iran
Ein TV-Sieg
Die Apathie der Jungen war zu groß – auch deshalb haben in Iran die Konservativen gewonnen
Eine gute Nachricht unter vielen schlechten: Die Reformbewegung in Iran ist noch am Leben. Ich sage dies, nachdem ich gerade aus Teheran zurückgekehrt bin, wo ich fast mein ganzes Leben verbracht habe. Zehn Tage lang habe ich eine komplexe und lebendige Gesellschaft aus nächster Nähe beobachtet. Selbst von der kleinen Küche in meiner Wohnung in Toronto aus, wo ich normalerweise hinter meinem Laptop sitze und mein Blog schreibe, war klar erkennbar, dass die jüngste Wahl in Iran die aufregendste und transparenteste bisher sein würde. Weder die Reformer noch die Konservativen waren jemals so in sich gespalten. Erstmals gab es ernsthafte Wahlkampagnen inklusive professioneller TV-Spots und hässlicher Schmutzkampagnen. Alle Gruppen beobachteten ihre Rivalen genau und stellten deren Lügen, Übertreibungen und Verfehlungen heraus.
Die fragmentierte Wählerschaft war am Ende aber auch der Hauptgrund dafür, dass der Fundamentalist Machmud Achmadineschad zum neuen Präsidenten Irans gewählt wurde. Die erste Runde ging sehr knapp aus. Trotz der massiven Unterstützung, die Achmadineschad durch das konservative Establishment zuteil wurde, bekam er nur 19 Prozent aller Stimmen.
Doch nun orakelt jedermann, wie die iranische Gesellschaft sich verändert habe und welche neue Botschaft hier an die Welt gesendet worden sei. Wer erinnert sich noch daran, dass die Konservativen vor acht Jahren, als Mohammed Chatami gewählt wurde, in der ersten Runde fast den gleichen Anteil erringen konnten? So schmerzhaft es ist, wir müssen zugeben: Der Enthusiasmus der Menschen war nicht entfernt mit dem zu vergleichen, was sich vor acht Jahren abgespielt hatte.
Vor acht Jahren war ich mit einem Freund zu einem Wahllokal in einer kleinen Schule in Nordteheran gegangen. Wir waren überwältigt von der Masse von Menschen, die zum ersten Mal in ihrem Leben wählten. Vor allem westlich aussehende Jungen und Mädchen um die zwanzig und gut aussehende Frauen mit unislamischem Make-up und lackierten Fingernägeln machten Mohammed Chatami damals zum Präsidenten. Als ich diesmal mit meinem Freund im gleichen Lokal wählen gehen wollte, war nichts zu spüren, was an einen demokratischen Prozess erinnert.
Mostafa Moin, unsere große Hoffnung, hatte nur etwa zwei Wochen gehabt, um seinen Wahlkampf zu organisieren. Dies war das Ergebnis eines schlauen Spiels, das der religiöse Führer des Landes, Ajatollah Ali Chamenei, inszeniert hatte. Erst kurz vor Ende des Wahlkampfes hatte er Moin zugelassen. Da hatten viele einflussreiche Reformer bereits zum Boykott der Wahlen aufgerufen, weil keiner der Kandidaten sie repräsentieren konnte. Nach acht Jahren konservativer Blockade jeglicher grundlegenden Reformen waren die Mittelschichten, die Chatami zur Macht verholfen hatten, deprimiert und apathisch geworden.
Dazu kam eine neue Generation der iranischen Jugend, die weder die harten Jahre der Revolution noch die grauenhaften Zeiten des achtjährigen Kriegs mit dem Irak erlebt hatten, als man für Nagellack oder das Tragen von Jeans leicht im Gefängnis landen konnte. Sie waren unter Chatami aufgewachsen, in einer liberaleren Atmosphäre, für die sie nie hatten kämpfen müssen. Die Apathie unter den Jungen konnte in zwei Wochen nicht überwunden werden. Da zählte es wenig, dass die überwältigende Zahl der unabhängigen iranischen Weblogs sich für Moin als fortschrittlichsten unter den sieben Reformkandidaten einsetzten. Auch die populärsten Blogger erreichen nur ein paar Prozent des Publikums, das jede beliebige Entertainment-Website mit Celebrity-Fotos und kitschigen Popsongs verbuchen kann.
