g8-gipfel »Make Poverty History«
Vor dem G8-Gipfel: Tony Blair verbündet sich mit Bob Geldof. Für Afrika. Und um sein eigenes Image zu verbessern
London
Am vergangenen Samstag stieg der Prophet hinab zu den Rockfans, um seine Botschaft zu verkünden. An die 150000 Menschen hatten sich in Glastonbury zum alljährlichen Festival von Rock- und alternativer Kultur in der Grafschaft Somerset eingefunden. Just in der Nacht zuvor hatte der Himmel seine Schleusen geöffnet, sintflutartige Regenfälle spülten Zelte hinweg, verwandelten Wiesen und Felder in schlammigen Morast. Bob Geldof schien in den Unbilden der Natur den idealen Hintergrund für seinen Auftritt zu sehen. Barsch beschied er der Menge, man solle sich an den Händen fassen, damit werde. »Macht Armut zur Geschichte!«, skandierte die Masse gut ein Dutzend Mal.
So lautet der Slogan des weltumspannenden Kreuzzuges, den Geldof zusammen mit Bono von der Rockband U2 ins Leben gerufen hat, der an diesem Wochenende mit stargespickten Popkonzerten von Philadelphia über London bis Berlin begangen wird und mit einem »Marsch der Millionen« zum G8-Gipfel im schottischen Gleneagles seinem Höhepunkt entgegenstrebt. Geldof, einst Sänger der eher mittelmäßigen irischen Rockgruppe Boomtown Rats und Initiator von Live Aid im Jahr 1985, trägt seither »white man’s burden«, die postkoloniale Bürde des weißen Mannes. Er mauserte sich zum unermüdlichen Advokaten des Schwarzen Kontinents, mobilisiert humanitäre Hilfe und liest Regierungen die Leviten. Sein struppiges Äußeres, strähnige, nun leicht ergraute Haare, gammelige Kleidung, der ewige Stoppelbart und ein rüder, mit Kraftworten gepflasterter Umgangston, vor allem aber das Feuer des Engagements, das in ihm lodert, bewahrten ihn davor, als scheinheiliger Selbstpublizist verdammt zu werden. Geldofs Integrität zu bezweifeln grenzt an Gotteslästerung und könnte, so spöttelte ein Times- Kolumnist, leicht ein Verfahren wegen Anstiftung zum religiösen Hass nach sich ziehen.
Sir Bob bedient sich stets einer ruppigen Sprache, ob er Tony (Blair) oder George (Bush) trifft, ob er seine BBC-Fernsehserie über Afrika präsentiert oder rund um den Globus in einer endlosen Serie von Interviews Journalisten über den Mund fährt. Zu seinen zahlreichen Bewunderern zählen Nelson Mandela und die beiden mächtigsten Figuren der britischen Politik. Beide, Tony Blair wie sein designierter Nachfolger Gordon Brown, wussten, warum sie vor dem G8-Gipfel eine Allianz mit »Saint Bob« schlossen und sich so auf ein Spektakel einließen, in dem Politik und Pop, Straße und TV zu einer Inszenierung verschmelzen, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat.
Der Premier, gebeutelt vom Fall-out des Irak-Krieges, sah gleich eine doppelte Chance. Labour-Wähler sollten ans humanitäre Engagement ihrer Regierung erinnert werden und »eine Gelegenheit erhalten, sich gut zu fühlen«, sagt ein Insider. Zugleich wollte der Premier verhindern, dass der Gipfel der wichtigsten Industriestaaten wie in den Jahren zuvor nur wegen der Schlachten mit den Rüpeln der Antiglobalisierungsgegner erinnert würde. Ganz absichtsvoll dient der Pakt mit Geldofs »Make Poverty History«-Kampagne dazu, den Gipfel von Gleneagles in einen moralischen Test für die mächtigsten politischen Führer der Welt zu verwandeln und ihnen Entscheidungen über Afrika abzuringen, die ansonsten nicht erreichbar wären.
