Schon damals, als er noch mit einer Super-8-Kamera durch die Vorgärten von New Jersey stürmte und mit selbst gebastelten Wehrmachtshelmen den Zweiten Weltkrieg nachspielte, hatte Steven Spielberg einen Allmachtstraum. Er malte sich aus, die Kinosessel zu verkabeln, um das Publikum mit gezielten Stromstößen aus den Sitzen zu reißen, zum Schreien, Zucken und Weinen zu bringen. Das Kino als Emotionenschleuder, als Manipulationsmaschine, die ihre Bilder mit Lichtgeschwindigkeit in die Gehirnwindungen der Zuschauer jagt – wahrscheinlich hat es nie eine ehrlichere Definition von Entertainment gegeben. Später, als man ihn einen Populisten, Infantilisierer und Blockbuster-Ideologen schimpfte, sollte es Spielberg bitter bereuen, je einer Menschenseele von diesem Traum erzählt zu haben. Dabei spricht daraus sein unglaublicher Publikumsinstinkt, jene Freude an der Angstlust, die ihn zum Herrscher über unser populärkulturelles Bildergedächtnis machte und ganze Generationen von Kinogängern heranzüchtete, die sich nach Der weiße Hai nicht mal mehr in den nächsten Badesee trauten.

Der neue Spielberg, der als teuerster Film aller Zeiten beworbene Krieg der Welten, steht ganz im Zeichen dieser Verkabelungsvision, ja er verströmt eine Spektakelfreude und ungebremste Zerstörungslust, die man dem Regisseur nach seinen überambitionierten Science-Fiction-Arbeiten, seinen Botschafts- und Familienfilmen kaum noch zugetraut hätte. Frei nach dem 1897 entstandenen Roman von H. G. Wells erzählt der Film von einem Helden, der nach der Invasion der Außerirdischen verzweifelt um sein Leben und das seiner Kinder kämpft.

Schon in der ersten Szene, wenn Tom Cruise als Kranführer im New Yorker Hafen säuberlich einen Container auf den nächsten schichtet, ahnt man, dass es mit unserer menschlichen Legosteinchen-Welt bald ein Ende haben wird. Ein paar Dialogschnipsel, ein fast leerer Kühlschrank und ein ölverschmierter Motorblock auf dem Küchentisch reichen Spielberg, um die Welt dieses geschiedenen Prachtkerls zu skizzieren, der ausgerechnet am Weltuntergangswochenende auf seine beiden Kinder aufpassen muss. Während sich der Himmel über der Brooklyn Bridge zu einem schwarzen Drohen verdichtet, bleibt dem Helden nicht mehr viel Zeit für die zickige kleine Tochter und den halbwüchsigen, seinem Erzeuger grollenden Sohn. Indem er sich ausschließlich auf die Wahrnehmung dieses Vaters konzentriert, unterzieht Spielberg das normalerweise auf sture Parallelhandlung setzende Genre des Katastrophenfilms einer konsequenten Revision. Weshalb zwischen geschiedenen Ehepartnern, eingeschlossenen Kindern und stirnrunzelnden Wissenschaftlern hin- und herspringen? Wozu die totale Vernichtung noch demokratisieren?

In Krieg der Welten wird der Untergang zum existenzialistischen Drama eines Einzelnen, Ausgelieferten, der den Zuschauer in sein Entsetzen hineinzieht. Mit den Augen von Tom Cruise sieht man die außerirdischen Vernichtungsmaschinen aus dem New Yorker Asphalt emporwachsen, riesige dreibeinige Metallroboter, deren Energiestrahlen in Sekundenbruchteilen Menschen, Autos, Häuser pulverisieren. Gnadenlos geschäftig gehen die Eindringlinge dazu über, die Erde mit einem riesigen Landwirtschaftsprojekt zu überziehen. Die Welt wird zur Plantage. Zur großen Alien-Farm, entsetzlicherweise genährt und gedüngt mit dem Blut ihrer ausgesaugten Bewohner. In Krieg der Welten werden die vertrauten amerikanischen Panoramen zu blutroten Höllenlandschaften.

In dieser routinierten Vernichtung und ihrem antizivilisatorischen Affekt liegt die kluge Grausamkeit dieses Films. Nüchtern reduziert er den Menschen auf seine kreatürliche Substanz. Was einmal eine Bevölkerung war, wird zu einer Masse aus flüchtenden, kriechenden, wimmernden Wesen. In Krieg der Welten gibt es keinen Krieg, keine Schlacht und nicht einmal wirkliche Gegner. Nur einen Vater, der seine Kinder retten will. Und eine Spezies, die dieser Kleinfamilie ungefähr die Existenzberechtigung einer Schildlaus zubilligt.

Man kommt nicht umhin, den Angriff einer Lebensform auf eine andere, die Panik in den New Yorker Häuserschluchten mit der amerikanischen Invasionsangst nach dem 11. September zu assoziieren. Tatsächlich verwendet Spielberg einschlägige Bilder, und die menschliche Asche, die sich Tom Cruise in einer Szene panisch von den Haaren klopft, erinnert an den Staub des zerstörten World Trade Center. Eine Wand mit den Fotos der Vermissten evoziert die Tage nach dem Attentat. In einer anderen Einstellung sieht man Cruise aus seinem Versteck hinaus in ein endloses Trümmerfeld treten. Von dem Haus, in dem er eben noch Erdnussbutter-Sandwiches schmierte, stehen nur noch ein paar Wände. Zwischen Flugzeugteilen, zerschredderten Möbeln, verkohlten Steinen und Metallstücken dreht sich ein brennendes Triebwerk. Es ist ein furchterregendes Gemälde, ein Endzeit-Bild.