Ich habe einen Traum
Bertrand Tavernier, 64, Regisseur, Autor und Produzent, gilt als einer der eigensinnigsten Filmemacher seiner Generation. Nach kurzem Jurastudium in Paris begann Tavernier, Kritiken für die Filmzeitschrift »Cahiers du cinéma« zu schreiben. 1973 inszenierte er seinen ersten eigenen Spielfilm, »Der Uhrmacher von St. Paul«. Bekannt wurde er mit der Kolonialsatire »Der Saustall«, sein größter Erfolg war der Jazzfilm »Round Midnight«. Sein neuer Film »Holy Lola« spielt in Vietnam und kommt im August in die deutschen Kinos. Hier träumt er davon, meisterhaft Klarinette spielen zu können
Der Raum ist leer. Vielleicht ein Appartement oder ein Studio. Ich kann es nicht genau erkennen. Es gibt kein Publikum, nur die anderen Musiker und mich. Ich tue, wovon ich schon immer geträumt habe: Ich spiele Klarinette. Das erste Mal, als ich eine Klarinette bewusst wahrnahm, wurde sie von Barney Bigard gespielt. Ich war damals 14 Jahre alt. Es war eine meiner ersten Schallplatten, ein Album von Louis Armstrong: Der Klang der Klarinette berührte mich sofort. Wenn Armstrong sang, spielte sie unglaublich schöne Kontrapunkte.
Als ich jung war, hatte ich zwei oder drei Stunden Musikunterricht, in denen ich lernte, Noten zu lesen. Aber ich hatte ein Problem mit meinen Lungen. Ich hätte nicht genug Puste für ein Blasinstrument gehabt.
Bis heute wünsche ich mir, einmal in einer kleinen Band zu spielen. Ich versuche immer wieder, mir vorzustellen, wie das wäre: improvisieren. Ich höre das Intro des Klaviers, versuche zu raten, welche Melodie, welcher Beat nun kommen wird. Ich werde Teil von etwas, dem ich zugleich konzentriert zuhöre. Ich höre, was die anderen spielen, fange eine Melodie auf und spiele sie weiter. Improvisation bedeutet die Verpflichtung, bei jedem Gedanken schöpferisch zu sein. Nie die gleiche Idee zu wiederholen. Sich nie auf die Dinge zu verlassen, die man am vorigen Tag getan hat. Und trotzdem immer genau im richtigen Moment wieder zum Thema zurückzukommen. Man kann Gefühle teilen, ohne über sie zu reden. Um diese Mischung aus Herausforderung, Genuss, Freude beneide ich Musiker. Was sie sagen, braucht keine Worte. Man muss nichts analysieren.
Mir scheint, ähnlich wie beim Filmemachen kommt es in der Musik darauf an, jedem Einzelnen genau zuzuhören. Man muss sich einfühlen. Eine gemeinsame Vorstellung entwickeln. Ein Bassist spielt zwei unerwartete Akkorde. Der Schlagzeuger schlägt einen kleinen Wechsel in der Akzentuierung an. Und schon ist das Stück ein anderes.
Die Klarinette klingt zugleich stark und zart, scharf und auch sehr weich. Ihr Klang erscheint leicht, aber es ist eines der am schwersten zu beherrschenden Instrumente. Der Saxofonist Dexter Gordon hat gesagt, Schauspieler wie Richard Burton oder James Mason klängen wie Tenorsaxofone. In der Art, wie Sidney Bechet und Buddy DeFranco spielten, kann ich vertraute menschliche Stimmen erkennen.
Ich träume davon, mit Musik zu verschmelzen. Mich vollkommen zu verlieren, weit zu reisen. Alles scheint von bestechender Logik zu sein und zugleich schwerelos. Dabei entsteht Musik oft unter enormem Druck. Herbie Hancock erzählte mir, als er mit Miles Davis spielte, habe er sich jeden Abend gefühlt, als trage er eine Schlinge um seinen Hals. Du hattest einfach das Gefühl, du könntest gehängt werden, wenn Miles dich ansah. Wenn man der Hinrichtung wieder einmal entkommen war, war das ein sehr beglückender Moment.
Mir geht es um das Vergnügen, die Noten zu suchen und zu finden, Embracable You zu spielen, Parker’s Mood, A Foggy Day. Im richtigen Tempo, in der richtigen Phrasierung. Alle Gefühle aus ihnen herauszuholen.
Einmal bin ich in ein Konzert von Woody Allen gegangen, der bekanntlich auch Klarinette spielt. Das würde ich nie wieder tun. Es ist okay, dass er Musik macht. Aber es gibt unzählige Bands, die das genauso gut können. Seine Haltung dem Jazz gegenüber ist extrem konservativ. Er verlässt sich auf Bewährtes. Das ist ein Jazz, der Ende der Vierziger aufhört.
- Datum 30.06.2005 - 14:00 Uhr
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- Serie Traum
- Quelle (c) DIE ZEIT 30.06.2005 Nr.27
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