Südostasien Zug um Zug
Zweigleisig durch Südostasien: Im vornehmen »Eastern and Oriental Express« von Bangkok nach Singapur, in der Bummelbahn dritter Klasse zurück
Wenn man Ruhe haben will in Bangkok, ist der Hauptbahnhof ein guter Ort. Zwölf Gleise hat er für sieben Millionen Bewohner; die Hälfte täte es auch. Am Gleisende, dort, wo auf europäischen Kopfbahnhöfen wuchtige Prellböcke Gefahr verheißen, hocken hier Arbeiter beim Picknick. Man hält nicht viel vom Zugfahren in diesem Teil der Welt: zu altmodisch, zu unbequem und vor allem zu langsam. Nun leben aber im Westen viele Menschen, die sich nach dem Altmodischen und Langsamen sehnen, solange es nur bequem ist. Für diese Menschen gibt es am Bahnhof von Bangkok Gleis 12.
Auf Gleis 12 werden normalerweise Güter verladen. Ringsherum lagern Reissäcke und große, wulstige Patchworkkartons, die aus kleineren zusammengeklebt sind. Es gibt aber auch einen eleganten Wartesaal, der immer verschlossen ist. Bis auf den Sonntagmorgen. »Wie bei Harry Potter«, sagt ein Mitreisender. Dort verbirgt ein entlegener Bahnsteig den Weg in die Zauberwelt. Hier auch – man sollte nur besser gestellt sein als Harry Potter. Wer den Wartesaal betritt, hat zwischen 800 und 3000 Euro bezahlt für eine Zugfahrt an ein Ziel, das er viel schneller und günstiger mit dem Flugzeug erreichen könnte. In meinem Fall ist das Singapur.
Der Zauber beginnt mit einem Nostalgieplakat gegenüber dem Empfangsschalter. Es preist die Kolonialzeit als die »Zeit des stilvollen Reisens«. Man sieht eine hellhäutige Dame, die aus einer Zugtür schwebt, und auf dem Bahnsteig das asiatische Pendant eines Sarotti-Mohren, freudig bereit, ihr zu dienen. Ist das rassistisch? Nein, bloß ein wenig faul gezaubert. Thailand war nie Kolonie, und auch Luxuszüge fuhren hier kaum, bis vor zwölf Jahren der Eastern and Oriental Express, kurz E&O, kam, ein rollender Kreuzfahrtdampfer mit eingebauter Tradition. Er entstand nach dem Vorbild des legendären Shanghai-Express aus dem Stummfilm mit Marlene Dietrich. Auch diesen Zug allerdings gab es in Wirklichkeit gar nicht. Die Hollywood-Ausstatter hatten in der Wüste von Santa Fe etwas zusammengeleimt, das dem damaligen Asienbild entsprach. Wir reisen hier also in der Nachahmung einer Imitation.
Entsprechend skeptisch besteige ich den E&O. Doch einmal im Abteil, sind alle Bedenken vergessen. Tür verriegeln, Vorhang runter, und schon stellt sich Geborgenheit ein. Kein Kontrolleur wird kontrollieren. Niemand wird fragen, ob hier noch frei ist. Diese Kabine gehört mir. Kunstvoll geschnitzte Paneele aus Kirsch- und Ulmenholz bedecken die Wände, es duftet nach Blumen und Obst. Fast unhörbar surrt die Klimaanlage, das deutlichste Zugeständnis an die Moderne. Draußen sind es 42 Grad; aber das spürt man hier nur daran, dass das kalte Wasser in der Dusche so warm ist wie das heiße.
Das große Fenster beherrscht den Raum wie ein Fernseher. Man setzt sich davor und genießt das Programm. In den Vororten von Bangkok führen die Gleise dicht an den Hütten vorbei. Fast könnte man die Chilischoten klauen, die auf den Wellblechvordächern trocknen. Dieser Zug muss ein Traum für Exhibitionisten sein. Alle mal hersehen, da draußen! Und ehe sie sich gefangen hätten, wäre man schon über alle Berge. Dann weichen die Häuser einer buntscheckigen Landschaft. Allein das Wasser hat so viele Farben. Fast schwarz in den Pfützen am Straßenrand. Schmutzig braun und sauber braun in den Flüssen, das schmutzige ist heller. Tarnanzuggrün. Geädertes Wasser über einer vor Trockenheit rissigen Erde. Milchig-trübes mit grünen Blättern, als wären die Waldtümpel geschmolzenes Pistazieneis. Silbernes Wasser, wenn das Abendlicht den Himmel grau färbt.
Der Gang ist nur schulterbreit, aber die Stewards sind Meister im Ausweichen
Über 400 Meter misst der
E&O
von Anfang bis Ende, ein Hotelschlauch mit 66 Gästekabinen, Restaurants, Bars, einem Souvenirladen und einer Bibliothek. Der Gang ist nur schulterbreit, aber die thailändischen Stewards sind Meister im Ausweichen. Manche schmiegen sich an die Kabinentür, andere gleiten zurück in eine Nische, als hätten sie ohnehin gerade die Richtung ändern wollen. Einzelne sind so geschmeidig, dass man meint, man ginge durch sie hindurch.
Wie auf jeder Kreuzfahrt gibt es auch hier Landgänge. Sie unterscheiden sich vom ortsüblichen Touristenprogramm nur durch die Zahl der Angestellten, die verhindern sollen, dass jemand verloren geht. Den Soldatenfriedhof am Kwai haben sie regelrecht umstellt. Noch zwanzig Minuten bis zur Abfahrt, Sir. Noch zehn Minuten. Hier entlang, bitte, Sir. Der Zug kann nicht warten. Alle wirken dankbar, wieder an Bord zu sein. Die Wirklichkeit ist befremdlich, wenn man sich in einer Fantasie eingerichtet hat.
Der deutsche Zugchef Ulf Buchert spricht unverbrämt von einer »Show«, mit dem Ensemble von vierzig Angestellten und Publikumsbeteiligung. Die Reisenden müssen zweieinhalb Tage lang das verkörpern, was sie sich unter einer kolonialen Salonwelt vorstellen, auch wenn sie daheim keine Gräfinnen und Generäle sind, sondern Bahnenthusiasten, Flitterwöchner und Söhne. Wer da aus der Reihe tanzt, verdirbt den anderen den Spaß. Linkisch erzähle ich einer älteren Dame, dass ich auf Einladung des Unternehmens mitfahre. Sie spricht auch danach noch mit mir, aber ihr Tonfall ist nicht mehr derselbe.
- Datum 30.06.2005 - 14:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | 4 | Auf einer Seite lesen
- Quelle (c) DIE ZEIT 30.06.2005 Nr.27
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:





