»Und plötzlich wählst du CDU«

Angela Merkel die Stimme geben? Menschen, die sich das früher nie vorstellen konnten, denken auf einmal darüber nach. Ein Rundgang durch sieben wankelmütige Milieus

Der Wechselwähler ist das schmutzige kleine Geheimnis der Parteiendemokratie. Ohne ihn geht nichts. Doch wir wissen kaum etwas Zuverlässiges über ihn. Er ist die Versicherung gegen den politischen Stillstand, denn er kippt Regierungen, rechts wie links. Alle Statistiken besagen, dass es immer mehr von seinesgleichen geben muss. Und doch will es am Ende niemand gewesen sein. Die wenigsten geben gern zu, wechselgewählt zu haben. Die Wahlforscher bekommen den Wechselwähler darum nicht zu fassen, und die Politiker zittern vor ihm. Wer seine Unterstützung gewinnt, lobt seine Rationalität. Wer ihn verliert, flucht über seine Wankelmütigkeit.

Selten war der Wechselwunsch so klar, selten war zugleich die Angst des Wechselwählers vor der eigenen Courage so deutlich. Nach der letzten Allensbach-Umfrage befürworten 52 Prozent der Bevölkerung einen Regierungswechsel. Selbst unter den Anhängern der regierenden Koalition ist der Wechselwunsch groß: Nur 46 Prozent der SPD-Wähler, nur 32 Prozent der Grünen-Anhänger sind gegen den Wechsel. Doch zugleich trauen nur 25 Prozent der Bevölkerung einer CDU-geführten Regierung zu, die anstehenden Aufgaben besser zu bewältigen.

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Der Wechselwähler war im politischen System der Bundesrepublik immer schon eine beargwöhnte Figur. Man fürchtete, dass dieser Teil der Wählerschaft »besonders leicht dem Sturmwind der Demagogie folge«, so der Soziologe Erwin Faul 1960. Die Wechselwähler, schimpfte Ludwig Erhard 1965, seien politischer »Flugsand«, auf den man keine stabile Demokratie aufbauen könne. Aber auch von der Linken wurde Wechselwahlverhalten stets mit Sorge betrachtet. Die mobilen Teile der Wählerschaft galten als Symptom gesellschaftlichen Zerfalls, als Indiz für das Nachlassen der institutionellen Bindekräfte in den Kernmilieus der jeweiligen Lager – katholische Kirche einerseits, Gewerkschaften andererseits.

Eine Schlüsselszene in dem Film Die fetten Jahre sind vorbei zeigt, wie stark der Lagerwechsel immer noch als Verrat und Ausverkauf gilt: Da versucht der von den jungen Revoluzzern entführte ehemalige SDS-Aktivist seine Verbürgerlichung zu rechtfertigen. Es fange damit an, erklärt er hilflos, dass du mal ein Auto fahren willst, das funktioniert – »und plötzlich wählst du CDU«.

Das ist natürlich denunziatorisch gemeint, aber es trifft vielleicht den Kern des jetzigen Wechselwunsches. Auch viele, die 1998 Schröder oder Fischer ihre Stimme gegeben haben, wollen nun endlich mal wieder ein Auto fahren, das funktioniert. Sie wollen dabei gar nicht das rot-grüne Projekt in Bausch und Bogen verdammen. Es wäre ihnen sogar sehr recht, um im Bild zu bleiben, wenn das Auto nicht nur funktioniert, sondern auch einen gewissen Stil hat und die Emissionen niedrig hält.

Der Achtundsechziger

Der Bamberger Soziologe Gerhard Schulze (Die Erlebnisgesellschaft) sieht die Zunahme der Wechselbereitschaft ohne Bedauern: Dass die Parteien sich nicht mehr auf eine »politisierte Sozialstruktur« verlassen können, in der das gesellschaftliche Umfeld die politische Meinung des Wählers vorbestimmt, findet Schulze begrüßenswert. »Was ist eigentlich so toll daran, dass die Leute schön berechenbar nach Beruf, Stand und Konfession wählen? Das Wechseln muss hierzulande noch erlernt, das ängstliche Hängen am Stallgeruch eines bestimmten Milieus muss verlernt werden.« Im linksliberalen Post-68er-Milieu, dem Schulze selber entstammt, sei »der Milieuzwang ironischerweise stärker als in vielen anderen Gruppen«. Schulze bekennt sich dazu, »mal dies und mal das gewählt zu haben«. Er musste sich allerdings das Recht dazu, sagt er, »in dem rot-grünen Haufen meiner Umgebung gegen ziemlichen Widerstand erkämpfen«.

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