TESTETDie echten Stars

Wolfram Siebeck besucht in London das berühmte Restaurant des Fernsehkochs Jamie Oliver. Davon muss er sich hinterher bei wirklich guten Köchen erholen von Siebeck

Fernsehköche – auch wenn sie eigentlich gar keine richtigen Köche sind – zahlen einen hohen Preis für ihre Popularität: Das Publikum hält sie für Kenner, für die Besten der Besten. Als der (es ist nun schon einige Jahre her) eine Umfrage nach dem besten Koch Deutschlands startete, führte Alfred Biolek die Liste an. Experten schlugen ihre Hände vors Gesicht, die Redaktion des Magazins in Hamburg bemühte sich um Fassung.

Es verwundert also nicht, dass ein TV-Koch wie Jamie Oliver zwar weltberühmt ist, aber bei den etablierten Gourmet-Führern nur unter "ferner liefen" geführt wird. Was natürlich nicht verhindert, dass sein bescheidenes Lokal ständig ausgebucht ist und seine ebenfalls populären Kochbücher hohe Auflagen haben. Übrigens nicht unverdient: Sie künden von einem vernünftig-lockeren Umgang mit der Materie, wobei dem Leser die Furcht vor der Kochkunst genommen wird.

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Dennoch hat der Guide Michelin dem "naked chef" für sein Restaurant nur eine nackte Gabel zugestanden, der bescheidenste Eintrag, der im roten Guide möglich ist. Wenn trotzdem in seinem Fifteen im unattraktiven Norden Londons an der City Road abends in zwei Schichten serviert wird, ist auch das ein Preis für Jamies Fernsehprominenz. Nur dass den diesmal der Gast zahlt: tasting menu sechzig englische Pfund.

Der Name des Lokals bezieht sich auf die fünfzehn Angestellten, die den Hochbetrieb zu bewältigen versuchen. Es sind Jugendliche, Sozialfälle und andere problematische Typen, denen Oliver eine Chance bietet, ihr Leben über Püree von weißen Bohnen wieder in den Griff zu kriegen. Außerdem sind es überaus freundliche Menschen, was die Stimmung im Lokal deutlich beeinflusst. Es ist im Fifteen so laut wie in einer Disco – und das ohne Musik. Der Laden liegt im Keller, in dem ein Spraydosenartist die Wände nicht ungeschickt bearbeitet hat. Das Publikum ist unter dreißig, Opas wie ich sollten ihre Hosen zerreißen, bevor sie sich in den lärmenden Kindergarten wagen.

Unter dem tasting menu darf man sich nicht eine etepetete Oper vorstellen, wie sie in eleganten Lokalen zelebriert wird. Es gibt zuerst was aus dem Löffel, dann sehr gute Ravioli in der Brühe, gefolgt von Steinbutt auf einer etwas ordinären Ratatouille. Den Abschluss bilden zwei sehr leckere Cremes, Schoko und Panna cotta. Auch das Brot ist gut, und auf der Weinkarte lassen sich nicht wenige Weine finden, die eines Versuchs wert sind. Ich trank einen australischen Shiraz, der hieß Wirra Wirra, und nahm mir vor, mich nicht mehr über Namen lustig zu machen.

In der Menge der Londoner Ein-Stern-Restaurants verstecken sich einige, die der Erwähnung wert sind. (Menge bedeutet 31. Berlin bringt es gerade mal auf 7.) Da ist der Savoy Grill, jahrzehntelang Treffpunkt der Schönen und Reichen, wo Noël Coward seinen Stammtisch hatte, das Mirabelle, ebenfalls ein Anziehungspunkt für Glitz und Protz, sowie das achtbeste Restaurant der Welt, das Tom Aikens.

Jedenfalls steht es auf der vom ansonsten seriösen Guardian herausgegebenen Bestenliste an achter Stelle. Nach meinen Erfahrungen mit den anderen Gewinnern dieser Umfrage unter 600 so genannten Experten näherte ich mich dem Ort der gastronomischen Spitzenleistung nur zögernd. Das lag am trotz Citymaut noch immer zähen Verkehr, durch den sich mein Taxi mühte. Es sind einfach zu viele Menschen unterwegs, die alle nur eines im Sinn haben: hinein in die nächste Kneipe und was Billiges futtern. Sie stehen beim Essen sogar bis vor den Türen der Schnellimbisse, mittags im Hemd und Schlips, abends in der Unterwäsche. Unsere Gastronomie wäre wahrscheinlich glücklich, wenn sie die Hälfte davon bewirten könnte, auch wenn die nackt wäre.

Auf Platz 8 der 50 weltbesten Restaurants, die vom Guardian aufgelistet wurden, steht also Tom Aikens. Der Koch Tom Aikens, der dem Restaurant seinen Namen gab, hatte schon vor zehn Jahren im Pied a Terre eine sehr gute Presse. Er gehörte zu den jungen Antitraditionalisten, die, zusammen mit Gordon Ramsay und anderen, den Beefsteakköchen mal zeigen wollten, wie eine moderne Küche aussieht und schmeckt. In diesem Sinne ist Tom Aikens sich treu geblieben.

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  • Schlagworte Jamie Oliver | Michelin | London | Berlin | Brunei | Dover
  • Models present creations from the Felder & Felder Autumn/Winter 2013 collection during London Fashion Week, February 15, 2013. REUTERS/Olivia Harris (BRITAIN - Tags: FASHION)

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