurf, dass Ahmadi Nedschad vom konservativen Wächterrat in diese Position mittels Manipulationen gebracht wurde. Indizien sind vorhanden, die sollte man ernst nehmen. Zu sagen ist auch, dass dem Wächterrat die plumpesten Manöver zuzutrauen sind. Das erklärt vielleicht ein paar Prozentpunkte, aber nicht den Gesamterfolg Ahmadi Nedschads, denn keiner, wirklich keiner hatte mit ihm gerechnet. Es ist schwer zu glauben, dass der Wächterrat den Mann etwa von null Prozent auf 19 hochhieven konnte – das wäre zu viel der Verschwörungstheorie.

Wie also kann man die Popularität eines Mannes erklären, der Sätze sagt, von denen man glaubte, sie seien im 21. Jahrhundert selbst in Teheran ein Ding der Unmöglichkeit. »Wir haben die Revolution nicht gemacht, um Demokratie zu bekommen!« Da reibt man sich die Ohren.

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