VW-Schmiergeldaffäre Dreck unter der Motorhaube
Der Korruptionsskandal bei VW weitet sich aus: Betriebsratschef Volkert ist überraschend zurückgetreten. Auch Personalvorstand Peter Hartz steht in der Kritik. Konzern-Chef Pischetrieder kündigt „vollständige Aufklärung an“
Bei der Volkswagen AG bahnt sich ein Skandal noch unklaren Ausmaßes um Schmiergeldzahlungen an. Eine Affäre um den früheren Personalvorstand der tschechischen VW-Tochter Skoda, Helmuth Schuster, droht sich auf andere führende Konzern-Mitarbeiter auszuweiten. Konzernchef Bernd Pischetsrieder will durchgreifen und kündigte eine „lückenlose Aufklärung“ an. Dabei hat er derzeit mit Absatzeinbrüchen in China und den USA und einem massiven, konzernweiten Sparprogramm schon alle Hände voll zu tun.
Jetzt überschlagen sich die Ereignisse am Stammsitz in Wolfsburg: Am Donnerstagvormittag trat völlig überraschend der mächtige VW-Betriebsratsvorsitzende Klaus Volkert zurück, um "Schaden von IG Metall und VW-Betriebsrat abzuwenden". Auf einer Betriebsversammlung, auf der eigentlich der Sparkurs des neuen VW-Sanierers Wolfgang Bernhard im Mittelpunkt stehen sollte, sagte Volkert, er trete nach fünfzehn Jahren im Amt ab. Die Stabübergabe an seinen bisherigen Stellvertreter Bernd Osterloh sei seit längerer Zeit für den Sommer dieses Jahres geplant gewesen.
Spekulationen zufolge soll Volkert aber auch in die Schmiergeldaffäre um Schuster verwickelt sein. Erst am frühen Donnerstagabend wies Volkert diese Vorwürfe zurück. "Ich habe mich keiner kriminellen Handlung schuldig gemacht", betonte der 62-Jährige. Sein Abschied sei vorgezogen worden, "in Kenntnis der zu erwartetenden öffentlichen Diskussion um scheinbare Unregelmäßigkeiten" im Zusammenhang mit seiner Person. Er werde sich juristischen Beistand nehmen.
Die Vorgänge um Schuster und der Volkert-Rücktritt sind möglicherweise erst der Anfang einer Affäre, die den Ruf von VW schwer schädigen könnte. In verschiedenen Medienberichten hieß es, auch Personalvorstand Peter Hartz sei verwickelt und werde zurücktreten. Schuster galt als enger Hartz-Vertrauter. Ein VW-Sprecher dementierte umgehend: "Hartz ist und bleibt Personalvorstand bei Volkswagen."
Der Vorstandsvorsitzende von VW, Pischetsrieder, kündigte an, VW arbeite bei der Aufklärung der Vorwürfe eng mit der Justiz zusammen. Ein Sprecher der zuständigen Staatsanwaltschaft in Braunschweig sagte, VW habe schon am Dienstag neben Schuster einen weiteren Mitarbeiter angezeigt. Diese zweite Anzeige richte sich aber nicht gegen Volkert oder einen hochrangigen Konzern-Manager.
Schuster musste seinen Posten bei Skoda vor zwei Wochen räumen. Gegen ihn und den zweiten Mitarbeiter ermittelt die Staatsanwaltschaft nun wegen des Verdachts auf Untreue und Betrug. Schuster soll Schmiergelder von Zulieferern verlangt haben und darüber hinaus mit Hilfe von Strohmännern Firmen im Ausland kontrolliert haben, die mit VW lukrative Verträge abschlossen. Schuster soll sich so an seinem eigenen Arbeitgeber bereichert haben.
In Sachen Volkert geht die interne Revision bei VW dem Verdacht nach, dass der Betriebsratschef mit Schuster an einem Unternehmen beteiligt sein soll, das sich um einen Auftrag von Skoda in Prag beworben hatte. Auch Volkert sei damit in die Affäre verstrickt. Branchenkreise bestätigten, es gebe "Unregelmäßigkeiten".
Der Sprecher der Bundesregierung, Béla Anda, hat unterdessen einen Bericht der Wirtschaftswoche , nach dem Bundeskanzler Gerhard Schröder möglicherweise von der Schmiergeldaffäre gewusst haben soll, als "verleumderisch" und "falsch" zurückgewiesen. Schröder werde sich gegen diese Behauptungen rechtlich zur Wehr setzen.
Volkert stand 15 Jahre lang an der Spitze des VW-Betriebsrates und galt als einer der mächtigsten Betriebsratschefs in Deutschland. Er war maßgeblich beteiligt an wichtigen tarifpolitischen Abschlüssen bei VW in den vergangenen 15 Jahren - etwa an der Einführung der Vier-Tage-Woche 1993, mit der Massenentlassungen vermieden wurden, sowie am Tarifabschluss im vergangenen Herbst. Gegen eine Nullrunde holte Volkert eine Beschäftigungssicherung in den westdeutschen VW- Werken bis 2011 heraus.
Volkert war auch wichtiger Bestandteil im "System Volkswagen", das der hannoversche VW-Betriebsratschef und SPD-Landtagsabgeordnete Günter Lenz einmal so beschrieb: Es bestehe darin, dass Vorstand, Arbeitnehmervertreter und die politisch Verantwortlichen des Landes Niedersachsen "Hand in Hand" dafür sorgten, Arbeitsplätze zu sichern.
- Datum 01.07.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) ZEIT.de, dpa, 1.7.2005
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