afrikaEine deutsche Hölle

Im Juli 1905 erheben sich die Völker Ost-Afrikas gegen die wilhelminische Kolonialherrschaft – zwei Jahre später ist der Maji-Maji-Aufstand in Blut ertränkt von 

Hochverehrte Herrschaften, treten Sie ein in unseren kleinen Kolonialpark! Hier, auf diesen prächtigen Terrakotta-Reliefs, sehen Sie Askari maschieren, schwarze Soldaten, die dem weißen Herrn und Offizier treu ergeben sind. Und das Denkmal dort drüben, die Stele mit dem Reichsadler, ehrt unsere tapfere Schutztruppe in Togo, Kamerun, Deutsch-Südwestafrika und Deutsch-Ostafrika. Heia Safari! Meine Damen und Herren, erleben Sie die Zeiten, als Deutschland noch zukunftsfähig und gesinnungsfest die Welt zivilisierte und vor der Globalisierung nicht verzagte!

Lehrreich hätte er werden sollen, der Tansania-Park neben der ehemaligen Lettow-Vorbeck-Kaserne in Hamburg-Jenfeld, benannt nach dem preußischen Erzkolonialkrieger und späteren Kapp-Putschisten Paul von Lettow-Vorbeck. Ein bisschen exotisch wollte man den Park gestalten, aber auch ein bisschen politisch korrekt. Die Initiatoren vom Kulturkreis Jenfeld e.V. hatten nämlich geplant, den Tansania-Pavillon, der auf der Expo 2000 in Hannover zu bewundern war, zwischen den großdeutschen Denkmälern aufzustellen, die einst die Kaserne zierten, und somit ein "Zeichen der Völkerverständigung" zwischen Deutschland und Tansania (ehemals Deutsch-Ostafrika) zu setzen. Bei aller Verständigung aber muss auch umgekehrt mal die Frage erlaubt sein, nicht wahr, was aus den armen Menschen dort unten geworden wäre ohne die Straßen und Missionsschulen und Hospitäler, die von den deutschen Kolonialherren gestiftet wurden. Es war doch eine Art Entwicklungshilfe, schon damals. Außerdem haben es die Afrikaner "unter deutscher Herrschaft besser gehabt als unter den Engländern". Da ist sich jedenfalls Horst Junk, der Vorsitzende des Kulturkreises, ganz sicher.

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Aber ausgerechnet diese Afrikaner machen bei den schönen Plänen seines Vereins nicht mit. Frederick Sumaye, der Premierminister von Tansania, blieb unentschuldigt der Einweihungsfeier im September 2003 fern, und wann der Expo-Pavillon aufgestellt wird, weiß der Himmel. Offenbar sieht man in Tansanias Hauptstadt Dodoma die Kolonialgeschichte doch etwas anders als in Hamburg.

Vor allem in diesem Jahr gehen die historischen Ansichten weit auseinander, denn im Juli ist es genau hundert Jahre her, dass sich der Süden der Kolonie Deutsch-Ostafrika gegen die weiße Fremdherrschaft erhoben hat. In Tansania sprechen die Historiker zum Beispiel nicht von einem Aufstand wie hierzulande, sondern von einem vita vya ukombozi, einem Befreiungskrieg.

Der Gott des Wassers ruft zur Freiheit

Im Sommer 1905 hatte er begonnen, am 20. Juli. Auf einer Baumwollplantage nahe dem Dorf Nandete reißen die Arbeiter die Stauden aus der Erde. Was zunächst aussieht wie eine ganz gewöhnliche Arbeitsverweigerung, ist tatsächlich eine Kriegserklärung. Die ertragreichen Baumwollpflanzen werden vom Volk gehasst, sie sind Symbole der Zwangsarbeit und Ausbeutung. Der Akide von Kibata – er ist der von den Deutschen installierte Statthalter – entsendet eine Hand voll Männer, um die Ruhe wieder herzustellen. Doch sie werden davongejagt, und kurz darauf muss der Akide selbst fliehen, denn die Aufständischen überrennen seinen Amtssitz.

Rasend wie ein Buschfeuer greift die Rebellion von Nandete auf das Land der Matumbi am Rufiji und auf den ganzen Süden der Kolonie über; die furchtbarsten Albträume der europäischen Siedler werden wahr. Aus den Gesindehütten wehen nächtens unheimliche Gesänge in ihre Häuser, sie hören Kriegstrommeln dröhnen und sehen Schatten huschen. Als die erste Plantage in Flammen aufgeht und der erste Pflanzer, ein Mann namens Hopfer, totgeschlagen wird, ist der Krieg nicht mehr aufzuhalten. Elf Tage nach dem Zwischenfall von Nandete erobern und plündern tausend entfesselte Kämpfer den Küstenort Samanga.

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Während die Kolonialpresse immer noch von "Überfällen", "ungünstigen Vorgängen" und "Unruhen" schreibt und "afrikanische Zauberer" dafür verantwortlich macht, ist der erste antikoloniale Befreiungskampf in der Geschichte Afrikas längst in vollem Gange. Die Ngoni, die Pogoro, die Mbunga, die Bena, immer mehr Völker schließen sich ihm an, am Ende sind es ihrer zwanzig. Von der Küste des Indischen Ozeans im Osten bis zum Nyasa-See im Westen, von den Ufern des Rufijis bis zum Rio Ruvuma, überall ist ihr Schlachtruf zu hören: "Maji-Maji!"

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