Essay Aber was, wenn Bush doch Recht hätte?

Der Glaube Thomas Jeffersons an die amerikanische Freiheitsmission ist die letzte imperiale Ideologie der Welt, die noch übrig geblieben ist . Ein Essay

Als Thomas Jefferson im Juni 1826 auf seinem Landsitz Monticello im Sterben lag, schrieb er den Bürgern der Stadt Washington einen Brief. Darin teilte er ihnen mit, er sei zu krank, um den Feierlichkeiten zum 50. Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung beizuwohnen. Aber Jefferson wollte den Teilnehmern der Veranstaltung dennoch eine erbauliche Botschaft zukommen lassen. Darum schrieb er ihnen, dass sich das Experiment, welches er und die übrigen Väter der Verfassung begonnen hätten, eines Tages über die ganze Welt ausbreiten werde: »In manchen Teilen früher, in anderen später, aber schließlich überall« werde die amerikanische Version der Selbstregierung zum Geburtsrecht aller Nationen werden. Der weltweite Triumph der Demokratie stehe deshalb fest, fuhr Jefferson fort, weil »die unbegrenzte Ausübung von Vernunft und Meinungsfreiheit« bald alle Menschen davon überzeugen werde, dass sie nicht geboren seien, um beherrscht zu werden, sondern um in Freiheit über sich selbst zu bestimmen.

John F. Kennedy nahm sich Jefferson zum Vorbild, als er 1961 in einer Rede sagte, die Ausbreitung der Freiheit in der Welt sei angetrieben von der »Macht des Rechts und der Vernunft«. Aber, so fügte er pragmatisch hinzu, »die Vernunft erscheint unvernünftigen Menschen nicht immer attraktiv«. Der Kontrast zwischen Kennedy und dem gegenwärtigen Bewohner des Weißen Hauses ist scharf. Der Texaner hat sein Amt darauf verwettet, sich seinen Platz in den Geschichtsbüchern unter einem Leitmotiv zu sichern, das er im vergangenen März öffentlich darlegte: Jahrzehntelang hätten amerikanische Präsidenten durch ihr »Entschuldigen und Verharmlosen der Tyrannei« im Nahen und Mittleren Osten den Hass der Fanatiker erst entfacht, die dann am 11. September 2001 die Flugzeuge ins New Yorker World Trade Center steuerten. Das dürfe nie wieder geschehen. Der Kampf für die Freiheit sei nun das Ziel der Politik.

Anzeige

Sollte die Demokratie im Irak tatsächlich Wurzeln schlagen und sich überall im Mittleren Osten ausbreiten, wird die Welt Bush als einen Visionär mit klarer Sprache in Erinnerung behalten. Wenn der Irak hingegen scheitert, wird er Bushs Vietnam sein – und nichts anderes wird von seiner Amtszeit übrig bleiben. Allerdings steht Bush einer Administration vor, die sich weniger als jede andere neuzeitliche Regierung vor ihr darum schert, ob ihr Reden und ihr Tun in Übereinstimmung stehen. Die tatsächlich für die Förderung der Demokratie im Mittleren Osten aufgewendeten Mittel sind unbedeutend. Der Präsident mag den Haushalt der Nationalen Stiftung für Demokratie (National Endowment für Democracy) verdoppelt haben, aber immer noch handelt es sich dabei um nur 80 Millionen Dollar pro Jahr.

Dann sind da noch die Gefangenen. Und jener Mann mit der Kapuze auf dem Kopf und den Kabeln, die von seinem Körper herabhingen: die universelle Ikone für die Lücke zwischen den Idealen der amerikanischen Freiheit einerseits und der schäbigen, ja kriminellen Wirklichkeit amerikanischer Haft- und Verhörpraktiken andererseits. Es ist das widerliche Beispiel dieser Vergehen, das das amerikanische Gerede von Demokratie so hohl klingen lässt. Es wird unmöglich sein, der Herrschaft des Rechts in Ägypten zum Durchbruch zu verhelfen, wenn die Vereinigten Staaten Hosni Mubarak gefesselte Gefangene zum Foltern schicken. Und es wird unmöglich sein, den demokratischen Wandel in Marokko, Afghanistan oder wo auch immer voranzutreiben, wenn die Muslime glauben, amerikanische Sicherheitskräfte hätten den Koran geschändet.

