Irans neuer Präsident hat eine militante Vergangenheit. Viele böse Gerüchte sind über ihn im Umlauf, doch eines verdichtet sich jetzt zu einem Verdacht, der nur wenig Zweifel übrig lässt: Machmud Achmadinedschad hat in der einen oder anderen Form, vermutlich aber als Drahtzieher, an der Besetzung der US-Botschaft in Teheran 1979 teilgenommen. Fünf der damals als Geiseln genommenen amerikanischen Beamten wollen ihn mit größter Sicherheit wiedererkannt haben; Zeitungsberichten zufolge hat Achmadinedschad überdies ebenjene Studentengruppe mitgegründet, die den Sturm auf die Botschaft geplant und angeleitet hatte. Allerdings hat einer der damaligen Geiselnehmer, der jetzt zu Achmadinedschads politischen Gegnern im Iran gehört, die Teilnahme des heutigen Präsidenten an der Tat bestritten.

Die politischen Reaktionen waren so wie vorherzusehen: Der Iran spricht von einer Verleumdungskampagne, die Vereinigten Staaten wiederum äußern sich noch vorsichtig und lassen erklären, die Vorwürfe würden geprüft.

Der Vorgang könnte allerdings brisant werden. Nach der Wahl des radikal-revolutionären Teheraner Bürgermeisters zum Staatspräsidenten hatten sich in Washington zunächst jene Kräfte durchgesetzt, die zu einer abwartenden Haltung rieten. Schließlich ist der Staatspräsident nur ein Machtfaktor von mehreren im iranischen System . Außerdem ist noch nicht geklärt, wie die konservativen Machthaber die Zuständigkeiten für die Außen- und Sicherheitspolitik untereinander verteilen - und darauf kommt es an, denn in diesem Lager existieren abgestufte Grade des außenpolitischen Realismus '. Die neuen Nachrichten jedoch stärken die Falken in Washington. Das liegt daran, dass die Geiselnahme von Teheran für Amerika ein schweres Trauma bedeutet.

Am 1. November 1979 hatte Irans Revolutionsführer Ayatollah Khomeini zu einer Demonstration gegen die USA und gegen Israel aufgerufen. Während der Demonstration, die drei Tage später begann, besetzten rund 500 Studenten die amerikanische Botschaft. Die 66 Amerikaner, die sich in dem Gebäudekomplex befanden, wurden gefangengenommen und der vor der Botschaft versammelten Menschenmenge gefesselt und mit verbundenen Augen gezeigt - vor laufenden Kameras. Das war nicht nur ein Verbrechen, sondern auch eine ungeheure Demütigung Amerikas, das trotz aller Sanktionen wehrlos dastand.

Schlimmer noch: US-Präsident Jimmy Carter befahl die Operation "Adlerklaue", mit der im April 1980 die Geiseln befreit werden sollten und die in einem militärischen Desaster endete, an dem Sandstürme und Manövrierfehler peinlicherweise größeren Anteil hatten als die Gegenwehr der Iraner. Die Leichen gefallener US-Soldaten wurden später durch Teherans Straßen geschleppt, und auch diese Bilder gingen um die Welt. Im November 1980 verlor Carter die Präsidentschaftswahl; der Sieg Ronald Reagans machte den Weg frei, die Krise erst einmal zu entschärfen. Nach 444 Tagen Geiselhaft kamen die Gefangenen am 20. Januar 1981 frei, die amerikanische Gegenleistung war die Freigabe iranischen Vermögens.

Die schmähliche Niederlage hat Amerika dem Iran nicht vergessen, und das gilt erst recht für die Außenpolitiker und Diplomaten der Vereinigten Staaten. Dass das Verbrechen derart triumphieren und die Supermacht verhöhnen konnte, schmerzt sie noch heute. Aus ihrer Sicht lassen sich die Anschuldigungen gegen Achmadinedschad daher nicht bloß mit diplomatischer Kühle und Abwägung betrachten. Es kommt hinzu, dass die amerikanische Außenpolitik, mag sie auch interessengeleitet sein wie jede andere, in hohem Maße mit moralischen Argumenten begründet wird - also mit dem Kampf zwischen Gut und Böse. Im Falle der Botschaftsbesetzung sind diese beiden Rollen klar verteilt.

Es ließe sich einwenden, dass gerade die Vereinigten Staaten gewisse Erfahrungen mit der Verquickung von Politik und Verbrechen haben. Die Liste der blutigen Diktatoren in Lateinamerika, Asien und anderswo, mit denen die USA sich verbündet hatten und an deren Verbrechen sie gelegentlich sogar Mitschuld tragen, ist lang. Doch dieses Argument kann in Washington nicht verfangen; die Geiselnahme von Teheran wirkt nachhaltig auf das amerikanische Bewusstsein, weil sie - wie der Massenmord vom 11. September - die Verwundbarkeit der USA demonstrierte.