Wann diese Geschichte beginnt, weiß nicht einmal ihr Autor. Vielleicht vor fünf Jahren, als die Bilder wieder auftauchten, sepiabraune Fotografien von Menschen, die einen Hügel am Rande der Stadt bewohnten, während drunten im Valley sich sechsspurige Highways wie Riesenraupen ins Land hineinfraßen. Vielleicht damals, als die ersten Soundfetzen herübergeweht kamen, da war Ry Cooder zwölf. Vielleicht auch schon viel, viel früher, zu Zeiten des goldenen Westens, als die amerikanische Regierung Einwanderer nach Kalifornien lockte mit dem Versprechen, sie könnten hier, am Rand des Kontinents, das neue Eldorado finden. "Gosh, wer soll das auseinander halten", sagt Ry Cooder und macht eine seiner elegischen Gesprächspausen. Entscheidend ist, dass die Story überhaupt so lange auf ihn gewartet hat.

Es war in den Fünfzigern, als er das erste Mal von Chávez Ravine hörte. Damals lebte Amerika in Furcht vor Kommunisten, Ufos und anderen Invasoren, und schon damals hatte die Angst der Erwachsenen etwas Faszinierendes, wenn man als Kind den Gesprächen im Wohnzimmer der Eltern folgte, untermalt von den Stimmen Roy Rogers’ oder Johnny Cashs aus dem Radio. Sie waren Boten einer Welt, von der unklar blieb, wo sie lag, "1000 Meilen entfernt oder gleich vor der eigenen Haustür". Dann kamen die Sechziger, der gescheiterte Versuch, so etwas wie ein Rockstar zu werden, und Cooder zog es hinaus. Er musste erst entlegene Musiken in entlegenen Weltwinkeln ausgraben, als Komponist von Soundtracks reüssieren, seine südnordamerikanische, halb malische, hawaiianische und kubanische Phase hinter sich bringen, welche letztere bekanntlich eine Combo sympathischer Greise berühmt machte, um als ergrauter Mittfünziger nach Los Angeles zurückzufinden, in die Stadt, in der er geboren ist, um sich endlich an Chávez Ravine zu erinnern.

Wo der Pachuco Boogie zu Hause war, steht nun ein Baseball-Stadion

Wer so viel Zeit verstreichen ließ, hat beim Versuch, in einem Pariser Hotelzimmer für seine Sache zu werben, keine Eile. Ryland Peter Cooder, der praktizierende Idealist und Sucher, den alle nur Ry nennen, weil er mit seinen Hawaiihemden und der gedehnten Diktion wie die prototypische Verkörperung des lässigen Kaliforniers wirkt, will genau und richtig verstanden werden. 350000 privat vorgeschossene Dollar stecken in Chávez Ravine, dem ersten unter eigenem Namen erschienenen Album seit seinem Entschluss, lieber hinter den Kulissen zu wirken. Nicht mit Geld aufzuwiegen allerdings sind die Stunden in den Archiven, die Nächte im Studio und die damit verbundenen Begegnungen. In einer Zeit, in der die amerikanische Paranoia mit Macht zurückgekehrt ist, schreit auch die Geschichte von Ufos, Fremden und braven Bürgern nach einer Revision. Man könnte von einer Heimkehr sprechen, fände er selbst den Begriff nicht irreführend. "Das würde ja heißen, dass ich jemals dort gewesen wäre. Was nicht der Fall ist."

Nein, droben auf dem Hügel war er nie, aber den Klang hat er noch im Ohr. Chávez Ravine ist eine Erzählung vom verlorenen Paradies. Die Perspektive ist die eines alt gewordenen Träumers, der zu spät kommt, um es noch selbst zu erleben, aber gerade noch rechtzeitig, um die Erinnerung daran zu bewahren. Ihr Ort ist Kalifornien, das gelobte Land am Ende der Neuen Welt, wo die Siedler bei dem Versuch, weiter zu erobern, nur noch das Meer vorfanden und also eine große Stadt entstand, die sich aus Mangel an Platz in die umliegenden Täler und Berge ausdehnte. Einer weniger offensichtlichen amerikanischen Tradition zufolge aber entzündet die Geschichte sich nicht an den Revolver schwingenden Helden des Westens, sondern an der Siedlung am Rande, dem Dorf in der Stadt. Und weil dessen Name schon immer poetisch klang, handelt es sich zugleich um eine Erzählung aus der Kindheit, deren Sehnsüchte einen ein Leben lang verfolgen.

