50 Filmklassiker Vampirische Erotik

Wilhelm Murnaus Vampirdrama "Nosferatu" von 1922 erschien schon den Zeitgenossen als zu wenig gruselig

Was ist eigentlich das Komische an Nosferatu ? Sind es die überdimensionalen Geisterbahnkrallen, mit denen der transsilvanische Graf nach seinen Opfern hascht? Ist es die gestelzte Monstrosität, mit der er sich aus seinem Sarg hievt? Oder das Geschlotter der braven Bürger, diese Kombination aus Stanislawski-Pathos und Stummfilm-Gezitter, womit uns der erste ernst zu nehmende Horrorschocker der Kinogeschichte zum Lachen reizt? Wilhelm Murnaus Vampirdrama von 1922 erschien schon den Zeitgenossen als zu wenig gruselig. »Dieser Nosferatu«, schrieb ein Kritiker, »der ewig seinen Sarg herumschleppt, wie jemand, der kurz vor sieben noch ein Weihnachtspaket aufgeben will.«

Rein äußerlich folgt Murnau den schauerromantischen Klischees des 19. Jahrhunderts: übersinnliche Phänomene, ruinöse Schauplätze, sich steigernde Stufen des Schreckens. Unterschwellig jedoch verlockt er uns zu einer distanzierten Perspektive auf das Dämonische. Es erscheint nicht als Gegenteil der Realität, sondern als natürliches Phänomen. Murnaus Gespenster entsteigen einem gespenstisch gewordenen bürgerlichen Alltag. Sie sind Inkarnationen unserer Entfremdung, unseres falschen Bewusstseins, und dass wir uns in diesen Menschenzerrbildern wiedererkennen, macht ihre groteske Wirkung aus. Da reist also der frisch verheiratete Immobilienmakler Hutter in die Karpaten, um dem Grafen Orlok ein norddeutsches Stadthaus zu verkaufen. Während der Verhandlungen dämmert dem Makler das Risiko dieses Geschäfts – doch der Vampir ist nicht mehr aufzuhalten. Auf einem Geisterschiff, mit einer Ladung Särge an Bord, fährt er nach Deutschland, bringt Pest und Verderben und ist erst durch ein Liebesopfer von Hutters zarter Frau zu stoppen.

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Anders als in Bram Stokers Roman Dracula bestehen in Murnaus Filmadaption von Beginn an verhängnisvolle Anziehungskräfte zwischen Nosferatu und seinen Opfern. Hutter, wie er fluchtartig sein Heim verlässt und nach Transsilvanien eilt, wirft sich dem Dämon geradezu an den Hals. Ellen hingegen, wenn sie einsam am Meer sitzt, den Blick melancholisch in die Ferne gerichtet, lässt uns zweifeln, wem ihre Sehnsucht gilt: Hutter oder dem Vampir? Nosferatu fliegt ihr ja mit geblähten Segeln entgegen, und sie, auf der Friedhofsbank, zwischen Grabkreuzen, ähnelt jener Lenore aus Gottfried August Bürgers Ballade, die auf den untoten Geliebten wartet. Das Grausen, das uns Zuschauer angesichts dieser Szene erfasst, entspringt jedenfalls nicht der Furcht um Ellen, sondern der Ahnung, dass hier ein sardonischer Wunsch in Erfüllung geht. Murnaus Kunst besteht darin, das Erotische am Vampirismus beziehungsweise das Vampirische an der Erotik nur anzudeuten, anstatt es zu verkitschen.

Dieser Regisseur wäre für vieles zu rühmen: für seine subtile Schnitttechnik, seinen reduktionistischen Erzählstil, seine realistischen Albtraumlandschaften. Am größten ist er jedoch als Meister der Zweideutigkeit, die uns zunächst komisch erscheint, aber dann doch umso nachhaltiger schaudern lässt.

 
  • Quelle (c) DIE ZEIT 30.06.2005 Nr.27
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  • Schlagworte Erotik | Vampir | Immobilienmakler | Dämon | Pest | Karpaten
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