Heute glauben nur wenige islamische Demokraten im Mittleren Osten und anderswo, dass sie freiheitliche Fortschritte Amerika verdanken – nicht die Demonstranten im Libanon, die den Abzug der Syrer fordern; nicht die irakischen Hausfrauen, die beim Verlassen der Wahllokale stolz ihre lilafarbenen Finger in die Höhe recken; nicht die Afghanen, die in ihren Dörfern friedlich Schlange stehen, um ihre Stimmen abzugeben; nicht die Ägypter, die »Genug!« skandieren und den Rücktritt von Präsident Mubarak fordern. Aber viele von ihnen wissen immerhin, dass sie deshalb nicht – oder zumindest noch nicht – zum Schweigen gebracht worden sind, weil die Vereinigten Staaten tatsächlich auf Menschen wie sie bauen und nicht auf die Autokraten, denen sie gegenüberstehen. Das war nicht immer so. Lateinamerikaner können sich noch gut an die Zeit erinnern, als die Anwesenheit von Vertretern der Vereinigten Staaten die Unterstützung von Todesschwadronen und Militärjunten bedeutete.

Was das Anliegen der Freiheit fremder Menschen in fernen Ländern und das nationale Interesse der Vereinigten Staaten zusammengeführt hat, ist der Terrorismus. Aber nicht jeder glaubt daran, dass Amerika durch Demokratie im Mittleren Osten tatsächlich größere Sicherheit gewinnen wird. Kurzfristig könnte es sein, dass die Demokratisierung beispielsweise in Ägypten die radikalen Muslimbruderschaften an die Macht bringt. Und abgesehen davon: Die Freiheit zum göttlichen Plan für die Menschheit zu erklären, wie es der amerikanische Präsident getan hat, schafft noch keine freiheitlichen Verhältnisse. Es gibt einstweilen keinen Beweis dafür, dass eine Welle der Demokratie und Freiheit den Mittleren Osten erfasst hat. Gut möglich ist etwa, dass in Ägypten nach einigem pseudodemokratischen Hin und Her erneut Mubarak zum Präsidenten gewählt wird. Und doch, und doch… Von mehr als nur einem internationalen Politiker heißt es, er habe erst unlängst seine Berater gefragt: »Was, wenn Bush Recht hätte?«

Anderen demokratischen Staatsmännern mag tatsächlich der Verdacht kommen, Bush liege richtig. Aber das bedeutet nicht, dass sie sich seinem Kreuzzug anschließen. Niemals zuvor gab es so viele Demokratien auf der Welt – und niemals zuvor war Amerika so allein damit, das demokratische Versprechen zu verbreiten. Zurückhaltend sind selbst jene Nationen, die ihre eigene Demokratie dem Einsatz amerikanischer Waffen verdanken. Den Deutschen wurde die Freiheit durch das amerikanische Imperium geradezu auferlegt – von der Entlassung ehemaliger Nazis über die Beseitigung von antisemitischem Unfug aus Schulbüchern bis hin zum Entwurf eines Grundgesetzes für die neue Bundesrepublik Deutschland. Trotzdem intoniert Bundeskanzler Gerhard Schröder immer noch die Melodie, die Demokratie könne »diesen Gesellschaften nicht von außen aufgezwungen« werden. Das ist nicht die einzige Merkwürdigkeit. Wie Thomas Kleine-Brockhoff, Korrespondent der ZEIT in Washington, hervorhebt, brachten die heute regierenden Achtundsechziger ihre jungen Jahre allesamt damit zu, die amerikanische Unterstützung für Tyranneien überall auf der Welt anzuprangern: »Jahrelang haben sie über den Atlantik gerufen: Pinochet! Somoza! Mubarak! Schah Palewi! König Faisal! Nun, zu guter Letzt, scheint es, erhört sie ein amerikanischer Präsident… Doch was ist aus Deutschland zu hören? Nichts.«

Service