oper Mega, super, ultra
Nicht wirklich schlimm, aber schlimm genug: Zhang Yimou inszeniert Puccinis »Turandot«im Münchner Olympiastadion
So kann’s ned weidergehn«, sagt der alte Zausel im Münchner Olympiapark, der mit nacktem Oberkörper vor einem Mülleimer steht und nach Pfandflaschen angelt. Kurz schaut er zu mir rüber, dann rutscht sein Blick wieder ab ins Ungefähre. Gottlob: Er meint nicht mich; er meint nur die Welt.
Samstag, 25. Juni 2005, 17.30 Uhr. Vor dem Stadion hält die Armada der Reisebusse. Es entsteigen bajuwarische Provinzmatronen en gros, Fleischfabrikbesitzersgattinnen, Handwerksinnungspräsidentenfreundinnen, Fitnessstudioinhabermätressen samt ihrem zahlenden Anhang. Alles ächzt. Die Hitze, ah, die Hitze! Einer der Honoratioren schaut am Stadion empor: »Schön isses ned, aber gewaldig isses scho!« Es soll, so heißt es, heute Abend noch einen Platzregen geben.
Vor dem VIP-Eingang hält die Armada der Taxis. Es entsteigen in dünnen Fähnchen wichtige Dämchen samt ihren melierten Begleitern. Vor der Tür steht mit verschränkten Armen ein Security-Moppel; in anderen Zeiten hätte man ihn als Palastwache eingestellt. Es treten auf: eine gebrechliche alte Dame und ihre nicht junge, aber minder gebrechliche Begleiterin. Die beiden wollen rein. Der Moppel schaut auf ihre Eintrittskarten. »Nee«, sagt er, »nicht hier. Einmal ums Stadion rum!« Die Begleiterin stöhnt auf und zeigt auf die alte Dame: »Aber sie kann nicht mehr laufen. Sie ist eine Prinzessin, eine echte Prinzessin!« – »Na und?«, ruft eine Stimme von hinten, »Aristokraten an die Laterne!« Erschrocken drehen sich die VIP-Dämchen um. Ach nein, es ist nicht Robespierre, es ist nur ein halbbetrunkener Klatschreporter. Trotzdem: Die Prinzessin muss draußen bleiben. Es soll, so heißt es, heute Abend noch einen Platzregen geben.
In die VIP-Lounge platzt ein Dicker herein mit diesem Hier-bin-ich-Blick. Ist das nicht der Dings, der Wildmoser? Aber sitzt der nicht im Dings, im Gefängnis? Nee, der ist doch freigesprochen. Frei? Na dann. Er walzt durch den Saal, verteilt Handküsschen, die schütteren VIPs grüßen knapp, dann dreh’n sie sich weg, und plötzlich sitzt er ganz einsam in der Ecke, der Wildmoser mit seinem Dings, seinem Wär-ich-doch-daheim-geblieben-Blick. Aber jetzt kommen zum Glück all die anderen, wo dann die Reporter immer blitzblitz machen: der glutäugige Adorfmario, die kicherkokette Rugenina, der schlaksigschlaue Nida-Rümelinjulian und so gelgelackte Bussitypen aus so Dummdummserien, die ich alle noch nie gesehen habe. Nur die braungebrannte Riefenstahlleni ist nicht da und auch nicht der Beckenbauerfranz, der ist in Nürnberg im Stadion, wo jetzt das Spiel gegen Brasilien läuft, und ich kenne noch jemanden, der dort auch lieber wäre. Es soll, so heißt es, heute Abend noch einen Platzregen geben.
»Showbeginn: 20.30 Uhr« stand in der Einladung. Ja, sie kennen keine Scham hier, eine Show ist es, ach was, ein Event, ein Ultrasupergigamegaevent. Und kaum haben wir den Innenraum des Stadions betreten, sollen wir alle gleich mal »Ahhh« machen. Also machen wir alle mal »Ahhh«. Denn uns gegenüber hat groß und mächtig Platz genommen: die verbotene Stadt aus Holz und Pappe, aber so täuschend echt, dass sie nur gelogen sein kann. Und weil man uns mit dem Elend dieser größten Größe nicht allein lassen will, kommt jetzt ein Moderator auf die Bühne, den wir nur sehen, weil er auf zwei großegroße Bildschirme übertragen wird, und der uns jetzt mal erklärt, was hier eigentlich los ist, weil wir sonst nämlich nie drauf kämen: Turandot von Puccini in der größten Opernaufführung aller Zeiten ist hier los, inszeniert von dem großartigen Kultregisseur Zhang Yimou, 86 große Sattelschlepper sind hier los, die mehr als 1250 Tonnen Gewicht herbeigeschleppt haben, und mehr als 1000 Scheinwerfer und riesig viele Supermikrofone, die einen erstklassigen Sound garantieren, und 500 Statisten sind hier auch noch los, die uns auf der 170 Meter langen und 43 Meter tiefen Bühne einen unvergesslichen Abend verpassen werden. Es soll, so heißt es, heute Abend noch einen Platzregen geben.
Dann marschieren vieleviele kleine Menschlein, die das Volk sind, und einige einzelne Menschlein, die Turandot heißen und Calaf und Liu, die sich hassen und lieben und umbringen und umarmen und so weiter. Es wird gesungen, getanzt und geköpft. Flatterflatter machen die Kostüme, knatterknatter machen die Lautsprecher. Man versteht nichts, der erstklassige Sound ist ein elendes Elend. Man sieht nichts, sie sind alle zu weit weg. Aber sie machen weiter und weiter und weiter. Und ich denke: Ach, wenn doch einfach mal gar nichts passieren würde. Ein Minütchen nur, dass man mal Luft holen… Höchstens ein kleiner Platzregen… Aber nein, der Regen bleibt aus, es wird weiter gewedelt, gefuchtelt und gemacht. Bis es endlich 23.30 Uhr ist und alle glücklich sind.
Wirklich schlimm war es nicht, aber schlimm genug. Ein Event eben. Ich möchte das alles nicht. Ich möchte in Ruhe gelassen werden von den Superlativen, den Größten, den Alles, den Ultramegagigasachen. Ich möchte Suppe essen und ins Kino gehen. Sonst nichts. Selbst mit meiner Frau zu streiten wäre mir schon zu viel Abenteuer. Und ich möchte mal wieder ein kleines französisches Filmchen sehen, vielleicht ja Die Frau des Leuchtturmwärters. Egal. Hauptsache, klein. Der alte Zausel hatte Recht: »So kann’s ned weidergehn.«
- Datum 30.06.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 30.06.2005 Nr.27
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