Glosse

Teuer bezahlt, diese Bücher

Was es uns kostet, wenn Eltern die Schulbücher kaufen müssen

Der Zeitpunkt schien günstig. Wenige Tage vor den Ferien werden elterliche Gehirne auf Standby vermutet, weil gänzlich ermattet von Begleitübungen zum deutschen Bildungssystem (Bio-Referat! Milchverkauf!), zumal unter der Hitzeeinwirkung eines tiefblauen Hochs. Widerstand gegen Behörden erscheint sowieso zwecklos. Die Hansestadt Hamburg hat also den Eltern beschieden, dass Schulbücher ihrer Kinder zukünftig zu kaufen sind. Wahlweise: teuer zu mieten. Die Hälfte aller Bundesländer haben sich damit, parteineutral, aus der Lehrmittelfreiheit zurückgezogen.

Herr Eichel wird neidisch sein. Welch geniale Idee: Was wie ein Buch aussieht, Titel etwa Physik heute, und in Wahrheit ein veraltetes Lehrwerk der Naturwissenschaft ist, mutierte zum modernsten Mittel der Sondersteuererhebung. Bringt 30 bis 100 Euro pro Kind und Schuljahr! Rund 900 Euro Bildungssteuer pro Schülerleben! Der Trick soll dem bayerischen Bildungsetat eine zweistellige Millionensumme bescheren, in Niedersachsen wurden 25 Millionen Euro in die Kassen gespült, auch in Hamburg werden zur Rettung des maroden Haushalts Abermillionen Euro erwartet. Von wegen Armutsrisiko Kind!

Die Sache ist nicht ohne Logik. Eine Gesellschaft, in der die Kinderzahlen implodieren und eine Mehrheit kinderlos lebt, erklärt sich als nicht mehr zuständig für die Bildung der Jugend. Gab es Traumtänzer, die noch jüngst von einem Bildungssoli faselten? Eine Abgabe vorschlugen für alle, die nicht jeden Tag (gelegentlich nachts) mit der Alltagsbildung ihrer Kinder beschäftigt sind, gedacht als Geste der Solidarität, ein Zeichen von Bürgersinn, geteilte Verantwortung demonstrierend, sichtbar zum Beispiel in einer Rundumerneuerung unserer Schulbücher, die zu den ältesten Europas gehören? Diesen Bürgersinn lässt man sich nun abkaufen, ausgerechnet von Eltern, die noch hilflos protestieren und sich belehren lassen müssen, der Kaufzwang für Schulbücher werde gerade sie erziehen – zur Schulung der Kinder, ein Buch pfleglich zu behandeln.

Dies Argument ist geschmeidig – und lässt sich mühelos auch gegen öffentliche Bibliotheken in Stellung bringen. Wer braucht noch Bibliotheken, wenn man gelernt hat, wie schön es ist, eigene Bücher mit Handschuhen umzublättern? Und der Slogan »Eigener Kopf. Eigenes Schulbuch«, mit dem die Hansestadt auf Plakatwänden für den elterlichen Kaufzwang wirbt, spart schon die Werbekosten, sollte man demnächst planen, auch universitäre Bibibliotheken abzuschaffen.

Ja, alle können so dazulernen. Unsere Kinder, Buch per Buch, wie schön es wäre, zum Beispiel in Finnland, wo die Gesellschaft alle Kinder mit einem kostenlosen Schulessen willkommen heißt, seit 50 Jahren schon. Warum nicht auswandern, schon für die eigenen Kinder? Die gierigen Methusalems könnten endlich, bei Grabesstille, zur Einsicht kommen, dass Schulbücher, die sie nicht bezahlen wollen, sehr teuer erkauft sind.

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