Premier und Rockbarde marschierten in den vergangenen Jahren und Monaten getrennt, um gemeinsam zu schlagen: Der eine bearbeitete die Regierungschefs, um den Boden zu bereiten für das Thema Afrikahilfe. Der andere mobilisierte die Massen. Blair drängte Präsidenten und Premiers zu Schuldenerlass (mit gewissem Erfolg) und mehr Hilfe (hier kam er kaum voran), Geldof sorgte dafür, dass ein mehrteiliger globaler Supergig mit der Creme der Rock- und Popstars einem Milliardenpublikum rund um die Welt per TV frei ins Haus geliefert wird. Man muss nicht einmal spenden, denn es geht, in den Worten von Geldof, allein darum, »das Bewusstsein zu schärfen« für das drängende Problem von Armut, Hunger und Tod. Weshalb Claudia Schiffer, Kylie Minogue und andere celebrities, mit den Fingern schnipsend, in TV-Spots zu sehen waren – um zu verdeutlichen, dass jede Sekunde ein Kind in Afrika an Unterernährung stirbt.
Kein Wunder, dass ein hochrangiger Beamter aus der Staatskanzlei eines G8-Landes den Blair/ Geldof-Doppelakt als »beinah furchterregend« empfindet. Nie zuvor waren Regierungen vor einem Gipfel solch geballtem öffentlichen Druck ausgesetzt. Die moralische Inszenierung dient zugleich dazu, den militanten Antiglobalisierern das Wasser abzugraben. Weshalb diese jetzt vor Wut schäumen. Blairs Vision von Afrika sei ebenso herablassend und ausbeuterisch wie die Auftritte der weißen Popstars, wütete John Pilger, Altmarxist und Antikapitalist; Bob Geldof, »der geadelte Ire an seinem Hof«, habe sich vor den ausbeuterischen Karren des Westens spannen lassen.
Die Theatralik dieses Vorspiels zum Gipfel führt dazu, dass auch anderswo die Ehrlichkeit der Ambitionen von Blair und Geldof in Zweifel gezogen wird. In beiden Fällen mag das ungerecht sein. Auch wenn sich nicht übersehen lässt, dass Geldof eine Rolle fand, die ihm nach dem wenig beklagten Ende seiner musikalischen Laufbahn den Prominentenstatus sichert. Blair hat schon seit Jahren auf Aktionen zugunsten Afrikas gedrängt. Beide erweckten zuletzt den Eindruck, vom Schwung ihres Projektes hinweggerissen zu werden. Blair wie Geldof verstehen einiges von der vertrackten Thematik der Entwicklungshilfe. Auch Geldof ist kein naiver Gutmensch, der ständig von kolonialer Schuld faselt; beide wissen, dass eine wesentliche Ursache des afrikanischen Dauerdesasters die furchtbaren Regime sind, die ihre Völker wie Vampire aussaugen. Beide müssten wissen, dass mehr Hilfsgelder oder Gordon Browns Idee eines Marshall plan bittere Erfahrungen ignorieren. »Wenn Hilfsgelder die Lösung für Afrikas Probleme wären«, sagt der Afrikaexperte Richard Dowden, »wäre es ein reicher Kontinent«; jeder lebende Afrikaner habe rund 5000 Dollar erhalten, den sechsfachen Betrag des Marshallplanes für Europa nach dem Krieg.
Am Ende dürfte Live 8 bei Hunderttausenden von jungen Idealisten, die, Geldofs Ruf, folgend nach Schottland aufbrachen, nur Zorn und Frustration auslösen. Was immer die Politiker tun, es wird nicht reichen. Das hätte Tony Blair voraussehen können. Die Enttäuschung wird auch auf ihn zurückschlagen. Das Konzept des Freihandels, das vom Westen den Abbau von Schutzzöllen und Agrarsubventionen forderte, klingt nicht griffig genug, wenn »Armut zur Geschichte« gemacht werden soll. Doch das Ziel verlangt nun mal mehr, als Paul McCartney, U2 und Coldplay im Londoner Hyde Park auftreten zu lassen oder, was Geldof gelang, die zerstrittenen Stars von Pink Floyd nach 24 Jahren auszusöhnen. Immerhin soll der Gig am 2. Juli mit dem Beatles-Song The Long and Winding Road enden. Die lange, mühselige Straße, eine passende Metapher für den Kampf um Afrikas bessere Zukunft.
- Datum 30.06.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 30.06.2005 Nr.27
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