Und dann waren da noch die Satelliten-TV-Kanäle, meist aus Südkalifornien ausgestrahlt. Sie werden von iranischen Exilgruppen betrieben, deren Mitglieder oft seit zwei Jahrzehnten nicht mehr im Lande waren. Trotzdem nehmen sich diese Leute heraus, die Iraner zum Wahlboykott oder zur Abgabe ungültiger Stimmzettel aufzufordern! Die breite Masse im Iran wird von zwei Seiten mit Propaganda bearbeitet: Auf der einen Seite die TV-Kanäle der Konservativen – bärtige Männer und Frauen im Tschador, die das islamische Regime preisen –, auf der anderen Seite gut aussehende Männer und Frauen mit aufwändigen Frisuren, die ihnen sagen, dass die Wahlen ein Witz sind und nur helfen, das Regime zu legitimieren.
Die Reformer hingegen haben nur eine einzige Zeitung mit einer Auflage um die 120000, ein paar aktuelle Websites und ein Netzwerk unter Bloggern – damit kommt man gegen die Propagandamaschine des Regimes und des Exils nicht an. Trotzdem schafften sie es, mindestens vier Millionen Wähler für Moin zu gewinnen. Doch schließlich sahen sie sich machtlos der politischen Maschinerie Achmadineschads gegenüber.
Obwohl er ständig auf den Straßen Teherans unterwegs war, zog Achmadineschad vor der ersten Wahlrunde nur eine sehr geringe Aufmerksamkeit auf sich. Er hatte zwar die Unterstützung vieler Iraner aus der Unterschicht, die, müde von ihrem immerwährenden Lebenskampf, von seinem einfachen Lebensstil berührt waren. Auch seine populistische Agitation gegen die harschen Einkommensunterschiede und gegen die Korruption verfing bei ihnen. Doch ohne den politischen Apparat des obersten Führers, der jederzeit mindestens zwei Millionen Stimmen produzieren kann – durch Einsatz eines Riesennetzwerks aus Moscheen, aus jungen religiösen Mitgliedern der Milizen und loyalen revolutionären Garden – hätte Achmadineschad es niemals bis auf den zweiten Platz in der ersten Runde geschafft.
Zumindest eines haben die Reformer diesmal bewirkt: Sie haben in ihrem Wahlkampf die Grenzen des Erlaubten weiter hinausgeschoben – vor allem, was langlebige Tabus um ethnische Minderheiten, die politische Rolle der Frauen und die Menschenrechte angeht. Sie haben auch bewiesen, dass immer noch sie den Werten der Jugend und der gebildeten, städtischen Mittelklassen am engsten verbunden sind. Sie haben das Potenzial des Internet genutzt, um ihre Basis zu organisieren und eine lebendige Debatte um ihre Botschaft zu entfachen. Ich habe selbst gesehen, wie sie immer wieder den Vorschlägen ihrer jungen Anhänger zuhörten und sie ernst nahmen.
Die Reformer werden wahrscheinlich in der Machtstruktur Irans während der Herrschaft Achmadineschads keine Rolle spielen. Die kommenden vier Jahre müssen sie nutzen, ihre Botschaft auszufeilen und ihre Basis zu verbreitern. Die Reformbewegung bleibt der beste Weg zu einem friedlichen und demokratischen Iran.
Der Autor ist ein iranischer Internet-Aktivist und Blogger. Er lebt in New York und war gerade erstmals seit drei Jahren in Iran
Aus dem Englischen von Jörg Lau
- Datum
- Quelle (c) DIE ZEIT 30.06.2005 Nr.27
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