Rock die Moral!
Bob Geldof, die Live-8-Konzerte und der alte Traum, die Welt mit Gitarren zu verändern
Das Bild wird bleiben, wie Sir Bob Geldof Heidemarie Wieczorek-Zeul über den rot getönten Haarschopf strich. Na also, geht doch! Eine Schrecksekunde lang schien die Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit sich wegducken zu wollen – schließlich sind derangierte Frisuren das Letzte, was Politiker unter heutigen Bedingungen brauchen können –, dann ließ sie es tapfer lächelnd über sich ergehen. Jetzt wissen die Leute da draußen, dass Pop und Entwicklungshilfe etwas gemeinsam haben. Mit ein bisschen gutem Willen können sie sogar nett zueinander sein.
Überliefert wurde die Szene durch eine der vielen Pressekonferenzen, die Geldof in den letzten Wochen gab, um für sein Live-8-Projekt zu werben, jene konzertierte Aktion gegen den Hunger in Afrika, die am 2. Juli als Super-Simultan-Gig von globalem Zuschnitt in acht ausgewählten Städten über die Bühne gehen wird. Geldof, der Weltinnenminister des Pop: Von London nach Berlin ist er gejettet, von dort wieder in die USA, nach Frankreich oder Japan, ohne sich einen Moment Ruhe zu gönnen. Selbst die Tatsache, dass die angesprochenen G8-Staaten einer seiner Forderungen zu einem dramaturgisch ungünstigen Zeitpunkt zuvorkamen, indem sie den ärmsten Ländern der Erde bereits im Juni ihre Schulden erließen, konnte ihn auf seiner Mission nicht stoppen.
Aus sittlich ungefestigten Personen wurden Diplomaten in Lederjacken
Das Tempo, das er vorlegt, ist neu, der Traum alt. »The boys and girls with guitars will finally get to turn the world on its axis«, diktierte Geldof in alle erreichbaren Mikrofone: Es sei an der Zeit, mit der vereinten Macht von Gitarren der Welt einen anderen Dreh zu geben. Eigens zu diesem Zweck haben sich die greisen Pink Floyd wiedervereinigt, und Peter Maffay spielt mit den Toten Hosen vor dem Brandenburger Tor. John Travolta will mit einer Privatjet-Flotte über den Atlantik kommen, Richard Gere seine Verbindungen zum Dalai Lama spielen lassen, der Papst ist für Schottland angefragt, wo mit einem Sternmarsch Druck auf die zum Gipfel versammelten Staatsmänner ausgeübt werden soll. Darüber hinaus wird es Videoleinwände geben, auf denen das Publikum sich selbst beim Protestieren zuschauen kann. Noch nicht ganz fest steht lediglich, ob die welthistorische Stimmung das Ereignis überdauern wird. Zu viele haben den Film schon einmal gesehen.
Die Rockbühne als moralische Anstalt – seit Geldof vor 20 Jahren mit Live Aid den Trend setzte, haben Veranstaltungen zur Erziehung des Menschengeschlechts Konjunktur. Kaum war die Spendengala vorüber, da folgten bereits Band für Afrika, die bundesdeutsche Parallelinitiative mit Udo Lindenberg und Nena, sowie Farm Aid, ein Spektakel zur Rettung der von der reaganschen Wirtschaftspolitik gebeutelten amerikanischen Bauern. In den Neunzigern wurde für Greenpeace, Ausbildungsplätze und den Wiederaufbau der Brücke von Mostar mobilgemacht. Man hat ein wenig den Überblick verloren über die Fülle von Benefizaktionen. Für das Wohl von Straßenkindern, Drogenabhängigen, die Befreiung politischer Gefangener, gegen rechts, Rassismus und Hartz IV – immer fand und findet sich ein Häuflein Gerechter im Namen einer Sache zusammen. An keinem dieser Konzerte ist die Welt genesen, wohl aber haben sie die Popmusik verändert.
In seinen Anfangszeiten galt der Rock ’n’ Roll als Spielfeld sittlich ungefestigter Personen, die auf durchaus selbstsüchtige Weise davon sangen, Cadillacs zu besitzen oder ihr Baby zurückhaben zu wollen. Leuten wie Bob Geldof oder Paul David Hewson, besser bekannt als Bono Vox von U2, gebührt das Verdienst, auf diesem schwierigen Terrain die Grundsätze der Verantwortungsethik durchgesetzt zu haben. In der großen weiten Welt, in der sie pausenlos unterwegs sind, bewegen die beiden sich wie Diplomaten, die ein früheres Leben aus nicht mehr nachvollziehbaren Gründen mit Lederjacken und Sonnenbrillen ausgestattet hat. Wenn der Geist der guten Sache in sie fährt, reden sie in Zungen, wie man sie sonst nur von Politikern kennt. Und über ihre Anhängerschaft gebieten sie wie Stammesführer oder alternative Staatsmänner, manchmal sogar wie Ordensritter.
Von »europäischen Visionen«, die es zu erneuern gelte, sprach Bono neulich, als er zu einem Kurzbesuch bei José Manuel Barroso in Brüssel vorbeischaute – Gerhard Schröder hätte es nicht besser gekonnt. Geldof, der ein Erweckungserlebnis für seine Mission verantwortlich macht, hat ein ganzes Buch geschrieben, das ausschließlich davon handelt, wie er mit den Mächtigen der Erde zu Mittag isst und nebenbei ein paar Dollar für karitative Zwecke abstaubt. Von so viel Licht geblendet, ließen sich Kommentatoren zu der These verleiten, die Rockmusik habe ihre Pubertät hinter sich und sei endlich erwachsen geworden. Zutreffender wäre es, von einer Christianisierung des Rock zu sprechen, der die heidnischen Ursprünge zum Opfer gefallen sind. Im Kurs steht nicht mehr das hedonistische Glücksversprechen, sondern die zur mildtätigen Gabe führende Ansprache ans Über-Ich. Mit Bono und dem heiligen Bob meldet sich eine bewährte Maxime zurück: Tue Gutes und rede darüber.
Die rockende Wohlfahrt – eine zeitgemäße Art von Ablasshandel
- Datum 30.06.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 30.06.2005 Nr.27
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