neuwahlen 2005 Der Himmel über Berlin

Wie lange hält Gerhard Schröder durch? Verhindert Horst Köhler die Neuwahl? Stürzt das Land in eine Verfassungskrise? Beobachtungen eines Zerfalls

Berlin

Nebel. Die Politik in Berlin fährt auf Sicht. Aber sie tut so, als ob. Alles im Griff. Business as usual und schnell noch Tschüss bei Bush, am Freitag im Parlament aber schon begründen, weshalb er selber einen Schlusspunkt gesetzt hat, möglichst wasserdicht für’s Verfassungsgericht. Gerhard Schröder am Ende einer Dienstfahrt.

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Mäuschen hätte man sein mögen bei dem Ministergespräch am Mittwoch. Da grübelte also, stellt man sich vor, das rot-grüne Team über sieben Jahre. Wie war das, wie waren wir? Ein literarischer Moment wie selten einer. Fairness macht keine Quoten. Ob sie darüber geredet haben, wie oft sie betrachtet wurden, als habe man Eiskunstläufer vor sich, die zu benoten sind, der Russe bekommt eine 5,1, und als wären wir alle Zuschauer? Eine Voyeursdemokratie hält sich Politiker.

Fest steht nur das Ende der rot-grünen Ära

Auch das ist schon wieder passé. Was derzeit geschieht, geschieht live. Dass die Abgeordneten »eingeladen« sind, sich am Freitag der Stimme zu enthalten, hat Franz Müntefering ihnen am Montagabend mitgeteilt. Eingeladen, dem Kanzler nicht zu vertrauen. Zuvor hatte die aufmarschierte Zunft ehemaliger Verfassungsrichter fast unisono öffentlich dekretiert: Es gehe schon gar nicht an, die Ministerrunde »einzuladen«, bei der Vertrauensfrage dem Kanzler zur erwünschten Niederlage zu verhelfen. In letzter Sekunde musste wieder neu überlegt werden.

Inszenierungen finden in solchen Tagen nicht statt. Es gilt das gesprochene Wort. Das heißt: Auszuschließen ist also nach der Vertrauensfrage gar nichts mehr. Fest steht nur das Ende der rot-grünen Ära. Dann beginnt aber schon das Rätseln: Man kann sich nicht wirklich vorstellen, dass der Kanzler Gerhard Schröder nach den ersten Hochrechnungen am 18. September vor die Kameras geht und verkündet, er habe zur Kenntnis zu nehmen, was er halt zur Kenntnis zu nehmen hat. Und jetzt Viktoria, zur Tochter! Er hat ja auch nicht primär einen Wiedereinstieg, sondern einen Ausstieg gesucht.

Kann man denn mit absoluter Sicherheit davon ausgehen, dass der Kanzler, auf den es seit Adenauers Zeiten ankommt, überhaupt noch einmal antritt? Die Granden seiner Partei, die man danach befragt, schließen Schröders Rückzug als Kandidat definitiv aus. Er müsste dann erklären können, heißt es, warum er den Schritt, einen Rücktritt als Kanzler, nicht gleich vollzogen habe.

Kulissengeflüster. Einen plausiblen Ersatz für das, was offiziell »Spitzenkandidat« heißt, so wird weiter argumentiert, gebe es ohnehin nicht. Franz Müntefering? Oder Henning Scherf, wird inzwischen auch gemunkelt – Bremens SPD-Bürgermeister kann das Lied vom Zusammenrücken in der Not singen wie kein Zweiter. Was aber unterscheide Schröder dann noch von Oskar Lafontaine, wenn er gehe?, wird eingewandt. Ein solcher Rückzug wäre nichts wesentlich anderes als ein Rücktritt noch am Düsseldorfer Wahlabend, es wäre »der fast notariell beurkundete Ausdruck des Scheiterns«, sagt einer mit Autorität. Da hilft nichts, als Zähne zusammenzubeißen. Wer immer für Schröder einspringen würde, die Meute würde sich genauso auf ihn stürzen. Die Meute sind wir, die Journalisten.

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