Man stelle sich den Kölner Heumarkt oder den Münchner Marienplatz vor – mit nichts drauf als einem Klohäuschen und einem notdürftig zurechtgeteerten Parkplatz. In Hamburg herrscht derartige Ödnis tatsächlich, keine drei Gehminuten vom Rathaus entfernt: just an jenem Ort, der die Keimzelle der Hansestadt gewesen sein soll, auf dem Domplatz. Bald wird er neu bebaut, die Schlüsselübergabe ist für Anfang 2009 geplant. Namhafte Architekten grübeln über Entwürfen, wie sie eine Bibliothek, ein Museum zur Archäologie des Platzes sowie Gewerbe- und Wohnraum unterbringen. Das Gebäude soll an historischem Ort zentral die Stadtgeschichte präsentieren. Nach deren Ausgangspunkt wird aber noch fieberhaft gesucht: Niemand weiß genau, wo die Hammaburg, die Hamburg den Namen gab, einst lag. BILD

Am Ort der baldigen Baugrube wollen Archäologen sie endlich dingfest machen. Die Ausgrabung beginnt am 1. Juli: Anderthalb Jahre nur bleiben, um die letzten Geheimnisse des Domplatzes zu lüften, bevor Baggerschaufeln die Überreste im Erdreich zerstören. "Das ist die wichtigste Grabung auf dieser Seite der Elbe seit zwanzig Jahren. Und sicher auch für die kommenden zehn Jahre", sagt Rainer-Maria Weiss, Direktor des Helms-Museums in Hamburg-Harburg und als Landesarchäologe zuständig für die Bodendenkmalpflege in der Hansestadt.

Das 5500 Quadratmeter große Areal zwischen Altem Fischmarkt, Petrikirche und Pressehaus wird nun Schicht für Schicht abgetragen. "Mit konventioneller Grabungstechnik wäre das unmöglich", sagt Weiss. "Für uns fängt hier in Sachen Grabungstechnik die Zukunft an." Stößt ein Arbeiter auf den Rest einer Steinmauer, eine Färbung im Erdreich, auf Metall oder Scherben, wird deren exakte Position digital erfasst. Alle Fotos, Messdaten, Skizzen oder Inventarnummern der Funde und Befunde werden später damit verknüpft. "So können wir in Sekundenschnelle im Computer Ansichten erstellen, sortiert nach Art, Tiefe oder Alter der Befunde. Das mühsame und fehleranfällige Abpausen von Plänen entfällt", sagt Elke Först, die Leiterin der Abteilung Bodendenkmalpflege am Helms-Museum. Das digitale Modell der unübersichtlichen Schichtenfolge unter dem Domplatz soll endlich Klarheit über dessen wechselvolle Bebauung schaffen.

Was die Ausgräber suchen, ist bislang nur literarisch überliefert: der Bau der Hammaburg im Jahr 817, die Bistumsgründung 831 und die Zerstörung durch Wikinger 845 (siehe Artikel unten). Doch als Chronisten fungierten hier Mönche. Gut möglich, dass sie den heidnischen Wikingerüberfall verheerender schilderten, als er war – oder die Bedeutung einer früheren, vorchristlichen Nutzung des Areals bewusst herunterspielten.

Schon zweimal glaubten Forscher, die Wehranlage von 817 gefunden zu haben. In den 1940er Jahren rekonstruierte man eine große Wallanlage – nach neuerem Kenntnisstand ein Bauwerk des 10.Jahrhunderts. "Da wurden Funde der Ausgrabung historischen Quellen entsprechend gedeutet", sagt Weiss. Und die in den achtziger Jahren auf dem Gelände gefundene kleinere Wallanlage stammt aus dem 8. Jahrhundert – und damit aus einer Zeit vor Bistumsgründung und Dombau an der Elbe.

War sie nur ein Vorläufer? Oder wird sich herausstellen, dass Hamburgs Keimzelle eine gebrauchte Slawenfestung war? Die spannende Frage lautet: Werden die Ausgräber wenige Zentimeter darüber auf eine hauchdünne Ascheschicht stoßen? Sollte es je eine hölzerne, von Nordmännern niedergebrannte Hammaburg gegeben haben – dann müssten die Ablagerungen der Feuersbrunst noch irgendwo unter dem Asphalt liegen.

Reste einer Burg mit Mauern und Zinnen wird die Ausgrabung nicht zutage fördern. In der Zeit, als Römer das Rheinland längst mit zentral beheizten Spaßthermen überzogen hatten, scherten sich die Bewohner im heidnischen Norden nicht um steinerne Baukunst. Auch weil hier die Spuren aus jener Zeit karg sind, wird die Hammaburg so fieberhaft gesucht.

Den Weg zu ihr versperren den Archäologen Reste des ersten steinernen Doms und der über dessen Fundamenten errichteten elitären Lehranstalt Johanneum. Sie versank im Juli 1943 im Feuersturm der Royal Air Force. Wegen der Bombentreffer des Zweiten Weltkriegs richtet sich das Augenmerk der Ausgräber besonders auf das Toilettenhäuschen in der Südwestecke des Domplatzes. Die ursprüngliche Tankstelle aus den 1920er Jahren überstand den Krieg unbeschadet. Ergo sind die Schichten, auf denen es steht, weder durch Bombentreffer noch durch frühere Ausgräber in Mitleidenschaft gezogen worden. Hamburgs Anfänge könnten drei Meter tief unter dem Klo liegen. So weit erstreckt sich die historisch interessante Epoche ins Erdreich. "Da sind wir dann etwa im 8. Jahrhundert nach Christus", sagt Rainer-Maria Weiss.