Am Strand der RäuberSeite 4/4
Sie glaubt, die Portugiesen wollten nichts von ihren Problemen wissen. Deshalb verlässt sie Cova da Moura selten, nur wenn es gar nicht anders geht, um ihren Sohn zu besuchen oder die Strom- und Gasrechnungen zu bezahlen. Maria Correia füllt das Essen für ihren Sohn in kleine Plastikdosen. Die jungen Männer vor ihrem Haus trinken sich langsam in einen anderen Bewusstseinszustand. Zum Abschied sagt Maria, wenn ihr Mann später betrunken sei, solle man lieber nicht wiederkommen.
Am Abend schwebt Tonino, der Mann von Maria Correia, in einem Zwischenstadium – nicht mehr nüchtern, aber noch nicht aggressiv. Maria sitzt vor ihrem Haus und zerteilt eine Moräne. Es ist sieben Uhr, die Männer des Viertels nähern sich dem Delirium. Jugendliche, die aussehen, als hätten sie viel Zeit in Sportstudios verbracht, rasen die Straßen mit teuren Mountainbikes herunter. Carla, die Tochter von Maria, steht jetzt hinter der Theke im Café. Sie ist 26, ihr Sohn neun. Sie arbeitet in einer Kantine für 300 Euro im Monat und will raus aus dem Viertel. Sie hat Angst um ihren Sohn. In diesem Augenblick fällt der Strom aus. Am nächsten Tag kommt der Präsident, und nun verdirbt das Obst, das Maria ihm schenken will.
Carla ist die Einzige, die etwas Negatives über ihr Viertel sagt, auch wenn es ihr Schmerzen zu bereiten scheint. »Drogen sind das Schlimmste.« Die Kunden fahren ins Viertel, kaufen und rauschen wieder ab. Klar seien auch Jungs aus dem Viertel am Strand dabei gewesen, sagt sie. So was passiere jedes Jahr. Gibt es Gangs? »Allein macht hier keiner was.« Carla betrachtet ihre Eltern, die auf der Straße sitzen. Ihre Mutter schnupft Tabak, auch sie ist längst nicht mehr nüchtern. Vielleicht leiden manchmal auch die Kinder an ihren Eltern. Carla träumt von einer eigenen Wohnung außerhalb des Viertels. In Paris war sie schon einmal. Es hat ihr nicht besonders gefallen. Außer dem Eiffelturm gebe es da nichts. Allmählich verändert sich die Atmosphäre draußen vor dem Cafe. Die Stimmen werden lauter, fordernd. Maria Correia hat glasige Augen. Carla hört irgendwann einfach auf zu reden. Zeit zu gehen.
Am nächsten Morgen erscheint der Präsident in Cova da Moura. Es ist ein kapverdischer Feiertag. Maria Correia ist ein wenig aufgedreht, trägt eine glitzernde Bluse und Pomade im Haar. Das Geschenk hat sie dem Präsidenten schon überreicht, eine Wurzel. Nachher wird der Präsident der Presse sagen, dass die Einbürgerung der zweiten und dritten Generation von Einwanderern erleichtert werden soll. Die Bilder von Carcavelos haben vielleicht doch etwas anderes bewirkt, als Helder Gabriel vom Windsurf Café glaubte.
- Datum 23.06.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 23.06.2005 Nr.26
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