Am Strand der Räuber

In Portugal überfielen Jugendliche Hunderte von Badegästen. Verdächtigt werden Kinder von Einwanderern. Ein Besuch in den Slums von Lissabon

Es ist Freitag, 14 Uhr, als der Cafébesitzer Helder Gabriel Unruhe am Strand bemerkt. Der Himmel ist bedeckt an diesem 10. Juni, dem portugiesischen Nationalfeiertag, viele Schüler haben die Schuljahresprüfungen hinter sich. Die Handtücher der Badegäste berühren sich fast. Helder Gabriel sitzt im Windsurf Café am Strand von Carcavelos, 20 Kilometer vor Lissabon. Genau kann er nicht erkennen, was vor ihm in der Nähe des Volleyballfeldes geschieht, mehrere Schwarze haben einen auffallend dichten Kreis gebildet. Menschen rennen durcheinander.

»Etwas stimmte nicht«, sagt Gabriel.

Anzeige

Er schließt das Café, nimmt seine Fotokamera, macht ein paar Bilder, dann ruft er die Polizei und das Fernsehen. Man könnte sagen, dass Helder Gabriel schuld ist. Schuld daran, dass sein Strand es bis in die BBC schaffte und auf die Fernsehschirme der Welt. Für die ist Carcavelos nun ein gefährlicher Ort – jener Ort, an dem angeblich 500 Schwarze einen Strand überfielen und Badegäste ausraubten. Solche Bilder kannte man bisher nur aus Brasilien. Es war wie ein Zeichen: Die Dritte Welt hat Europa erreicht.

Die Fotos von diesem Tag liegen vor Gabriel auf dem Tisch des Cafés verteilt, ab und zu zieht er eines hervor. Es ist Abend, der weite Strand fast leer. An der Ostseite wirft die Festung des Verteidigungsministeriums einen riesigen Schatten. Gabriel ist 35, seine dunklen Haare sind abrasiert. Er wurde in Angola geboren, seine Großmutter war eine Schwarze, der Großvater ein Weißer. Keiner soll ihn für einen Rassisten halten. Gabriel sagt, an jenem Tag seien anfangs nur zwei Polizisten am Strand gewesen.

Immer mehr Beamte treffen ein, schießen mehrmals in die Luft. Die Jugendlichen bewerfen sie mit Sand gefüllten Wasserflaschen. Gabriel schätzt ihre Zahl auf 100. Badegäste geraten in Panik, flüchten, rennen durcheinander. Die Jugendlichen nutzen das Chaos, um einige Rucksäcke zu stehlen. Das ist Helder Gabriels Version. Bis heute hat niemand eine Anzeige erstattet. Gabriel deutet auf ein Foto, ein weißes Kind versteckt sich hinter seiner Mutter, ein Schwarzer hält etwas in der Hand. Gabriel meint, es sei eine Waffe. Zu erkennen ist sie nicht. Am Ende sind etwa 60 Polizisten da. Die Jugendlichen verschwinden in Richtung Bahnhof von Carcavelos, laufen vorbei an den schicken Villen der oberen Mittelschicht und werfen Steine auf die Polizisten. Das nahe Einkaufscenter schließt. Die Polizei eskortiert die Jugendlichen bis nach Lissabon. Vier Männer werden festgenommen, kurz darauf aber wieder freigelassen.

Am nächsten Tag erscheinen Gabriels Bilder in den Zeitungen. Arrastao steht in den Überschriften, »Schleppnetz« – das ist die Art, nach der Jugendliche an den Stränden von Brasilien wie auf Kommando alles stehlen, was ihnen in die Hände fällt.

Hulda Marques erzählt eine andere Geschichte. Sie ist 15 und lag mit ein paar Freunden nur ein paar Meter von der Stelle entfernt, wo alles begann. Sie sagt, es habe einen Streit zwischen zwei Gruppen von jungen Schwarzen gegeben, insgesamt höchstens 30 Menschen. Es folgte ein Rangelei, bei der einer von ihnen gestürzt sei. Daraufhin sei die Polizei angerückt, habe geschossen. Im Chaos danach hätten einige begonnen zu stehlen, andere hätten das beobachtet und sich spontan angeschlossen. Keine Spur von Organisation.

Helder Gabriel dagegen hält seinen Strand auch heute für gefährlich. Der Rettungsschwimmer habe bereits gekündigt. Vielleicht nimmt Gabriel auch nur ein bisschen Rache, die schwarzen Jugendlichen haben in den vergangenen Jahren nur Leitungswasser bei ihm bestellt. »Die sind hier geboren. Sie wurden in Hochhäuser gesteckt und tragen die Gewalt von dort hierher«, sagt er. Sie kämen aus den Vorstädten Lissabons, wo sie in geschlossenen Vierteln lebten, in denen kein Portugiesisch gesprochen werde. Gabriel steckt seine Fotos wieder in einen Umschlag.

