Anno 963, als die Erde noch eine Scheibe war, verbannte man seine Feinde ans Ende der Welt, an den Tellerrand. Dorthin schickte Kaiser OttoI. den unliebsamen Papst BenediktV., als er seinen willfährigen Gegenkandidaten LeoVIII. ins Amt hieven wollte. Machtpolitik im Zentrum der zivilisierten Welt – der Vertriebene aber musste in die Hammaburg, jenes morastige Stück Nirgendwo, das der Hansestadt Hamburg Ursprung und Namensgeber werden sollte.200 bis 300 Bauern hausten dort im zehnten Jahrhundert in einstöckigen Lehmhütten, gemeinsam mit ihrem Vieh. Dazu gesellte sich eine Hand voll Händler. Schon der Name "Ham" muss in Benedikts Ohren trostlos geklungen haben. Auf Spätsächsisch bedeutet er "etwas Befestigtes in einem morastigen Umfeld". Der norddeutsche Dauerregen machte die sumpfigen Marschen während des größten Teils des Jahres unpassierbar. Die einzige feste Straße führte nicht etwa zurück nach Rom, sondern über den Geestrücken durch eine Furt an der Alster nach Norden ins Stormarnsche Hinterland. Am 4. Juli 964 erlag der abgesetzte Papst dem Regen, dem Heimweh, der Trostlosigkeit. Vor seinem Ableben prophezeite er der Stadt noch, sie werde dereinst verwüstet und öde liegen, und wilde Tiere würden darin wohnen.

Das Hamburg, aus dem Benedikt die Flucht ins Jenseits antrat, war eine Art hoffnungsloser Vorposten im wilden Wikinger-Land. Älteste Besiedlungsspuren reichen zwar zurück bis in die Jungsteinzeit. Die erste feste Siedlung entstand aber erst, als sich im 6. Jahrhundert in einer Flussschleife sächsische Nordalbingier gegen die Slawen im Nordosten und die Franken im Süden verschanzten. Erfolg hatten sie damit langfristig nicht, Ende des 8. Jahrhunderts wurden die Sachsen von den Franken besiegt und damit – zumindest formell – auch in die Herde der christlichen Schäfchen aufgenommen. Das aber war dem Franken-Kaiser Ludwig, Sohn des Großen Karl und stolzer Träger des Beinamens "der Fromme", nicht genug. Ganz Skandinavien sollte christlich werden. 831 weihte er Ansgar, dessen Schriften rund 130 Jahre später den armen Benedikt in seinem Exil trösten würden, zum Erzbischof und schickte ihn nach Norden. In der Hammaburg baute Ansgar eine erste Holzkirche und kaufte junge Leute ein, damit er sie im Gottesdienst unterweisen konnte. Sein Vorposten, so wollen es die Chronisten, war im Jahr 817 errichtet worden und stand auf einer Anhöhe nördlich der Elbe. Sie lag auf einer Landspitze, die an drei Seiten von Alster und Bille umflossen war ("Geestsporns") – ein idealer Platz für eine Siedlung und einfach zu verteidigen. So schien es jedenfalls.

Knapp fünfzehn Jahre währte der missionarische Versuch, dann schickte Dänen-König Horich seine Boote, um dem Spuk ein Ende zu bereiten. An einem Abend im Frühjahr landeten die Nordmänner am Strand. In der Nacht brannte die Hammaburg lichterloh, bis zum übernächsten Morgen wüteten die Flammen, verzehrten auch Ansgars Kirche und seine Bibliothek. Es sollte nicht das einzige Mal bleiben, dass Hamburg in Schutt und Asche versank. 983 kamen die Slawen, 1020 die Wenden, 1066 und 1072 wieder die Slawen. Da half auch nicht, dass die Hamburger sich zu Beginn des 11. Jahrhunderts mit dem so genannten Heidenwall nach Nordosten zu schützen versuchten. 1035 ersetzte Bischof Bezelin die Holzkirche durch einen Steinbau, auf dass zumindest die Mauern des Gotteshauses künftig von den Flammen verschont blieben. Auch die Stadtmauern bekamen nun eine teilweise Verstärkung, es war die erste Steinburg Norddeutschlands. Die mächtigen Fundamente des "Bischofsturms", eines dickbäuchigen Wohn- und Wehrgebäudes, haben bis heute überdauert. Sie sind im Keller von Radio Hamburg am Speersort zu besichtigen.

1248 schließlich begann der Bau des Mariendoms – der bis zu seinem Abriss vielen Städtern ein Dorn im Auge blieb. Statt göttlicher Erleuchtung brachte er ihnen zunächst dunkle Ecken. In den Kreuzgängen tummelten sich die Händler und Bettler, Liebes- und andere Paare fanden hier Schutz vor neugierigen Blicken. Alljährlich zu Weihnachten wurde der Dom zum Rummelplatz. Erst viel später zog der Jahrmarkt auf das Heiligengeistfeld um. 1555 wurde Hamburg im Augsburger Religionsfrieden evangelisch, der Dom mithin zum Fremdkörper. Als das Domkapitel im Zuge des Westfälischen Friedens 1648 den Schweden zugesprochen wurde, entstand dann eine Enklave mitten im Herzen der Stadt. Im Nordischen Krieg 1721 fiel diese an England, danach an Hannover, bis endlich 1803 die Stadt ihr Filetstück in der Innenstadt zurückerhielt. Nun verschacherten die Hamburger Pfeffersäcke den Dom Stein für Stein; Turm, Seitenschiff, Gestühl und Empore wurden "öffentlich an den Meistbietenden zum Abbrechen" versteigert. Das Senatsprotokoll vom 27. März 1805 vermerkte sogar die Zustimmung der Stadtregierung, Leichensteine zum Ausbau eines Siels zu verwenden.

Anstelle des Gotteshauses entstand die Gelehrtenschule Johanneum. Im Juli 1943 fiel sie den Bombenangriffen der Royal Air Force zum Opfer. Die Prophezeihung des Benedikt war erfüllt: Hamburg lag verwüstet und öde. Wilde Tiere hausten bereits seit 1866 in der Stadt – in "Hagenbeck’s Thierpark".

DieZEIT begleitet die Ausgrabung auf dem Hamburger Domplatz in den nächsten 18 Monaten kontinuierlich. Unsere Redaktion hat einen Logenplatz, das Pressehaus befindet sich in unmittelbarer Nachbarschaft: am Speersort – auf den archäologischen Überresten des Heidenwalls. Eine Kamera an der Westfassade wird den Fortschritt der Arbeiten dokumentieren. Auf unserer Internet-Seite können Sie beobachten, wie die 16-köpfige Grabungsmannschaft in die Vergangenheit vorstößt. Außerdem online: das Tagebuch des Ausgrabungsleiters Karsten Kablitz und Berichte derZEIT-Redakteure über Funde, Ergebnisse und Hintergründe.