Vor fünf Jahren beobachtet Tony Rominger, bester Schweizer Radfahrer der letzten Jahrzehnte, Zweiter der Tour de France 1993 und zweifacher Weltmeister, wie in Presse und Fernsehen eine Jagd auf seinen alten Coach Michele Ferrari beginnt. Seit beim wichtigsten Radrennen des Jahres, der Tour de France, fast vollständig gedopte Teams entdeckt wurden, verdächtigt man den italienischen Sportarzt Ferrari der Entwicklung und Verbreitung einer Dopingsubstanz von unheimlicher Stärke. Ferrari soll, nur unterstützt durch seinen wissenschaftlichen Lehrer Francesco Conconi, der ganzen Sache des Sports geschadet haben wie niemand zuvor.

Im vergangenen Herbst wurde Michele Ferrari schließlich von einem Gericht in Bologna verurteilt, wegen Sportbetrugs zu einem Jahr Haft auf Bewährung und zu einer Geldstrafe von 900 Euro. Ein zweiter Prozess gegen ihn wird bereits vorbereitet. Der erfolgreichste Radfahrer aus Ferraris Kundenkartei ist Lance Armstrong. Der Amerikaner wurde nie des Dopings überführt. Armstrong wird von diesem Samstag an versuchen, die Tour de France abermals zu gewinnen.

Armstrong hat seinen Arzt Michele Ferrari wiederholt verteidigt, hat ihn einen "Ehrenmann" genannt. Ferraris wichtigster nicht überführter Schüler neben Lance Armstrong ist Tony Rominger. Der Schweizer ist 1997 aus dem Radsport ausgestiegen, er ist heute 44 Jahre alt, arbeitet für einen Sportartikelhersteller. Er ist immer noch ein Idol in seinem Land. Doch den Aufzeichnungen zufolge, die im Frühsommer 2005 ein Dopingjäger, der nicht möchte, dass sein Name genannt wird, auf den Schreibtisch in einem Büro in Rom legt, war Rominger Zeuge, wie Ferrari mehr als jeder andere das Gesicht eines ganzen Sports veränderte und den Radrennen ihren modernen, radikalen Charakter gab. Wie hat der Betreuer Rominger beeinflusst, wie aus ihm einen erfolgreichen Radrennfahrer gemacht?

Zu Beginn des Treffens in Neuchâtel, seinem Arbeitsort, erklärt Rominger, über einige Fehlannahmen bei der Dopingbekämpfung sprechen zu wollen, weniger gern über Doktor Ferrari, in dessen Praxis dem Dopingjäger zufolge die Unterlagen über Rominger beschlagnahmt wurden. "Der arme Michele ist inzwischen fast schizophren. Man will ihn ja jetzt für alles, was passierte, verantwortlich machen." Ferrari hat die Wirkung der Substanz Epo einmal mit der von Orangensaft verglichen. "Das war natürlich dumm von ihm", sagt Rominger, "das konnte sehr missverstanden werden. Er wollte wohl auf die Verhältnismäßigkeit hinweisen. Wenn einige Leute täglich fünf Kilo Spaghetti essen und zehn Liter Saft trinken, ist das nach einigen Wochen auch gefährlicher als… Ich weiß gar nicht mehr, worum es damals genau ging."

Die Erforschung und dann die – laut Eidesschwur des Fahrers Filippo Simeoni – Verbreitung des menschlichen Hormons Erythropoietin, kurz Epo, zu sportlichen Zwecken durch den Mediziner Ferrari in Italien und später durch andere über die Landesgrenzen hinaus wurde von 1985 an möglich. Nachdem Epo in San Diego von Wissenschaftlern kloniert worden war – es sollte als Medikament Nierenpatienten helfen –, erkannten den Ermittlungen des Dopingfahnders zufolge Ferrari und sein Lehrer Conconi als Erste Epos vielversprechende Wirkung auf die Erhöhung von Sauerstoffversorgung und Ausdauerleistung im Spitzensport. In der Schweiz qualifizierte sich der Amateur Tony Rominger gerade durch mehrere Siege erstmals für internationale Radrennen. Die Wissenschaftler erkannten den Radsport als ideales Experimentierfeld. Bei steigender Geschwindigkeit kämpft der Radfahrer gegen überproportional steigende Belastungen seiner Muskelkraft und Ausdauer. Entgegengesetzt wirkende Windkraft führt Spitzenfahrer an die so genannte Wand, an der die Kosten jeder weiteren Tempoerhöhung ins Unermessliche steigen. Die größte Begeisterung aber haben immer gerade die seltenen Momente der Verschiebung dieser Mauer erzeugt.

Der Radsport ist seit Beginn seiner Geschichte tief in Amateur- und Profilager gespalten. Als Eliteamateur sagt Tony Rominger sich 1985: Entweder du hast in einem Jahr einen Profivertrag oder hörst auf. Der Schwerpunkt des Profiradsports liege nicht im sportlichen, sondern im sozial-beruflichen Erfolg, urteilte 1927 der Deutsche Sportärztebund. Daher lasse sich "Doping im Profiradsport durchaus verteidigen". Die Professionalisierung begünstigte die Anwendung leistungssteigernder Mittel. "Ich hatte Profi gewählt", sagt Rominger. "Ich war ein Showman. Wer war wie viel mal auf der Zeitungstitelseite? Leistung bringen und dem Sponsor durch meine Präsenz zurückgeben, was er in mich investiert hat. Alles andere hat mich immer weniger interessiert."

1886 fiel beim Radrennen BordeauxParis der Engländer Linton vom Rad, tot, Aufputschmittel. "Es hat", sagt Rominger, "bis heute noch immer wieder was Neues gegeben, oder?" 1950 bis 1980, die große Zeit der Amphetamine. Anabolika und Steroide kommen hinzu. "Unterhaltung – je brutaler, umso besser. Gibt’s einen Unterschied zwischen Gladiatorenkämpfen und Radrennen?" Bei den Olympischen Spielen 1960 sterben zwei Fahrer, Aufputschmittel. "Wir haben", sagt Rominger, "die blutigen Spiele abgeschafft, aber die Menschen wollen unterhalten werden." Das erste Dopingopfer der Tour de France stirbt am 13. Juli 1967, Tom Simpson. "Der Gladiator, der am meisten getötet hat, war der größte Held. Wenn du aus Freude Rad fahren möchtest, mach es neben der Arbeit nach 18 Uhr."

1987 sitzt Tony Rominger in einem Trainingslager, "ich war 26, ich hatte im Jahr zuvor drei Siege erzielt, aber keine Vertragsverlängerung bekommen. Ein italienischer Sponsor gab mir eine Chance, ich kam im Januar in die Mannschaft, dann Langlauflager in den Dolomiten, ich saß da, im Nachhinein müsste man sagen, mit Depressionen. Ich sagte, ist das alles wirklich das, was du willst? Das war der schlimmste Moment, das war sehr nahe am Aufhören." In diesem Lager lernt er den jungen Trainer Michele Ferrari kennen.