Salty hat ein Problem. Als selbstbewusster Rüde mit der wuchtigen Gestalt eines Sennhundes und den langen Beinen eines Setters ist er es sich schuldig, den Meutenführer zu geben und vorneweg zu hecheln. Gleichzeitig aber soll und will er Kontakt zu Frauchen halten. Und die tastet sich gerade an letzter Position ein wenig knieweich und schwindelig gipfelwärts.

Der in der ganzen Slowakei berühmte Räuberweg ist hier gerade mal doppelt trittbreit. Rechts geht es schrundig ein paar Dutzend Meter fast senkrecht bergab, links zeigt weißgraues Gestein den Wanderern die kalte Schulter, eine überhängende Steilwand, die im zipfeligen Grün von Buche und Felsbirne endet. Zwischen Saltys Führungs- und Frauchens Underdog-Position ganz am Ende der Gruppe wandern 15 Menschen und 14 Hunde. Soll Salty nun Kontakt halten oder die Meute führen?

Ein Luxusproblem, denn Salty macht - worum ihn Stadt- und Stubenhunde beneiden - Wanderurlaub mit seiner Halterin. Und er läuft damit im Trend. In den letzten fünf Jahren hat sich das Angebot an von Trainern betreuten Hundewanderungen verzehnfacht. Es geht nach Mallorca, nach Sylt oder eben in die Slowakei. Martin Rösler, Hundetrainer und Leiter einer Hundeschule aus Bornheim bei Bonn, ist bereits zum dritten Mal zum Hundewandern in der slowakischen Mal Fatra, der Kleinen Fatra.

Für 14 Hunde heißt das: rasen, raufen und rollen in frischem Haselhuhnkot - ein seltenes Vergnügen. Und Abend für Abend ein sauber erlaufener Wolfshunger. Dazu viel Freiheit von der Leine und kein Spazierstockgefuchtel und Gemaule: "Halten Sie mir gefälligst Ihre Töle vom Leib!" Stattdessen sind Salty und seine Mitläufer umringt von Menschen, die sich mit Hunden ganz gut auskennen. Dem Hundehalter ist der Hundehalter in aller Regel ein seelisch Artverwandter. Und dessen Wolfsnachkomme am Band ist - bis zum Beweis des Gegenteils - ein Sympathieträger.

Die Kleine Fatra, unweit der Grenze zu Tschechien in der nordwestlichen Slowakei gelegen, ist noch Wanderneuland: lieblich bis spektakulär - ganz besonders da, wo sich die V h, Slowakiens zweitgrößter Fluss, im felsigen Flußbett wild von einer Seite auf die andere wirft. Und die Fatra ist deutlich preiswerter als jedes wanderbare deutsche Mittelgebirge. Durch den rund 226 Quadratkilometer großen Nationalpark, 1988 eingerichtet, ziehen sich 157 Kilometer lang ausgebaute Wege und Steige, die teils historischen Routen folgen und mit EU-Mitteln rekonstruiert wurden. Aus mittelgebirgigen Buchenrücken und über Fichtenschluchten recken sich alpine Steilwände, mal kalkig spröde, mal in skurril geformtem Dolomitgestein. Hoch über Klammen fechten Steinadler ihre Revierkämpfe aus.

Einer beschert der Gruppe eine Extraeinlage. Ein geschlagenes Rehkitz gleitet dem großen Überflieger aus den Fängen, der spektakuläre Rettungssturzflug misslingt knapp. Tief unter ihm stürzen sich die Kolkraben auf die leichte Beute. Die Adlerhorste der Kleinen Fatra liegen fast auf Sichtweite voneinander entfernt, und sie werden gegen menschliche Eiersammler ständig von Nationalpark-Rangern bewacht.

Vlado Trulik kennt die meisten von ihnen seit seiner Schulzeit. Der 32-Jährige organisiert mit Martin Rösler die Hundetour, ist Quartiermacher und mitwandernder Betreuer. Als der junge Slowake Ende der Neunziger in einer Passauer Gärtnerei schuftete, kam er - gewissermaßen über Weißdorn und Pfaffenhütchen hinweg - mit dem Leitgestirn aller Hundeexperten, dem vor zwei Jahren verstorbenen Erik Zimen ins Gespräch. Dabei entstand die Idee vom Hundewandern ostwärts, vielbeiniger Aufbruch in eine noch fast unentdeckte europäische Landschaft.