Kunst Die Maler und das Meer
Entdeckung der maritimen Kunst in Deutschland. Die Hamburger Kunsthalle zeigt eine bemerkenswerte Ausstellung mit Seestücken von Caspar David Friedrich bis Emil Nolde
Caspar David Friedrich (1774 – 1840) Auf de m Segler, um 1818 Öl auf Leinwand Eremitage St. Petersburg
Hohe Wellen türmen sich auf, Eisberge ragen aus den Fluten, ein großes Passagierschiff versinkt in der unheilsvollen See, das Heck ragt steil aus dem Wasser, winzige Menschenkörpern klammern sich verzweifelt an den Schiffsaufbauten fest. Man könnte sich an die Titanic erinnert fühlen, aber es ist die President , die auf ihrem Weg von New York nach Liverpool 1841 in den eisigen Fluten versinkt. Die Umstände des Unglücks bleiben ungeklärt, 137 Menschen sterben beim Untergang des Ozeandampfers. Der Maler Andreas Achenbach hat diese Szene im Jahr darauf auf die Leinwand gebannt: Die Kreatur Mensch hilflos angesichts der Urgewalten der Natur. Das Gemälde ist Teil der Ausstellung Seestücke , die vom 24. Juni bis 11. September 2005 im Hubertus-Wald-Forum in der Kunsthalle gezeigt wird.
Wer nun etwas enerviert maritime Schlachtschiffe in bombastischer Manier erwartet, darf aufatmen. Seestücke – von Caspar David Friedrich bis Emil Nolde - zeigt Meisterwerke rund ums Meer und betont dabei die vielfältigen Aspekte, die den Menschen mit diesem faszinierenden, schönen wie unheilvollen Medium verbinden. Die "Mehlschaumsuppen-Werke" wie sie von einigen Kunsthistorikern abfällig genannt wurden, verstehen mit ihren vielfältigen Aspekten zu fesseln. Schiffshistorische Aspekte bleiben dagegen eher nebensächlich. Die Ausstellung bietet einen Überblick über die Geschichte des Seestücks in der deutschen Malerei vom frühen 19. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg. Rund 60 Gemälde sowie zahlreiche Graphiken, Studien und Gemälde der Hamburger Schule umfasst die Schau, die gemeinsam von den jungen Kunsthistorikern Martin Faass und Felix Krämer kuratiert wurde.
Die Ausstellung beginnt mit Caspar David Friedrich, der die maritime Landschaft als erster deutscher Künstler entdeckte und das Schiff als Sinnbild für die einsame Lebensfahrt des Menschen verstand. Der geborene Greifswalder und Student der Kopenhagener Akademie war von Häfen geprägt. Ganze 30 Prozent seines Oeuvre sind Seestücke, darunter das berühmte Eismeer aus dem Bestand der Kunsthalle.
"Sturm und Untergang" zeigt den Wandel in der bildnerischen Inszenierung von Caspar David Friedrich zu Darstellungen von Andreas Achenbach und anderen Künstlern, die das zerstörerische Element auf dem Wasser einfingen und die Dramen auf See in ihren Werken festhielten. In der Mitte des 19. Jahrhunderts rückt dann der technische Fortschritt in den Mittelpunkt der Betrachtung. Maler wie Anton Maleby, Hermann Rudolph Hardorff und Julius Hintz, letzterer feierte als Jules "(H)iientz" besonders in Frankreich große Erfolge, zeigten in großer Detailkenntnis den Triumph der Technik über die Natur.
Auch die Bedeutung der Binnengewässer und die Entdeckung des Wassers als bürgerliche Freizeitbeschäftigung werden thematisch eingefangen. Als kleine Entdeckung gilt in diesem Kapitel Rudolf Hirth du Frênes Gemälde Die Maler Leibl und Sperl im Segelboot von 1875. Ähnlich private See-Motive aus dieser Zeit waren bislang nur aus Frankreich bekannt. Sehr stimmungsvoll sind die in zarten Farben gestalteten Strandbilder, die Szenen aus den altmodischen niederländischen Seebädern Scheveningen und Noordwijk von Max Liebermann und Josse Goossens zeigen.
Die Ausstellung schließt mit sagenhaften Bildern aus der klassischen Moderne. Hier zeigt sich das Potential, dass in dem Thema für moderne Künstlern liegt, die sich vom Gegenständlichen zu lösen suchten. Max Beckmann, Karl Schmidt-Rottluff, Lyonel Feininger und andere fanden in den einsamen Küstenregionen ideale Motive für eine abstrahierende Darstellung der Natur. Emil Noldes farbgewaltige Herbstmeere bilden den Schlusspunkt dieser wundervollen Ausstellung. Noldes Seelenlandschaften sind inhaltlich nicht weit von Caspar David Friedrich entfernt. Mit Farbmeere schließt sich der Kreis der Ausstellung, wie die ausgehende Romantik suchen auch hier die Künstler eine Erhöhung der Motive.
Max Pechstein Rettungsboot, 1911 Öl auf Leinwand 70 x 80,5 cm Courtesy Franz Burda, Offenburg
Die Schau in der Hamburger Kunsthalle ist etwas Besonderes, weil sie eine Lücke in der deutschen Museumslandschaft schließen will. Denn bislang gab es keine Ausstellung, die sich der Darstellung des Seestücks unter kunsthistorischen Aspekten angenommen hätte. Und das, obwohl Meere, Häfen und Schiffe zentrale Motive für Künstler von der Romantik bis zur klassischen Moderne gewesen sind. In der deutschen Kunstgeschichte wurden maritime Bilder lange Zeit aufgrund von historischen Begebenheiten bewusst vernachlässigt, da die Marinemalerei von Kaiser Wilhelm II. als Propagandainstrument missbraucht wurde. Als der Monarch im Jahr 1888 den Thron bestieg, sah er Deutschlands Zukunft auf dem Meer und rüstete die Reichsflotte auf. Die Malerei wurde instrumentalisiert, um deren Pracht ins Bild zu setzten.
Museumsausstellungen bestehen längst nicht mehr nur aus dem reinen "Bestaunen". Über das umfangreiche Begleitprogramm kann sich online informiert werden >> http://www.seestuecke-hamburg.de/
Seestücke. Von Caspar David Friedrich bis Emil Nolde", 24. Juni bis 11. September, im Hubertus-Wald-Forum, in der Kunsthalle Hamburg.
- Datum 24.06.2005 - 14:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf mehreren Seiten lesen
- Serie cvd
- Quelle (c) ZEIT.de, 24.6.2005
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