Monica Goracci, Büroleiterin der Internationalen Organisation für Migration in Portugal, wertet den Vorfall in Carcavelos als Symptom eines gesellschaftlichen Konflikts. Etwa eine halbe Million Ausländer leben in Portugal. Die meisten kamen nach der Nelkenrevolution 1974 aus den portugiesischen Kolonien ins Land. »Deren Kinder fühlen sich nirgendwo zugehörig«, sagt Goracci. Sie identifizieren sich nicht mehr mit der Heimat ihrer Eltern, die sie nicht kennen, aber auch nicht mit ihrem Geburtsland Portugal. Die erste Generation habe demütig gearbeitet, die zweite fordere nun Wohlstand und Anerkennung. In Portugal gab es bisher kaum Debatten über »Parallelgesellschaften« oder »Leitkultur« wie in Deutschland. Die Portugiesen gelten als tolerant, vier Millionen haben selbst ihr Land verlassen.

»Die Mütter erziehen die Kinder, die Männer hauen ab«

Besuch bei der zweiten Generation: Eine Fahrt in die Vorstadt Zambujal, Teil von Amadora, einem ehemaligen Vorort von Lissabon, heute eine eigene Stadt. Von Zambujal erzählen die Sozialarbeiter: Wenn dort einer sterbe, warteten vor der Tür schon die Nachbarn, um die Wohnung zu übernehmen. An den Straßenrändern stehen Neubauten aus den siebziger Jahren, die Fassaden schimmern grau, die Rollläden sind heruntergelassen. Ein paar junge Männer sitzen an einer Ecke, spielen Karten, Bisca, eine Art Doppelkopf, trinken Sagres-Bier. Ihre Jeans hängen tief, in den Ohren stecken glitzernde Strasssteine.

Gegenüber im Friseursalon Anita sitzt Augusta Pina. Sie ist hier geboren, ihre Eltern stammen von den Kapverdischen Inseln. Augusta ist 29, ihre schwarzen Haare reichen ihr fast bis zur Schulter. Vergangene Woche haben sie aus dem Jugendclub gegenüber einen Laptop geklaut, Augusta hat davon gehört. Sie wechselt schnell das Thema. Der Leiter des Clubs sagt, die Jugendlichen wüssten, wer es gewesen sei, verraten würden sie es nie. Das ist Gesetz.

Augusta Pina dreht sich auf ihrem Friseurstuhl hin und her. Im Fernsehen läuft eine brasilianische Serie. Ein afrikanischer Albino läuft im Salon umher und wiederholt unentwegt den Namen seines Viertels. Zambujal, Zambujal. Augusta lächelt. Sie hat den Abschluss der fünften Klasse und verkauft mit ihrer Mutter Fisch. Ihr Mann ist nach England verschwunden und hat sie mit zwei Kindern zurückgelassen. »Die Mütter erziehen die Kinder, die Männer hauen ab.« Augusta hat die portugiesische Staatsbürgerschaft, weil sie vor 1981 geboren wurde. Danach wurde das Gesetz geändert. Alle, die nach 1981 in Portugal als Kinder von Einwanderern geboren werden, bekommen nicht mehr automatisch die Staatsbürgerschaft, sondern nur eine Aufenthaltsgenehmigung, die alle paar Jahre verlängert werden muss. Theoretisch dürfen sie dann irgendwann auch die Staatsbürgerschaft beantragen. Das dauert und ist kompliziert.

Von der Straße dringt »Kizomba«, afrikanischer Pop in den Salon. Augusta Pina schaut hinaus, Männer lehnen an den Autos, einer hat auf dem Bürgersteig einen Grill aufgestellt. Freizeit, ein Leben lang. »Mein Viertel ist ein Drogenumschlagplatz«, sagt Augusta. Drei ihrer Freunde sind in den letzten Jahren gestorben. Von Carcavelos hat Augusta natürlich gehört. Sie dachte, es seien Brasilianer gewesen oder welche aus Cova da Moura. Dort sei es noch viel schlimmer als in ihrem Viertel, viel heruntergekommener. Niemals würde sie dorthin gehen. Zambujal und Cova da Moura sind nur durch eine Schnellstraße voneinander getrennt.

