Es ist sehr erfreulich, dass sich ein paar Schriftstellerkollegen versammeln, um sich und andere am eigenen Zopf aus dem Lamento zu ziehen. Auch spricht nichts dagegen, Grass und Walser vom Weltgewissen-Sockel kippen zu wollen und sich gleichzeitig vorzunehmen, der nachrückenden Larifari-Pop-und-Befindlichkeits-Literatur etwas Handfestes entgegenzusetzen.

Ob man das nun Mitte nennt oder nicht.

Beim Lesen des Positionspapiers verspüre ich aber wieder einmal diese bekannte Lähmung, die sich von Herz und Kopf bis in die Fingerspitzen ausbreitet: Eine allergische Reaktion auf zeittypische Inhaltsleere. Was ist schon relevant? Oder besser gefragt: Was wäre denn relevant? Politycki, Hettche, Dean und Schindhelm vermeiden es, eine politische Richtung vorzugeben - aber ohne politische Richtung kann man nicht gesellschaftlich relevant sein. Sie fordern Moralität, ohne zu verraten, um welche Moral es sich dabei handeln soll.

Dem Manifest ist das tiefe Bedürfnis nach einem wir anzumerken - bei ebenso tiefsitzender Scheu, zu entscheiden, unter welchen Vorzeichen dieses wir stehen soll. Man kann aber nicht einfach wir sagen und nichts Bestimmtes damit meinen. Man muss sagen: wir Kommunisten, wir Materialisten, wir Antimaterialisten, wir Liberalisten, wir Anarchisten - oder was auch immer.

Sonst trägt wir nicht die geringste Bedeutung.

Abgesehen davon ist dieses wir in einem so individualistischen Zeitalter wie unserem äußerst problematisch geworden, und vielleicht sollte man sich lieber entspannt-spielerisch zum ich bekennen, das ja nicht notwendig gesellschaftsfern sein muss, anstatt noch immer den kuscheligen Studentengruppen-Zeiten hinterherzuweinen. Dass schon vier Schriftsteller nicht in der Lage sind, ein gemeinsames politisches Konzept zu formulieren, zeigt doch überdeutlich, dass es schwierig bis unmöglich geworden ist, sich unter ein und derselben Fahne zu versammeln. Das ist das ebenso positive wie negative Erbe der weitgehenden Überwindung der Ideologie. Nun kann es aber in meinen Augen nicht viel Sinn ergeben, weiterhin Gemeinsamstark-Parolen in die Welt zu setzen, wenn überhaupt nicht klar ist, zu welchen Horizonten sich der gemeinsame Marsch bewegen soll.

Auch im ästhetischen Sinn enthält der Relevante Realismus keine bestimmbare Idee - außer jener, dass Ästhetik automatisch immer moralisch sei. Ist das so? Mir fallen auf Anhieb keine überzeugenden Argumente für diese Behauptung ein. Fest steht für mich: Es reicht nicht, Ästhet zu sein, wenn man ein moralisches Konzept erschaffen will. Jeder politischen oder moralischen Wirkung muss eine Grundentscheidung vorausgehen: für das, was man will, oder wenigstens gegen das, was man nicht will. Die Entscheidung dafür, überhaupt irgendetwas zu wollen (zum Beispiel Utopien), ist zwar ein guter Anfang - aber sie ist auch ein sehr, sehr kleiner Schritt, und wenn ihr nichts folgt, ist sie nichts wert. Was unter diesen Gesichtspunkten vom Relevanten Realismus übrig bleibt, ist im Grunde nur die Forderung nach echtem Erzählen, vielleicht sogar im amerikanischen Stil, die in Deutschland in regelmäßigen Zeitabständen immer mal wieder ertönt.