Bundeskanzler Gerhard Schröder und der russische Präsident Wladimir Putin haben am Sonntag gemeinsam das 750-jährige Stadtjubiläum von Kaliningrad begangen. Angesichts der schwierigen Geschichte der einst deutschen und jetzt russischen Stadt beriefen sich beide auf das aufklärerische Erbe des Königsberger Philosophen Immanuel Kant (1724-1804). Kant sei "unser gemeinsamer Mitbürger", sagte Putin. Putin und Schröder trafen in der russischen Ostsee-Exklave auch mit dem französischen Präsidenten Jacques Chirac zusammen. Der protokollarische Höhepunkt der dreitägigen Feier wurde überschattet von der russischen Weigerung, die Nachbarländer Polen und Litauen auf oberster Ebene dazu einzuladen.

Demonstrativ sprachen die drei Politiker in Swetlogorsk, dem ehemaligen ostpreußischen Seebad Rauschen, über weltpolitische Fragen wie den kommenden G8-Gipfel, Iran und Irak. "In diesem Format werden andere Probleme gelöst", rechtfertigte Putin seine Einladungspolitik. Das Stadtjubiläum sei dagegen eine innerrussische Angelegenheit. Es sei "mehr als ein Fehler", die Nachbarn nicht einzuladen, hatte der polnische Präsident Aleksander Kwasniewski an den Vortagen gesagt.

Schröder kommentierte diesen Konflikt nicht. Kaliningrad habe die "riesige Chance, eine europäische Metropole zu werden", sagte er. Die Universität von Kaliningrad wurde zu dem Jubiläum in Immanuel-Kant- Universität umbenannt. Der Philosoph stehe für die Würde des Individuums, sagte der Kanzler. Kant habe das Ideal des modernen und humanen Staates entwickelt. "Ganz werden wir es nicht erreichen, aber bemühen müssen wir uns schon", sagte Schröder.

Putin sagte, Kant sei für Gleichheit aller vor dem Gesetz, für religiöse Freiheit und gegen Gewalt zur Konfliktlösung eingetreten. "Wir versuchen strikt, uns an diesen Geist zu halten", sagte der Kremlchef. Putin und Schröder legten Kränze an Kants Grab nieder und besichtigten gemeinsam den wieder aufgebauten Dom der Stadt.

Bei ihrem Dreiertreffen stimmten sich Putin, Schröder und Chirac vor dem Gipfel der Gruppe der sieben führenden Industrienationen und Russlands (G8) ab, der am Mittwoch in Schottland beginnt. Zum Thema Klimaschutz solle die G8 die Anforderungen des Kyoto-Protokolls von 1997 bekräftigen, forderten sie mit Blick auf die ablehnende Haltung der USA. Russland wolle bei seinem G8-Vorsitz im kommenden Jahr die weltweite Energieversorgung zum Thema machen, kündigte Putin an.

Im Nuklearstreit mit Iran wollten Frankreich, Deutschland und Großbritannien mit Teheran eine Lösung festschreiben, die die Entwicklung einer Atombombe ausschließe, sagte Chirac. Russland solle in diese Lösung einbezogen werden.

Seit Freitag fanden in Kaliningrad zahlreiche Umzüge, Konzerte und Volksfeste statt. Die Ordensburg Königsberg war 1255 gegründet worden. 1945 hatte die Sowjetarmee die Festung Königsberg erobert. Ein Jahr später hatte die Stadt den Namen Kaliningrad erhalten.

Wegen der Feier ohne Beteiligung der Nachbarstaaten warf Unionsfraktionsvize Wolfgang Schäuble Schröder "erschreckende Geschichtslosigkeit und einen fatalen Mangel an europapolitischem Gespür und Takt" vor. Schröder hätte darauf drängen müssen, dass "der Kreis der Feiernden der Bedeutung des Anlasses entspricht", sagte Schäuble der Tageszeitung "Die Welt" .

Lesen Sie zum Jubiläum die Zeitläufte Die versunkene Stadt von Haug von Kuenheim