architektur Selbst das Klärwerk wird Kultur

Spanien im schweren Kunstrausch: Überall entstehen Museen und Musikhallen – nur das gebildete Publikum fehlt

Wollte man noch einmal Orwells verfilmen, man könnte keine bessere Kulisse für das gefürchtete »Ministerium der Wahrheit« finden als den neuen Palast der Künste in Valencia. Der riesige, fast schwebende Bau ist auf den ersten Blick nichts anderes als ein gigantisches Auge aus Beton, 75 Meter hoch, 170 Meter breit. Darüber wölbt sich in einem schier unendlichen Bogen eine Art Augenbraue. Die ausgewachsene Metapher soll allerdings nicht den klassischen Merksatz unterstreichen, sondern ist als Einladung gemeint: Im Innern des Auges gibt es etwas zu sehen.

Noch dauert es ein paar Monate, bis das Versprechen eingelöst und der Palau de les Arts eingeweiht wird, mit Zubin Mehta als Gala-Dirigenten und Lorin Maazel als musikalischem Direktor. Schon jetzt aber gibt es eine Menge zu sehen, denn der Palast ist nur das letzte unfertige Element in Valencias Stadt der Künste und Wissenschaften. Nebenan haben ein Kugelkino und ein Planetarium, das Wissenschaftsmuseum und ein Aquariumskomplex ihre Tore bereits geöffnet. Die Gesamtanlage ist gewaltig, ihr Eindruck ist es auch. Denn das architektonische Ensemble von Santiago Calatrava wurde mit entschiedenem Willen zum Monumentalen entworfen. Calatravas Fusion von organischer Struktur und technizistischem Styling kann sich aufspreizen wie nie zuvor. Den Bauherren ist’s recht so, denn die Gebäude sollen laut Konzept »die Aufmerksamkeit der Welt auf die Dynamik der Region Valencia und ihren Einsatz für die Kultur lenken«.

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Die Architektur wird zum Imagefaktor und zum Lockmittel für Touristen

Allerdings wird es Valencia mit diesem Weltverlangen nicht ganz leicht haben, die Konkurrenz ist groß. In ganz Spanien sind in den letzten Jahren außerordentliche Häuser und Räume für die Kultur gebaut worden. So viele, dass im Land selbst schon spöttisch vom inaugurationismo gesprochen wird, vom »Einweihungsismus«. Vor allem die zeitgenössische Kunst hat davon profitiert. Kaum eine mittelgroße Stadt kommt noch ohne hochmodernes Ausstellungszentrum aus. Und der Boom geht weiter: Peter Eisenman baut am Rande von Santiago de Compostela an der Cidade da Cultura, in Madrid wird Mitte 2006 das große Kulturzentrum der wichtigsten spanischen Bank La Caixa eröffnet, nur drei Jahre nach dem vergleichbaren Caixaforum in Barcelona. Und übers Land verteilt befinden sich noch ein gutes Dutzend weitere Häuser im Bau- oder Planungsstadium.

Unter den neu errichteten Renommierbauten besitzt Valencias »Kulturstadt« die luxuriöseste Auslage. Das verdankt sich unter anderem einem besonders breiten Kulturbegriff. »Auch die Wissenschaft gehört für uns zur Kultur«, sagt der Direktor José Manuel Aguilar. »Und auch der Tourismus. Und ist nicht auch die Wirtschaft ein Teil der Kultur?« Aguilar spricht von der gestiegenen Hotelbelegung, von neuen Arbeitsplätzen und von einem strategischen Plan zur Zukunft der Stadt. Es gehe um Imagepolitik. Valencia solle als modern, dynamisch, fortschrittlich positioniert werden.

Aguilar fällt es schwer, über Kultur zu sprechen. Er hat kein rechtes Verhältnis zu ihr. Er weiß, dass sie zu etwas nutze sein soll. Dass man stolz auf sie sein muss. Aber ihre inneren Werte scheinen ihm leicht verdächtig zu sein. Er spricht aus der Defensive, und man fragt sich, warum. Es ist, als müsse er beständig gegen den Argwohn ankämpfen – auch den eigenen. Als wolle er sagen: Es geht um Kultur, aber machen Sie sich deshalb bitte keine Sorgen!

Spanien hat enorme Häuser gewonnen und stolze Bauten. Der Geist ist nicht immer mitgewachsen. Manchmal bringt ein repräsentatives Gebäude ein neues Selbstbewusstsein zum Ausdruck. Aber manchmal hinkt das Selbstbewusstsein auch hinterher. Und es ist nicht sicher, ob ihm der Anschluss gelingt. Viele Städte bauen auf Kultur einzig, um neue Touristen anzuziehen. Sie wollen das wiederholen, was in Bilbao mit dem spektakulären Guggenheim-Museum gelungen ist – wenn auch nicht in jeder Hinsicht. »Bei allem Erfolg in sozialer und städtebaulicher Hinsicht«, sagt Josep Ramoneda, »als kulturelles Projekt ist das Museum eine Katastrophe. Es gibt keine Impulse. Es ist nur eine Zweigstelle, die weiterverwertet, was anderswo entwickelt wurde.« Ramoneda hat sein eigenes Haus, das Centre de Cultura Contemporània de Barcelona. Als es 1994 öffnete, war der aktuelle Boom nichts als ein fernes Wetterleuchten. Mittlerweile gibt das CCCB ein Musterbeispiel ab für zeitgenössische Kulturfusion. Hier finden experimentelle Festivals statt zu Poesie, Film oder Performance, hier werden kluge kulturhistorische Ausstellungen konzipiert, hier treffen sich die regionalen HipHopper zur Vers- und internationale Philosophen zur Gesellschaftsanalyse.

Das CCCB hat erreicht, was den meisten anderen Häusern noch fehlt: eine kreative Infrastruktur mit Themensensor, Reflexionsaggregat und Hipness-Anpassung. Ramoneda, der Direktor, geht entsprechend kritisch mit der jüngsten Einweihungswelle um: »Das ist die Politik der Steine. Politikern gefällt es, ein neues Haus zu eröffnen. Also geben sie Geld für den Bau. Für den späteren Unterhalt reicht es dann nicht mehr.« Dieses Problem trifft vor allem die jungen Museen für zeitgenössische Kunst. Sie haben repräsentative Räume, aber wenig repräsentative Werke zum Zeigen. Außerdem steht bislang keineswegs fest, dass ausgerechnet Museen für Zeitgenössisches als bester Ausweis für ein florierendes Gemeinwesen zu gelten haben. Seltsamerweise hat dieser Glaube im ganzen Land Fuß gefasst. Aber es ist ein brüchiger Glaube. Er braucht Nahrung. Und dafür fehlt vielerorts das staatliche Geld.

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