USA Mitleid lohnt sich
Viele US-Hochschulen erlassen bedürftigen Studenten die Studiengebühren. So polieren sie ihr Image auf
Fast scheint es, als habe Don Betterton sein Herz für Arme entdeckt. Schließlich will der Director of Undergraduate Financial Aid unbedingt mehr Kinder aus finanziell schwachen Familien nach Princeton holen. Doch spätestens wenn Betterton seine Motive erläutert, ist es mit der Sozialromantik vorbei. »Unsere Maßnahmen haben geholfen, das Image der Universität zu verbessern. Princeton stand im Ruf, ein Elite-College mit Studenten aus wohlhabenden Verhältnissen zu sein.« Über Jahre sind die Gebühren in Princeton und anderswo doppelt so schnell gestiegen wie die Inflationsrate, während die Vermögenseinkünfte hoch waren. »Es sah aus, als wären die Colleges etwas gierig geworden«, sagt Betterton.
Die US-Spitzenuniversitäten haben eine neue Klientel entdeckt: junge Menschen aus armen Verhältnissen, die nicht so talentiert sind, um eines der seltenen Vollstipendien zu bekommen – aber immer noch talentierter als die meisten ihrer zahlungskräftigen Altersgenossen. Ihnen den Zugang zu erleichtern ist nicht nur eine Frage der Fairness. Es ist eine Frage des Images, denn je mehr von ihnen zugelassen werden, desto stärker hebt sich die Leistungskurve der Hochschulen. Ein entscheidender Wettbewerbsvorteil – und nur kurzfristig ein Draufzahlgeschäft. Im privatisierten Bildungsmarkt der USA gilt dasjenige College als das beste, das seinen Studenten optimale Karrierechancen bietet. So ist ein beruflich erfolgreicher Absolvent die beste Form von Werbung für seine ehemalige Universität – und wird seiner moralischen Pflicht als Alumne später in Form von Spenden nachkommen. Auffallend ist die zeitliche Nähe, in der die Universitäten ihre Initiativen starten: Eine Uni prescht vor, die anderen wollen nicht nachstehen. Zu wichtig ist die Rekrutierung der Jahrgangsbesten, zu wichtig das politische Signal und der Imagegewinn durch die Botschaft: Zu uns kommen die Intelligentesten, nicht die Reichsten.
Der wichtigste Schritt für Princeton war, von der Universität vergebene Studienkredite ganz abzuschaffen und sie mit unterschiedlich großen Teilstipendien zu ersetzen – ein wichtiger psychologischer Faktor für Familien, die befürchten, sich für die Ausbildung ihres Kindes heillos zu verschulden. Weitere Maßnahmen folgten. So wird der Wert der Familienwohnung oder des Hauses bei der Bestimmung der Studiengebühren nicht mehr angerechnet, was Familien aus dem Mittelstand entlastet. All das hat Princeton allein 2003 10,3 Millionen Dollar gekostet. Das muss sich eine Universität erst mal leisten können. Doch die privaten Edelunis stehen im Vergleich zu öffentlichen Einrichtungen gut da: Harvard, das als reichste Universität der Welt gilt, verfügt über ein Stiftungsvermögen von 22 Milliarden Dollar. Zudem wird versucht, mehr private Mittel zu sammeln, vor allem von ehemaligen Studenten, und an vielen Universitäten sind die Beiträge für Studenten gestiegen – in Harvard für das akademische Jahr 2005/2006 um satte 4,5 Prozent. Das lässt sich leichter rechtfertigen, wenn man gleichzeitig auf verbesserte Zugangschancen für Arme verweisen kann.
