Der Mensch riecht. Susanne öffnet das Fenster. Herr Häfliger, im 94. Jahr, der neben seiner Frau liegt, sagt: Die Mutter ist nachts nur zweimal erwacht. Und du, Seppi?, fragt Susanne, 24. Ich war beim Heuen am Chriesistutz, sagt er und lacht, bis er hustet.

Du warst doch Melker, Seppi.

Jaja, aber heuen musste ich auch.

Gell, Mutter!

Sie heirateten an einem Dienstag, montags verbot der Staat das Fleisch, freitags der Pfarrer, 1944. Bei einem Gartenfest hatten sie sich kennen gelernt, Josef Häfliger und Theres Wagner, Seppi und Thesi, und besuchten sich dann alle zwei Wochen, zuerst den Tobelhang hinab, dann hinauf, eine knappe Stunde. Er hatte fünf Brüder und drei Schwestern, sie acht Schwestern und drei Brüder, Thesi ist die letzte. Steif liegt sie im Bett, 91 Jahre alt, und schweigt, vor zwei Wochen hat sie sich in der Toilette das Bein gebrochen. Die Messe war um zehn, das Hochzeitsmahl im Löwen, dann war Tanz, um fünf Uhr abends gab es kalte Platte, und schließlich begann es zu regnen, Seppis Vater trug einen schwarzen neuen Hut, und als er am Abend seinen Hof erreichte, war der Hut nass wie ein gewaschener Hund, das Gesicht des Vaters ganz schwarz.

Susanne sagt: Seppi, heute hörte ich eine erste Amsel.

Was zeigt das Barometer?, fragt Herr Häfliger.

Am 13. Februar 1943 brannten Haus und Scheune ab, es war nichts zu machen, die Feuerwehr staute den Bach, alles war gefroren. Denkt Herr Häfliger an den Februar 43, muss er ein bisschen weinen.

Um drei Uhr war d’ Mutter hellwach, sagt Herr Häfliger, und hatte Durst, da gab ich ihr Tee.

Du bist ein guter Mann, sagt Susanne.

Das meine ich seit 60 Jahren, sagt Herr Häfliger und lacht, bis er hustet.

Herr und Frau Häfliger wollen, dass man sie Seppi nennt und Thesi.

7.00 Uhr, Frau Eichenberger, Madopar.

7.10 Uhr, Herrn Baumli zu trinken geben, evtl. schon das Frühstück und Medikamente; danach wieder lagern.

Es ist Dienstag, März 2005, Altersheim Chrüzmatt in 6285 Hitzkirch, Kanton Luzern. Fast hundert Menschen leben hier in der Mitte des Dorfes, die Älteste, Frau Trüeb, ist 98, die jüngste, Nina Fehr, von allen Nineli genannt, 57, Durchschnittsalter 85,5 Jahre. 36 der Bewohner sind 90 Jahre alt und älter.

Frau Bütler, das wenige Haar weiß, sitzt am Frühstückstisch im zweiten Stock. Hier isst, wem die Fahrt in den Speisesaal unmöglich ist. Frau Bütler atmet laut und schwer. Vijiyananthi setzt sich zu ihr, hält Frau Bütler die Tasse an den Mund. Frau Bütler spitzt die Lippen, nimmt einen Schluck, Kaffee tropft ihr vom Kinn. Und neben ihr ist Herr Meier, er liest die Zeitung, blättert vorwärts, rückwärts. Dagmar legt einen Brief hin: Da gratuliert Ihnen wohl jemand zum Geburtstag, Herr Meier, sogar mit Eilpost?

Herr Meier möchte den Umschlag öffnen, es gelingt ihm nicht, Dagmar fragt: Darf ich Ihnen den Brief aufmachen? Herr Meier nickt, sie öffnet den Umschlag, Herr Meier liest den Glückwunsch der Gemeinde, Herr Meier kann nicht anders als laut wiehern vor Freude. Und Dagmar streichelt ihm den zitternden Arm.

Sie nennen den Raum Stübli, Stube. An der Wand steht ein altes Möbel, vier Flaschen Most darauf, ein altes Sofa steht vor dem Fenster, Frau Moos füttert die Katze, die keinem gehört und viele Namen hat, Mitzi, Büsi, Busle, die vor dem Aufzug zu warten pflegt, bis jemand die Reise ins Erdgeschoss antritt, eine alte Uhr klopft laut die Zeit an, Wachstischtücher, ein Gummibaum.

Frau Bütler will nicht trinken. Sie habe, sagt sie, die ganze Nacht stricken müssen. Herr Galliker, der 64 Jahre lang auf Bäume kletterte, um deren Äste zu kürzen, und 64 Jahre lang nie von einem Baum fiel, sitzt auf dem Sofa und schläft weg, es ist Morgen in der Chrüzmatt, Dienstag oder Mittwoch.

