Der Staatsschauspieler
Viele waren es ja nie, und am Schluss wurden es immer weniger. Doch drei, vier Schriftsteller hielten Gerhard Schröder die Treue bis zuletzt. Ein Autor flüstert dem Bundeskanzler ins Ohr, er wolle über ihn ein Theaterstück verfassen mit dem Titel: Im Herbst des Patriarchen. Herr Schröder trete darin in unterschiedlichen Rollen auf. Mal als Zeitgenosse, mal im altertümlichen Gewand. Im ersten Akt ist etwas faul im Staate Deutschland, und der Regent aus dem Hause Hannover wird gerufen, die Dinge wieder einzurichten. Tapfer kämpft er gegen Windmühlen, doch je mehr er von ihnen besiegt, desto mehr werden es.
Im zweiten Akt sehen wir Schröder, wie er – frei nach Shakespeare – als Prospero auf der Brücke seines Schiffes steht und einem tosenden Sturm die Stirn bietet. Hohe Wellen schlagen ihm ins Gesicht. Der Weltensegler wähnt sich dem Untergang nah, nur der Theaterzuschauer weiß, dass es zur Panik eigentlich keinen Grund gibt. Der Sturm wird sich legen, und schon bald wird ein anderer Steuermann am Ruder stehen. Doch Prospero sucht die Entscheidung, er sucht sie hier und jetzt. Er reißt das Ruder herum und dreht das Schiff gegen den Wind. Es ist der Anfang vom Ende, und die Tragödie nimmt ihren Lauf. Das Manöver, das den Untergang verhindern sollte, führt ihn herbei. Das Theaterschiff läuft auf Grund. Der Vorhang fällt.
Nach der Pause wird Prosperos Tragik zur Leitmelodie des Stückes. Es gibt ein Spiel im Spiel, und der Regent aus Hannover schlüpft in viele bunte Kostüme. »Das ist kein Spiel, das ist Ernst«, ruft er seinem neckischen Hofstaat zu, als die Dinge sich ungünstig entwickeln. Er sucht nach Verbündeten unter den Reichen und Großen, den Mächtigen und Mäzenen. Verzweifelt verwandelt er sich in einen Prinz, der kapitalen Prinzessinnen Avancen macht, auf dass sie ins Land eilen und seinem Gemeinwesen wieder auf die Beine helfen. Aber die Prinzessinnen kommen nicht, bringen kein Geld und lassen nur grüßen. »Später, mein Prinz, später!«
Obwohl die Zeiten nicht glücklich sind, ein Elend sind sie nicht. Erst als die westfälische Provinz sich gegen den Regenten erhebt, nimmt die Geschichte eine tragische Wendung. Der Regent fasst sich ein Herz und landet zum Entsetzen der Anwesenden einen Coup. Dem Hofstaat, der ihm bis zuletzt vertraut hatte, kündigt er an, die Vertrauensfrage zu stellen. »Das ist kein Spiel, das ist Ernst«, ruft er immer wieder, und diesmal glaubt man ihm. Dafür loben ihn kluge Kommentatoren in philosophischen Journalen. Es sei des Regenten größte Tat – ein Akt wie bei Machiavelli, der das Wesen der Souveränität aufs schönste erweise: die reine Macht, die reine Entscheidung und damit das »Politische« selbst. Ernst, nicht Spiel.
Im dritten Akt sehen wir, wie die gescheiten Herren blamiert werden. Der Regent wollte einen neuen Anfang setzen, und nun will sein Ende nicht enden. Mit tragischer Ironie entsteht genau die Krise, die er vermeiden wollte. Bereits in dem Moment, als der Regent ankündigt, eine fingierte Vertrauensfrage zu stellen, ist das Vertrauen zerstört, das man ihm gestern noch geschenkt hatte. Sein gepuderter Hofstaat läuft auseinander, und plötzlich ist der Mensch dem Menschen ein Wolf. Minister betreiben ihre eigene Opposition und widerrufen öffentlich die Politik, die sie im Kabinett beschließen. Das gemeine Volk wiederum glaubt, die großspurige Widersacherin aus den Ostgebieten des Reiches sei bereits im Amt. An dieser Stelle erzielt die Aufführung ein paar schöne Effekte mit Glitzerkram und doppelten Spiegeln. Denn während die Rivalin unter neuer Perücke bereits leibhaftig auf dem Königsthron zu regieren scheint, sieht unser Regent aus Hannover aus wie sein gleichnamiger Doppelgänger, der unlängst aus dem Amt geschieden war und nun einer Wolfsburger Kutschen-Manufaktur seine Dienste anbietet.
- Datum 30.06.2005 - 14:00 Uhr
- Quelle (c) DIE ZEIT 30.06.2005 Nr.27
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