Reiche haben trotzdem die besseren Chancen
Yale kürzte den Beitrag von Haushalten mit einem Jahreseinkommen von 45000 bis 60000 Dollar um die Hälfte. Familien, die weniger als 45000 Dollar pro Jahr verdienen, dürfen ihr Kind vom Herbst an sogar kostenlos an die Uni schicken – wenn es denn qualifiziert ist. Das wird in aufwändigen Tests geprüft, bei denen der finanzielle Hintergrund der Bewerber keine Rolle spielt. Need-blind admission heißt das Prinzip, wonach die Auswahlkommission über die Bewerber unabhängig von deren finanzieller Situation entscheidet. Über 40 Prozent aller Yale-Undergraduate-Studenten erhalten bedarfsabhängige Stipendien. »Wir wollen die vielversprechendsten Studenten aus allen wirtschaftlichen Verhältnissen nach Yale holen«, sagt Präsident Richard C. Levin.
Finanzielle Anreize sind nur ein Teil der Maßnahmen. Bürokratieabbau ist ein anderer. Princeton etwa hat einen early estimator eingerichtet. Das ist ein Internet-Fragebogen, der schnell auszufüllen ist und der Bewerbern eine ungefähre Idee gibt, mit wie viel Eigenbeteiligung sie rechnen müssen. »Erklärungen über generelle Unterstützungsmöglichkeiten mögen hilfreich sein, aber was für eine Familie zählt, ist, wie viel und welche Art von Hilfe ein Student bekommen wird«, sagt Betterton. Das soll verhindern, dass ärmere Studenten von vornherein glauben, eine College-Ausbildung komme für sie nicht infrage. Berührungsängste werden so frühzeitig abgebaut. Und wer keinen Netzzugang hat, lässt sich die Bewerbungsunterlagen schicken.
Verbesserte Zugangschancen sind mehr als ein Luxus, den sich bloß die reichen Privatunis leisten. Auch staatliche Colleges öffnen ihre Tore für junge Arme. Die University of Maryland zum Beispiel hat 2004 ein Programm für junge High-School-Absolventen aus Maryland aufgelegt, mit dem Studenten, deren Familien weniger als 22000 Dollar verdienen, ihre Ausbildung schuldenfrei beenden können. Sie müssen dafür zehn Wochenstunden auf dem Campus arbeiten und gute akademische Leistungen vorweisen. Für diejenigen Studenten, die Kredite aufnehmen müssen, soll die Höhe dieser Belastung von vornherein verbindlich kalkuliert werden können.
Auch an der staatlichen University of Virginia haben sich ähnliche Maßnahmen ausgezahlt: 5,1 Prozent mehr junge Leute haben sich dort um einen Studienplatz beworben – schon im ersten Jahr, in dem eine neue Initiative für sozial Schwache greift. Demnach dürfen Studenten kostenlos studieren, deren Familien höchstens 37700 Dollar im Jahr verdienen, das Doppelte der offiziellen US-Armutsgrenze für eine vierköpfige Familie. Das galt in diesem Jahr für 797 Bewerber, von denen 333 genommen wurden, bei 6671 Erstsemestern insgesamt. Ähnliche Maßnahmen greifen seit diesem Jahr für die staatliche University of North Carolina at Chapel Hill, die dadurch zusätzlich 120 Studenten aus den untersten Einkommensklassen aufnehmen kann.
198 Studenten aus Familien mit einem Einkommen unter dem Durchschnitt von 50900 Dollar fangen in Princeton in diesem Herbst mit dem Studium an; Ende der Neunziger, als die Reformen eingeführt wurden, waren es nur halb so viele Geringverdienende: 88. Damals erhielten 38 Prozent der Studenten Finanzhilfen, 2004 waren es 52 Prozent. Dennoch gilt nach wie vor: Die meisten Studenten zahlen weiter Gebühren – von irgendwoher muss die Hochschule ihr Geld ja bekommen. Im Verhältnis betrachtet, zeigt sich daher, dass die getroffenen Maßnahmen nur ein Schritt auf einem langen Weg sind. In Princeton stammen dieses Jahr 16 Prozent der 1220 neu Aufgenommenen aus ärmeren Familien. Ein bisschen wenig, um Princetons Image als Universität der »Intelligentesten, nicht der Reichsten« so richtig glaubhaft zu machen.
- Datum 30.06.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 30.06.2005 Nr.27
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