"Chávez Ravine, where the sidewalk ends …" Der Name stand einmal für ein Stadtviertel, das sich in den ersten Nachkriegsjahren nordöstlich der Innenstadt erstreckte, in den Grenzen eines Gebiets namens Elysian Park. Bewohnt wurde es von Flüchtlingen aus Mexiko, und wie alle Flüchtlinge versuchten auch sie, die Hoffnung auf eine bessere Zukunft mit den mitgebrachten Traditionen zu versöhnen. Auf den Bildern des Fotografen Don Normark sind spielende Kinder zu sehen, wetterzerfurchte Alte und Jugendliche mit James-Dean-Frisuren, deren schrottige Limousinen vor den Hütten parken, gleich gegenüber der Veranda, wo man sich traf wie früher um den Dorfbrunnen: eine Ghetto-Idylle, allerdings eine Idylle auf Zeit. Als die Stadt weiter expandierte, stiegen die Bodenpreise ins Unbezahlbare. Die Bewohner, unkundig in Rechtsdingen und großenteils Analphabeten, mussten weichen, dann kamen die Bagger. Man kann nach Chávez Ravine schon deswegen nicht zurückkehren, weil nichts davon geblieben ist. Auf seinem Grund und Boden steht seit 1961 das Stadion der Dodgers.

"Gosh", seufzt Cooder, "sie haben wirklich ganze Arbeit geleistet." Im Sozialismus, dem er lange Jahre hinterherreiste, blieb aus Mangel und purer Müdigkeit manches verschont, doch gegen die Hypereffizienz des eigenen Systems ist kein Kraut gewachsen. Kein Wunder, dass ein von Normark und anderen geplanter Dokumentarfilm nie realisiert wurde – es gab einfach nichts mehr zu zeigen. Cooder wäre allerdings nicht Cooder, wüsste er dem Verlust nicht mit den Mitteln des musikalischen Utopisten zu begegnen. Zumindest zwei Veteranen ließen sich noch auftreiben: Lalo Guerrero und Don Tosti, der König des Pachuco Boogie, beides Figuren, die damals in der mexikanischen neighborhood von Los Angeles aufgetreten sind und, begeistert von der Idee, ihrer alten Nachbarschaft ein Denkmal zu setzen, mit ins Studio kamen. Wo zuvor der blinde Gang der Dinge waltete, erklingen jetzt zumindest wieder Stimmen und Gitarren. Sie erzählen von Boxkämpfen, Tanzabenden und anderen Freuden des kleinen Mannes, während im Hintergrund das Unheil sich zusammenbraut.

Eine "magisch-realistische Straßenoper" hat Mike Davis das Ergebnis genannt. Cooder findet, dass auch das die Sache nicht hundertprozentig trifft, so wenig wie der Vergleich mit der Westside Story oder Thornton Wilders Kleiner Stadt, aber nichts gegen Mike. Mit Davis, dem linken Urbanisten und Chronisten von Los Angeles, verbindet ihn das Interesse für Lokalgeschichte. Alle Details sind sorgfältig recherchiert, aus Büchern und Augenzeugenberichten zusammengetragen. Den dritten Rang im Dodger Stadion, von dem einer der Songs erzählt, gibt es wirklich, bei Pflichtspielen treffen sich dort die Landlosen, um eine Gedenksekunde für ihr Viertel einzulegen. Frank Wilkinson aus dem Stück Don’t Call Me Red war tatsächlich einmal ein engagierter Sozialplaner, der während der McCarthy-Ära von seinen Gegnern mundtot gemacht wurde. Und nicht nur die Guten haben hier ihre Lieder. Im gespenstischsten Song des Reigens kriecht eine Stimme in die Hirnwindungen eines Mannes, der aus dem obersten Fenster des Rathauses auf das Land zu seinen Füßen herabschaut. Ganz böser Prophet, gibt er im Nachdenken seine Vision preis: "Can’t you see a 50-storey building where a palmtree used to be?"