Die obszöne Geste und das vulgäre Grinsen des Deutsche-Bank-Chefs Josef Ackermann haben sich dem öffentlichen Gedächtnis tief eingeprägt – als repräsentative Physiognomie einer Klasse, die gewillt ist, den "Standort" Deutschland nach ihrem Gusto neu zu definieren. Das berüchtigte Foto Ackermanns ziert denn auch das Cover von Victory-Kapitalismus, das aus der Feder eines jüngeren SPD-Bundestagsabgeordneten stammt.

Hans-Peter Bartels lässt erst einmal kräftig Dampf ab gegen die Schrempps, Koppers und Schneiders dieser Republik, die bedenkenlos Milliarden in den Sand setzen (Beispiel Toll Collect), zugleich aber nicht müde werden, den drohenden wirtschaftlichen Abstieg Deutschlands an die Wand zu malen und der großen Mehrheit der Bevölkerung Verzicht zu predigen – bei märchenhaft hohen eigenen Bezügen und garantierten Abfindungen auch im Misserfolgsfall. Tatsächlich handelt es sich hier um einen verschärften "Klassenkampf von oben", der Bartels zufolge historisch dadurch begünstigt wird, dass seit dem Ende der Sowjetunion der Kapitalismus alternativlos geworden ist: "Selbst im kommunistischen China haben wir inzwischen mehr unternehmerische Freiheit als in Deutschland." So der Präsident der Maschinenbaulobby VDMA – der erpresserische Ton ist gewollt.

Bartels’ Polemik richtet sich gegen eine Klasse – und gegen die weithin gleichgeschalteten Medien, die nachbeten, was aus den Chefetagen tönt –, die aus schierem Eigennutz ein Interesse daran hat, die wirtschaftliche Situation Deutschlands schlechter zu reden, als sie tatsächlich ist. Der Autor vertritt die Auffassung und belegt das anhand von Zahlen und Fakten, dass Deutschland, obwohl mit den ökonomischen Folgekosten der Wiedervereinigung enorm belastet, im internationalen Vergleich wesentlich besser dasteht, als gern behauptet wird, wofür nicht zuletzt die deutsche Handelsbilanz spricht. Solange freilich die Schwarzmalerei der Kapitalseite von der Öffentlichkeit für bare Münze genommen wird, kann es sich diese Seite ungestraft erlauben, immer neue Erpressungsmanöver einzuleiten – für niedrigere Unternehmensteuern und Lohndumping, für die Entmachtung der Gewerkschaften und Einschränkung der Mitbestimmung, für den Rückzug des Staates und überhaupt für mehr "Freiheit" des Privateigentums an Produktionsmitteln.

Alles, was das Buch an Fakten und Argumenten aufbietet, ist bekannt. Aber wahrscheinlich ist es notwendig, das Bekannte immer wieder öffentlich laut zu sagen, damit auch der Dümmste begreift, wie wir verschaukelt werden. Was allerdings in Bartels’ flott formuliertem kapitalismuskritischen Pamphlet entschieden zu kurz kommt, ist die Rolle seiner eigenen Partei. Die SPD hat sieben Jahre lang alles dafür getan, dass uns der vom Autor beklagte "Ökonomismus" in einer Weise eingetrichtert wurde, dass einem Hören und Sehen verging. Auch und gerade die SPD hat es zugelassen, dass der Staat seine gesamtgesellschaftliche Steuerungsfunktion zugunsten der Logik des "freien Marktes" eingeschränkt hat. Aber ihr liebedienerisches Werben um die Gunst des Kapitals blieb letztlich erfolglos. Franz Münteferings anklagendes Wort vom "Heuschreckenkapitalismus" kommt jetzt wohl zu spät, um noch zu retten, was nicht zu retten ist: die Regierungsmacht der SPD.