Harzt IV Ohnmacht in Oranienburg

Wie ein ostdeutscher Landkreis versucht, seine Arbeitslosen selbst zu vermitteln

Der Mann am Empfang musste noch nicht handgreiflich werden. »Bis jetzt konnte ich allen Ärger mit Worten bereinigen«, sagt er. Der Wachmann soll die Mitarbeiter des Landkreises Overhavel schützen. Seit Anfang des Jahres kümmern sie sich nicht mehr nur um Sozialhilfeempfänger, sondern auch um die Leute, die früher Arbeitslosenhilfe erhielten. Und die jetzt unter Hartz IV fallen und meist mit weniger Geld auskommen müssen. Wie überall in der Republik befürchtete man in Oranienburg Krawalle. Zu Unrecht.

Gibt es hier in Oranienburg, 35 Kilometer nördlich von Berlin, wirklich wenig Grund zu Ärger? Werden Langzeitarbeitslose in der ostdeutschen Kreisstadt nicht nur gefordert, sondern tatsächlich auch gefördert?

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Eigentlich sollten sie von der Kommune und der örtlichen Arbeitsagentur gemeinsam betreut werden. So sah es das Hartz-Konzept der SPD vor. Doch im Vermittlungsausschuss legte die CDU ihr Veto ein: Die Mithilfe der Arbeitsagentur sei überflüssig. Deshalb durften bundesweit 69 Städte und Landkreise die Betreuung der Langzeitarbeitslosen allein übernehmen. Vom Chaos, das andernorts in den Arbeitsgemeinschaften mit den Arbeitsagenturen herrscht, fühlt sich nun die CDU-Kanzlerkandidatin Angela Merkel bestätigt: Falls sie die Wahl gewinnt, sollen die Kommunen generell allein zuständig sein.

Der Landkreis Oberhavel erprobt das CDU-Konzept schon jetzt. Doch das Chaos, das die überstürzte Reform bescherte, herrscht auch hier.

Oranienburg, Poststraße. In dem ehemaligen Hauptquartier des SED-Kreisverbands hat der Landkreis Oberhavel den Fachbereich »Grundsicherung und Vermittlung für Arbeitssuchende« eingerichtet. Zwölf Stellenausschreibungen hängen an der Wand. Kurierfahrer auf 400-Euro-Basis, Angebote von Zeitarbeitsfirmen, das Pharma-Unternehmen Altana vergibt sechs Jobs für Pharmakanten und Chemielaboranten. Zu wenig für die 17500 Arbeitslosen des Landkreises Oberhavel.

Im Souterrain sitzt Anja Tiedtke. Als Fallmanagerin ist sie für Langzeitarbeitslose zuständig, deren Namen mit den Buchstaben O bis Z beginnen. »Ich habe auch schon auf dem Stuhl gesessen«, sagt die 35-Jährige und weist auf den Besucherplatz. »Ich war selbst nicht durchgängig in Arbeit.« Weil sich der Landkreis jetzt auch um die ehemaligen Arbeitslosenhilfe-Bezieher kümmert, musste er Personal einstellen. Zum Glück für die studierte Betriebswirtin Tiedtke. Im Dezember machte sie einen Crashkurs in Konfliktbewältigung, dann trat sie die Stelle an. Statt Berufstipps hat sie vor allem die Adressen von Sucht- und Schuldnerberatungen parat. Kein Wunder, dass sich mancher Langzeitarbeitslose im Abseits sieht, der weder Alkoholiker noch Bankrotteur ist, sondern nur einen Job sucht.

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