literatur Politisierter Pamuk
Dass der türkische Schriftsteller den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhält, ist gut – und sehr ambivalent
Der türkische Schriftsteller Orhan Pamuk, dem jetzt der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels zugesprochen worden ist, erzählt in seinem Roman von einem türkischen Schriftsteller, der ins östliche Anatolien reist. In Wahrheit sucht er dort eine Jugendliebe, aber er tut so, als sei er Zeitungsreporter. Der Schriftsteller ist im Grunde ein ganz unpolitischer Mensch. Eigentlich interessiert er sich nur für seine Gedichte, für die Schönheit des fallenden Schnees und für seine Liebesgeschichte. Aber die politischen Wirren, in die er sich im Verlauf des Romans immer mehr verstrickt, sie bewirken, dass er plötzlich, ohne es zu wollen, im schwer durchschaubaren Spiel der Intrigen zu einer wichtigen Figur wird. Das ist komisch und endet tragisch.
In einem Gespräch mit der ZEIT (Nr. 16/05) hat Pamuk gesagt: »Ich habe die großen Ideen gründlich satt. Ich bin ihnen in meinem überpolitisierten Land viel zu sehr ausgesetzt gewesen. Literatur ist meine Reaktion darauf, ein Versuch, das Spiel umzudrehen, einen gewissen Humor, eine gewisse Distanz in die Sache zu bringen. Ich will dem Leser sagen: Nimm diese Dinge nicht so verdammt wichtig. Ist das Leben nicht schön? Ich möchte nicht zu einem Teil der verbissenen politischen Kultur werden, die ich selber so oft kritisiere.«
Dieser schöne Wunsch wird sich einstweilen nicht erfüllen. Das liegt auch an Orhan Pamuk selber. Denn so gerne er unpolitisch wäre – die Zerrissenheit seines Landes erlaubt es ihm ebenso wenig wie der inzwischen internationale literarische Ruhm, den er mit Recht genießt. Und sein Hinweis auf den Mord an Armeniern und Kurden (in einem Interview mit dem Zürcher Tagesanzeiger im Februar dieses Jahres) hat ihm den blinden Hass einiger Landsleute eingetragen, verknüpft mit ernsten Drohungen, die es ihm geraten erscheinen ließen, das Licht der Öffentlichkeit zu meiden.
Pamuk ist nicht so naiv wie sein Romanheld. Schnee ist ein hoch politischer Roman, der die Konflikte zwischen Kemalisten, Islamisten und Kurden dramatisch bündelt, bis hinein in die tödliche Groteske. Aber der Roman nimmt nicht Partei. Völlig unideologisch versucht er, jeder Seite Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Der Dumme ist am Ende der Dichter. Allen hat er zugehört, alle hat er verstanden, aber es nutzt ihm nichts, er kommt unter die Räder einer finsteren politischen Mechanik.
Dass Pamuk in Frieden leben und lieber die Schönheit des Daseins besingen möchte, ist gut zu verstehen. Aber nun kann er nicht mehr zurück. Der Friedenspreis wird ihm diesen Frieden einstweilen nicht gönnen. So vielschichtig und differenziert, so spielerisch und fantastisch seine Romane auch sind – von nun an wird die politische Lesart alles überblenden. Die ersten, zumeist aggressiven türkischen Reaktionen auf den Beschluss der Frankfurter Jury lassen nichts Gutes ahnen.
So sehr die Verleihung dieses angesehenen Preises an Pamuk zu begrüßen ist, so ambivalent ist sie zugleich. Sie enthält eine politisch-polemische Botschaft an die Adresse jener Türken, die in der Annäherung an die westlichen Ideale Toleranz und Rechtstaatlichkeit einen Verrat heiliger Traditionen erblicken. Und zweitens verschärft sie den innereuropäischen Streit um den Beitritt der Türkei. Das heißt: Die Ambivalenz von Pamuks Literatur vereinseitigt sich zur politischen Botschaft.
Aber es ist vermutlich wahr, dass man all diese Konflikte nicht mildert, indem man sie beschweigt. Das hat auch Pamuk wahrlich nicht getan, nicht in seinen Romanen und schon gar nicht in seinen öffentlichen Äußerungen. Insofern verdient er diesen Preis, und man kann nur hoffen, dass der Name »Friedenspreis« sich erfüllt. Das ist von nun an nicht mehr Pamuks Sache allein, sondern auch die seiner Leser.
- Datum 30.06.2005 - 14:00 Uhr
- Quelle (c) DIE ZEIT 30.06.2005 Nr.27
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