Kamen die Jugendlichen aus Cova da Moura? Offiziell will die Polizei nur nach zeitraubenden Anträgen etwas zu den Überfällen in Carcavelos sagen. Die Zeitungen berichten täglich. Rechtsradikale haben gegen Ausländer demonstriert. Die Portugiesen sorgen sich um ihre Tourismusindustrie. Der Mann von der Öffentlichkeitsarbeit im Lissaboner Polizeihauptquartier mag erst gar nichts sagen, redet dann doch kurz. Es ist ihm sehr unangenehm. Dass die Jugendlichen vom Strand unter anderem aus Cova da Moura stammten, sei bewiesen. Da es aber keine Anzeige gegeben habe, ist offiziell nichts gestohlen worden. Das Wort Arrastao hält er für übertrieben. Auch die Anzahl der beteiligten Jugendlichen müsse man noch einmal genau prüfen. Kleinere Diebstähle gebe es jedes Jahr an den Stränden. Nur diesmal lief es im Fernsehen. Alles werde jetzt erst einmal gründlich untersucht, sagt er und beendet das Gespräch.

Cova da Moura also. Das Viertel mit dem schlechtesten Ruf Portugals. Anfang dieses Jahres wurde hier ein junger Polizist erschossen. Und vor vier Jahren tötete ein Polizist hier Angelo Jesus Correia, den Sohn von Maria Amelia Correia. Ihr Fall steht auch für das Versagen der ersten Generation. Es ist ein Geschichte von sozialer Not, geringer Bildung, Kriminalität und Alkohol, wie viele im Viertel sie erzählen könnten.

Die ältere Dame kocht in einem Café ohne Namen in einem großen Topf Hühnchen mit Gemüse. Mittagessen für einen ihrer Söhne. In ein paar Stunden wird Maria Correia ihn im Gefängnis besuchen. Es ist sehr heiß. Auf ihrer pinkfarbenen Bluse haben sich runde Flecken gebildet. Sie ist 55, hat neun Kinder zur Welt gebracht und trägt über ihren schwarzen Locken ein rosa Stricknetz. Die Cafétür steht offen, ihr Blick fällt auf die Straßen, an deren Rand sich schiefe zweistöckige Häuser ducken. Die Hausnummern sind mit Farbe an die Fassaden gemalt. Dieses Viertel entspricht keiner EU-Norm. Deshalb soll es erneuert werden. Der Bürgermeister von Amadora würde es am liebsten ganz abreißen. Verschwinden soll die Schande.

Ein Straßenfeger betritt Maria Correias Café, lehnt sich an die Theke, nimmt ein Bier. »Die Straße wird heute das erste Mal seit drei Jahren wieder gefegt«, sagt er. Am nächsten Tag soll der Präsident Cova da Moura besuchen, und Maria Correia wird ihm das Geschenk des Viertels überreichen. Der Straßenfeger lässt seinen Blick über die Einrichtung gleiten, weiße Kacheln, Whiskyflaschen in Regalen aus Glas und Aloe Vera am Eingang, gegen den bösen Blick. »Vielleicht hätten wir nicht so viele Einwanderer ins Land lassen sollen«, sagt er. Maria Correia hat ihn nicht richtig gehört. Sie erinnert sich noch genau, mit 25, vor 30 Jahren kam sie von den Kapverdischen Inseln in das Viertel. Sie ist ihrem Mann gefolgt. Große Liebe? Sie blinzelt. Nein. Wenn er trinke, werde er krank im Kopf. Damals standen in Cova da Moura nur Holzhütten mit Blechdächern. Es gab keinen Strom. Wasser holte sie von einem Brunnen auf der Straße. Gemeinsam mit ihrem Mann begann sie, innen, hinter den Holzwänden ihrer Hütte ein Haus aus Steinen zu bauen. Als sie fertig waren, fielen die Bretter, und darunter erschien ihr Haus. Wer ein Haus aus Steinen besitzt, bekommt irgendwann Wohnrecht.

Maria Correia arbeitete als Fischverkäuferin, sie kennt alle im Viertel. Was sie von den Jungen, von der zweiten Generation hält? Sie lächelt. Schweigen. Sie ist eine vorsichtige Frau. Was ist mit ihrem Sohn Angelo geschehen? Sie steigt die Treppen hinauf zu ihrer Wohnung über dem Café und holt ein Foto. Ein junger Mann, in Gold gerahmt, mit blond gefärbten Haaren. Er schaut traurig. 17 war er, als er starb. Maria Correias Stimme hebt sich, da wird sie unterbrochen. Eine ältere Frau rast ins Café, lässt sich ein Glas Rotwein einschenken und stürzt es in einem Zug hinunter. Auch Maria nimmt einen tiefen Schluck.

Ihr Sohn hatte einen Unfall mit einem Auto, erzählt sie dann. Der Fahrer des anderen Wagens verlangte 200 Euro für die Reparatur und rief die Polizei. Daraufhin flüchtete Angelo. Die Polizei verfolgte ihn und schoss. Die offizielle Version ist, Angelo sei Dealer gewesen und das Auto geklaut. Der Polizist wurde freigesprochen. Maria Correia weiß, dass er heute in einem Shopping-Center wacht. Im Haus gegenüber schreit ein Baby, so laut, dass Maria sich die Ohren zuhält. 7000 Menschen wohnen in Cova da Moura. Jeder weiß alles über jeden.

