Kino Die Monster, die er riefSeite 2/2

Natürlich verweisen diese Szenen auf die Motiv-Gefräßigkeit eines Regisseurs, dessen Filme immer auch nationale Gesamtkunstwerke sind, kulturelle Pulsmessungen und Einfühlungen in die amerikanische Psychologie. Dabei zeigt Spielberg sein in Hysterie und Auflösung versinkendes Land nicht im allerbesten Licht. Er mokiert sich über die Großmannssucht der amerikanischen Militärmaschinerie, die recht schnell den Status einer Playmobil-Armee bekommt. Er zeigt Soldaten, die die Menschen zum Weitergehen auffordern, obwohl es keine Straßen und Häuser mehr gibt. Und er filmt die andere Seite der Angst: Darwinismus, Verbrechen, Verrohung. Insofern ist die Konfrontation des »guten« Amerikaners Cruise mit einem von Waffen besessenen Vietnam-Veteranen (Tim Robbins) die perfideste des Films. Um sein Kind vor der Entdeckung durch die Außerirdischen zu retten, bringt der Vater den halb verrückten Mann um. Vorher jedoch verbindet er dem Mädchen die Augen – die Drecksarbeit wird woanders gemacht, im Dunkeln, hinter verschlossenen Türen. Im Krieg der Welten wird Cruise, der sich zu Beginn kaum vom Anblick der triumphalen Mordmaschinen losreißen konnte, dem Mädchen immer wieder hilflos die Augen zuhalten. Die absurde Errettung des Blicks, die Bewahrung der kindlichen Reinheit inmitten der totalen Zerstörung ist Spielbergs großes symbolisches Projekt – das in diesem Film zum ersten Mal auch sein Scheitern erzählt.

Wirklich überraschend jedoch ist Spielbergs Umgang mit den Invasoren selbst. In der Romanvorlage von H. G. Wells stürzen die fremden Raumschiffe kometengleich vom Himmel. Nicht anders in der 1953 entstandenen Erstverfilmung Kampf der Welten und in Orson Welles’ legendärer Hörspielversion, die 1938 die amerikanischen Radiohörer in Panik versetzte. Diesmal sind die Außerirdischen buchstäblich unter uns. Seit Urzeiten warten sie unter dem New Yorker Asphalt auf ihren Einsatz, wie eine Urangst, die plötzlich ins Bewusstsein tritt. Schon immer ist Spielberg, dieser Meister nicht nur der amerikanischen Paranoia, in tiefere Ebenen, in unsere archetypischen Albträume und Ängste vorgestoßen.

Womöglich sind die Angstlandschaften von Krieg der Welten sogar eine Rückkehr zu den Anfängen. Bereits vor dreißig Jahren drehte Spielberg zwei Filme über eine Bedrohung, die aus dem Innern kommt und uns mitten im Alltag erwischt. In seinem Regiedebüt Duell, ebenfalls eine geradlinige Menschenjagd, hetzt ein scheinbar führerloser Lastwagen einen harmlosen Autofahrer fast bis in den Tod – der Mensch wird von seinem eigenen Werk, einer Amok laufenden Technik, eingeholt. In Der weiße Hai wurde das Monster aus der Tiefe zum Sinnbild einer profitsüchtigen, über Leichen gehenden Freizeitindustrie, aber auch zur Metapher einer Natur, die endlich zurückschlägt. In beiden Filmen jagte Spielberg die Stromstöße direkt in die Kinosessel. Beide Filme sind reine Action, Entertainment im besten Sinne – und wurden doch zu Meilensteinen, zum Inbegriff eines Unterhaltungskinos, in dem sich zeitphysiognomische Betrachtung und Kulturkritik wie nebenbei kristallisieren. Krieg der Welten, diese ganz auf Schock und Schrecken setzende Science-Fiction, ist wieder ein großes Paranoia-Werk, das den Zeitgeist zugleich aussaugt und durchleuchtet.

Es hat eine gewisse Ironie, dass sich Spielberg nicht mit seinen Aufklärungsdramen, nicht mit Amistad, Der Soldat Ryan oder Schindlers Liste, sondern mit der von ihm etwas verschämt betrachteten Popcorn-Ware am nachhaltigsten ins kollektive Gedächtnis eingeprägt hat. Vielleicht wird sich der große Elektrifizierer aus New Jersey daran gewöhnen müssen, dass ihn die Monster, die er rief, auf immer verfolgen werden. Dass seine Meisterschaft darin besteht, sie in seinen Angstgemälden zu entfesseln. Die Filmgeschichte hat sich nie darum geschert, aus welchen hohen oder niedrigen Motiven ihre wirkungsvollsten Bilder entstanden sind.

 
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