Medienindustrie Ein Pakt unter Freunden
Vor 40 Jahren wurde unter einem Apfelbaum der inzwischen größte deutsche Zeitschriftenverlag geschaffen. Der damals 31-jährige John Jahr, Sohn des gleichnamigen Gründers, erinnert sich
Vor genau 40 Jahren wurde am 30. Juni 1965 in meinem Elternhaus an der Hamburger Alsterkrugchaussee die Fusion des Druck- und Verlagshauses Gruner + Jahr GmbH & Co besiegelt. Unter einem großen Apfelbaum, bei Erdbeerkuchen mit Sahne saßen damals Gerd Bucerius, ZEIT- und stern-Verleger, der Itzehoer Drucker Richard Gruner und mein Vater John Jahr, Verleger von Constanze, Brigitte, Schöner Wohnen, Petra und Capital, zusammen und unterschrieben das umfangreiche Vertragswerk.
Mehrere Jahre hatte es gedauert, bis sich diese drei in ihrem Wesen so unterschiedlichen Verleger und Unternehmer einig waren. Die Gründung von Gruner + Jahr war insofern keineswegs eine leichtfertige Entscheidung, sondern ein wohlüberlegter Versuch, im Zeitschriften- und Druckgeschäft gemeinsam stark zu werden. Das ist den drei Männern gelungen: Heute ist Gruner + Jahr der größte deutsche Zeitschriftenverlag und bringt hierzulande zusammen mit der jüngst mehrheitlich übernommenen Motor-Presse Stuttgart über 260 Titel in fast 20 Ländern heraus. Darüber hinaus macht das Unternehmen mehr als die Hälfte seines Umsatzes von 2,44 Milliarden Euro im Ausland, vor allem in Frankreich.
Nach meiner Erinnerung war es vor 40 Jahren vor allem der treibenden Kraft von Gerd Bucerius zu verdanken, dass Gruner + Jahr entstand. Ich höre praktisch noch, wie die drei miteinander diskutierten: Wenn es für Bucerius zu hektisch wurde, er mit seiner Argumentation nicht durchkam, dann lief er einfach aus dem Zimmer und verschwand für eine Weile, während die anderen munter weitersprachen. Keiner hat sich an diesem Verhalten gestört.
Ich kann mich auch an die langen Diskussionen im Kreise meiner Familie erinnern, wie mein Vater John Jahr sehr, sehr lange zögerte, ob er denn als gestandener Verleger noch so flexibel sei, seine alleinige Prinzipalrolle aufzugeben. Er musste ja die Verantwortung für nur wenige Zeitschriften zugunsten einer komplizierten Partnerschaft mit einer breiten, sehr unterschiedlichen Titelpalette eintauschen - ein schwerer Schritt, den niemand ihm abnehmen konnte.
Axel Springers Verlagshaus war das Maß der Dinge
Letztlich waren sich die drei Gründer von Gruner + Jahr mit ihren unterschiedlichen Grundüberzeugungen - gepaart mit unbeirrbarem Selbstbewusstsein und Gespür für den eigenen Vorteil - in einem doch sehr einig: Sie wollten den verlegerischen und unternehmerischen Erfolg, der ihnen damals nur gemeinsam gelingen konnte, wenn sie sich gegen den starken Springer-Verlag durchsetzen wollten. Diese Einschätzung vertrat Bucerius besonders engagiert und hatte in diesem Sinne unter den dreien die größte Weitsicht.
Bucerius war damals 59 Jahre alt, Jahr war 65, und Richard Gruner, der Jüngste, war erst 39. Mein Vater und Bucerius hatten bereits Karrieren als durchaus erfolgreiche, sehr eigenständige Unternehmer hinter sich.
Um die Fusion zu verstehen, muss man die Verhältnisse der Hamburger Verlage kennen, die heute ein Stück Pressegeschichte sind: Jahr senior beteiligte sich 1950 zur Hälfte am Spiegel-Verlag und holte den Spiegel von Hannover ins Hamburger Pressehaus, wo er dem Magazin sein Know-how für den Aufbau des Anzeigen- und Vertriebsgeschäftes zur Verfügung stellte. Rudolf Augstein erinnerte sich anlässlich des 80. Geburtstag von Jahr, dass dieser ihn in die Welt des Geldes und der Steuern eingeführt habe. Aber zehn Jahre später, Anfang 1960, verkaufte Jahr seine Spiegel-Anteile an Bucerius und Gruner, um sich auf seinen eigenen Constanze-Verlag zu konzentrieren. Das zumindest war damals die offizielle Begründung. Entscheidend war, dass Jahr damals massive Vorbehalte gegen eine von Augstein geplante Deutsche Allgemeine Zeitung hatte, ein Konkurrenzblatt zur ZEIT, das allerdings nie erschien. Um die freundschaftliche Beziehung der Jahr-Familie zu Augstein - man wohnte damals Haus an Haus - nicht zu gefährden, verkaufte mein Vater kurzerhand seine Spiegel-Anteile. Das war der größte kaufmännische Fehler seines Lebens, wie er mir später gestand.
Der frühe Versuch, daraufhin die liberalen Blätter stern, Spiegel und ZEIT im August 1960 wirtschaftlich zusammenzuschließen, scheiterte an den unterschiedlichen Auffassungen von Gerd Bucerius und Rudolf Augstein.
Lesenswert sind Auszüge des Briefwechsels der beiden von 1960 bis 1962.
- Datum 25.08.2008 - 11:56 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 27/2005
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