Maria Correia kleidet sich für den Gefängnisbesuch um: eine braune Hose, eine dazu passende ockerfarbene Bluse, ihre Haare kämmt sie streng nach hinten. Um 14 Uhr muss sie dort sein. Sie schwankt ein wenig, der Rotwein. Nur einmal in 30 Jahren ist sie in ihre Heimat zurückgekehrt. Maria besitzt die portugiesische Staatsbürgerschaft und fühlt sich trotzdem als Kapverdierin. »Wegen der Sprache«, sagt sie. Im Viertel sprechen sie Kreolisch. Die Jugendlichen bezeichnen sich selbst auch als pretuges, eine Kombination aus preto (»schwarz«) und portuges (»portugiesisch«). Marias jüngster Sohn, der im Gefängnis sitzt, hat nur eine Aufenthaltsgenehmigung. Ein Auto habe er gestohlen und drei Jahre bekommen. Drei Jahre? Da schweigt Maria Correia wieder. Erst sagt sie auch, die Jungs aus dem Viertel würden nicht nach Carcavelos an den Strand gehen. Im nächsten Augenblick verspricht sie sich, sie würden doch dahin gehen. Manchmal. Maria bemüht sich sehr, den Schein zu wahren.

Um sieben Uhr abends sind die Männer des Viertels im Delirium

Sie glaubt, die Portugiesen wollten nichts von ihren Problemen wissen. Deshalb verlässt sie Cova da Moura selten, nur wenn es gar nicht anders geht, um ihren Sohn zu besuchen oder die Strom- und Gasrechnungen zu bezahlen. Maria Correia füllt das Essen für ihren Sohn in kleine Plastikdosen. Die jungen Männer vor ihrem Haus trinken sich langsam in einen anderen Bewusstseinszustand. Zum Abschied sagt Maria, wenn ihr Mann später betrunken sei, solle man lieber nicht wiederkommen.

Am Abend schwebt Tonino, der Mann von Maria Correia, in einem Zwischenstadium – nicht mehr nüchtern, aber noch nicht aggressiv. Maria sitzt vor ihrem Haus und zerteilt eine Moräne. Es ist sieben Uhr, die Männer des Viertels nähern sich dem Delirium. Jugendliche, die aussehen, als hätten sie viel Zeit in Sportstudios verbracht, rasen die Straßen mit teuren Mountainbikes herunter. Carla, die Tochter von Maria, steht jetzt hinter der Theke im Café. Sie ist 26, ihr Sohn neun. Sie arbeitet in einer Kantine für 300 Euro im Monat und will raus aus dem Viertel. Sie hat Angst um ihren Sohn. In diesem Augenblick fällt der Strom aus. Am nächsten Tag kommt der Präsident, und nun verdirbt das Obst, das Maria ihm schenken will.

Carla ist die Einzige, die etwas Negatives über ihr Viertel sagt, auch wenn es ihr Schmerzen zu bereiten scheint. »Drogen sind das Schlimmste.« Die Kunden fahren ins Viertel, kaufen und rauschen wieder ab. Klar seien auch Jungs aus dem Viertel am Strand dabei gewesen, sagt sie. So was passiere jedes Jahr. Gibt es Gangs? »Allein macht hier keiner was.« Carla betrachtet ihre Eltern, die auf der Straße sitzen. Ihre Mutter schnupft Tabak, auch sie ist längst nicht mehr nüchtern. Vielleicht leiden manchmal auch die Kinder an ihren Eltern. Carla träumt von einer eigenen Wohnung außerhalb des Viertels. In Paris war sie schon einmal. Es hat ihr nicht besonders gefallen. Außer dem Eiffelturm gebe es da nichts. Allmählich verändert sich die Atmosphäre draußen vor dem Cafe. Die Stimmen werden lauter, fordernd. Maria Correia hat glasige Augen. Carla hört irgendwann einfach auf zu reden. Zeit zu gehen.

Am nächsten Morgen erscheint der Präsident in Cova da Moura. Es ist ein kapverdischer Feiertag. Maria Correia ist ein wenig aufgedreht, trägt eine glitzernde Bluse und Pomade im Haar. Das Geschenk hat sie dem Präsidenten schon überreicht, eine Wurzel. Nachher wird der Präsident der Presse sagen, dass die Einbürgerung der zweiten und dritten Generation von Einwanderern erleichtert werden soll. Die Bilder von Carcavelos haben vielleicht doch etwas anderes bewirkt, als Helder Gabriel vom Windsurf Café glaubte.

 
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