Neuerdings gilt alles, was geschieht, immer schon als "eingepreist", als vorher gewusst und emotional abgehakt. So auch bei der Entscheidung, die an diesem Freitag im Bundestag fallen wird. Der Kanzler stellt die Vertrauensfrage und wird unterliegen. Wissen wir schon? Ja, gewiss. Dennoch ist es ein historisches Datum. An den Reden und an den Bildern wird man es erkennen: Hier geht die kurze und heftige rot-grüne Ära zu Ende. Der 1. Juli 2005 wird sich einreihen in die Großereignisse bundesdeutscher Regierungsgeschichte, zusammen mit dem Misstrauensvotum gegen Willy Brandt 1972 und dem für Helmut Kohl 1982.

Zugleich wird dieser 1. Juli aber auch unvergleichlich sein. Denn das hat es noch nie gegeben, dass ein Kanzler sein Mandat den Wählern zurückgibt, weil er meint, nichts mehr für sie tun zu können, und weil er dem Land anderthalb verlorene Jahre nicht zumuten möchte. Diese Größe hatte Helmut Kohl nicht. Er blieb bis zuletzt auf seinem Kanzlerstuhl kleben, obwohl er seit 1994 nichts mehr beizutragen hatte. Seine Zeit war abgelaufen, sein Macht- und Selbstgenuss dauerten an. Damals hat das Land wichtige Jahre verloren, die es bis heute nicht wiedergewonnen hat, eine Zeitverschwendung, die noch die rot-grüne Nachfolgeregierung unter extremen Stress gesetzt hat.

Gerhard Schröder mag egozentrisch sein. Aber so egozentrisch, dass er nur für das Dranbleiben die Interessen des Landes verletzen würde, ist er eben nicht. Seine Entscheidung, über die in den vergangenen Wochen so viel gerätselt wurde, hat eine einfache Logik: Die Regierung muss wechseln, damit die Agenda fortgesetzt werden kann.

Dass der Kanzler sich am Freitag das Misstrauen holt, ist seine vierte patriotische Tat. Die erste war der Eintritt in den Kosovo-Krieg, ohne den sich Deutschland politisch und moralisch isoliert hätte. Die zweite bestand in seiner Weigerung, an einem nicht begründeten Krieg gegen den Irak teilzunehmen. Die dritte Tat war die – wenn auch späte – Entscheidung für einen grundlegenden Reformkurs, für die Agenda 2010.

Man kann diesen patriotischen Taten die beträchtlichen Nebenkosten Schröderschen Regierens entgegenhalten. Eines aber hat dieser Kanzler nicht verdient: dass der Bundespräsident ihn demütigt und durch die Verweigerung der Parlamentsauflösung zum Rücktritt zwingt – vermeintlich im Namen des Grundgesetzes. Denn das, was da am Freitag geschieht, geht politisch und sachlich völlig in Ordnung. Der Kanzler hat das Vertrauen dreifach verloren. Das Volk hat ihm in einer Kaskade von Wahlniederlagen demonstriert, dass es ihm nicht mehr vertraut. Dem galoppierenden Machtverlust innerhalb der SPD musste er bereits im vorigen Jahr mit dem Verzicht auf den Parteivorsitz Rechnung tragen.

Und die Bundestagsfraktion? Auch hier fehlt ihm seit der Niederlage in Nordrhein-Westfalen eine Mehrheit für die Fortsetzung seiner Agenda-Politik. Er hätte nichts mehr durchbekommen, was dieser Fraktion als Zumutung erschienen wäre. Und eine Reformpolitik, die nicht auch der SPD etwas abverlangt, ist undenkbar. Wer also heute sagt, man hätte schön weiterregieren können, der denkt vielleicht an die SPD, aber bestimmt nicht an die Interessen des Landes.

Dass die SPD-Linken bei allen Abstimmungen der vergangenen Wochen Schröder zur Mehrheit verholfen haben, tut der Legitimation seines Vorgehens keinen Abbruch. Denn sie wichen damit nur der Gefahr aus, hinterher als Sündenbock herhalten zu müssen. Was sie machten, war in Wahrheit Obstruktion im Gewande der Zustimmung. Sie täuschten Loyalität nur vor.

Das alles ist so offenkundig, dass es einem leidlich politisch denkenden Menschen sofort einleuchten muss – erst recht einem Bundespräsidenten. Wenn er dennoch seine Zustimmung zur Auflösung des Bundestages verweigert und so Schröder in den Rücktritt treibt, dann darf er sich nicht wundern, wenn fortan über seine wahren Motive spekuliert werden wird.

Das Gleiche gilt für Karlsruhe. Das Bundesverfassungsgericht hat Kohls Misstrauensvotum von 1982 durchgehen lassen, obwohl dessen Begründung viel schwächer war, als es die von Schröder ist. Kohl hatte das Vertrauen der Bundestagsmehrheit und wollte aus verständlichen, aber zweitrangigen Gründen dennoch Neuwahlen. Schröder hat das Vertrauen nicht mehr, kann das nur nicht beweisen, weil sich seine Fraktion in Teilen taktisch verhält. Wenn sich die Richter in Karlsruhe nicht allein für juristische Formalien, sondern auch für politische Realien interessieren, werden sie dem Verfahren ihren Segen geben.