Eine Frau geht zum Grab ihres Mannes, da kitzelt etwas am Bein, ein Grashalm, sagt Herr Häfliger, der auf dem Bettrand sitzt. Da sagt die Frau: Hans, oh Hans, hast noch immer die gleichen alten Flausen im Kopf?

Oder den: Der Lehrer kommt ins Schulhaus und sieht einen Satz in den frischen Schnee gepieselt: Der Lehrer ist dumm! Wütend tritt der Lehrer ins Schulzimmer und fragt: Wer hat das gemacht? Schließlich streckt Franzli den Finger und sagt: Ich war’s, aber nur halb. Wie halb? fragt der Lehrer. Sagt Franzli: Gepieselt habe ich, aber geschrieben hat’s das Vreneli.

Herr Häfliger kennt fast hundert Witze, er war Melker, dann Bauarbeiter. Der Stall, der einst genau hier stand, wo nun das Altersheim ist, war 24 Meter lang, 32 Kühe lebten darin, die er von Hand melkte, zweimal jeden Tag, manchmal begann er nachts um zwei, schaffte sieben, acht Kühe in der Stunde, begann wieder nachmittags um zwei. 10000 Liter Most machte er jeden Herbst, Herr Häfliger, im 94. Jahr, trank seiner Lebzeit kaum mehr als fünf Flaschen Mineralwasser. Aber Hektoliter von Most. Und bestimmt auch vom Saft in jenem schmalen braunen Fläschchen, das er sich nach jedem Mittagessen aus dem Hosensack holt, um den Kaffee zu feinern, es geht nicht anders.

Herr Häfliger sammelt die Zuckerbeutel, die er manchmal findet, und trägt sie in sein Zimmer im dritten Stock, das er teilt mit seiner Frau Theres, die er Mutter nennt, Frau Häfliger nennt ihn Vater. Herr Häfliger kam hierher, als seine Frau bereits ein Jahr lang im Heim war. Ein Jahr lang hielt er das Leben zu Hause noch aus, dann war er das Kochen, das Warten und das Alleinsein leid.

Manchmal sagt er: Da, wo ich nun bin, ist kein Meter Land, auf dem ich nicht herumlief, als ich noch Knecht war, heute bin ich König.

Dann muss er lachen und husten.

Susanne sagt leise: Lina, ich wasche dir nun das Gesicht, Lina, ich weiß, das hast du gar nicht gern.

Frau Elmiger, dünn und bleich, liegt in ihrem Bett, ihr Mund ist zahnlos, sie röchelt, stöhnt leise, sie öffnet ihre Augen nicht. Susanne sagt: Du bist aber müde heute, Lina.

Langsam wäscht die Junge das Gesicht der Alten, dann kämmt sie ihr Haar. Ein Luftbefeuchter summt. An der Wand die Fotos des toten Mannes, des Hauses, in dem einst das Leben stattfand, das Haus hatte einen Namen, Paradiesli, Fotos der Kinder, Enkel, eine Flasche Rimuss Rosé steht auf dem Tisch.

Jetzt ziehen wir das Nachthemd aus.

Susanne legt, kaum ist Frau Elmiger nackt, ein Tuch auf die Brust der Frau, zieht ihr neue Kleider über. Frau Elmiger schreit laut auf. Jetzt öffnet sie die Augen.

Über ihrem Bett, unter die Decke geklebt, hängt ein grünes Tuch mit Falten wie Wellen, Papierblumen blühen, Sommervögel flattern, eine Wiese in der Mitte von weißem Beton, Frau Elmiger schaut zur Decke hoch, kleine wässrige Augen, alle nennen sie Lina, noch 44 Kilo. Früher, als sie reden konnte, wünschte sie, verbrannt zu werden, nicht begraben, denn Würmer und Maden ekelten sie. Frau Elmiger will, dass ihre Asche ins Grab des Mannes kommt, Friedhof Hitzkirch an der Bahnhofstraße. Und das Blatt Papier, das einst ans Amt soll, ist längst beschrieben, nur das Datum fehlt: Todesanzeige. Dieses Formular und die ärztliche Todesbescheinigung sofort faxen an Nr. 041/ 91417 20.

Die Nägel ihrer Zehen sind gelb und hart wie Muscheln aus dem Meer.

Ihre dünnen gefleckten Finger liegen auf dem Bauch und suchen etwas, sich daran festzuhalten.

Susanne reicht Frau Elmiger eine Puppe. Die Puppe hat ein Gesicht aus Gummi, weiches orangefarbenes Haar, gelbe Kleider. An der Wand der Gekreuzigte.

So liegt sie und ist.

An einem dritten Dezember, seit Jahren Witwe, kam Frau Elmiger ins Heim, zehn Tage später war Herr Portmann da, ein Junggeselle mit rauher Stimme. Sie gerieten ins Plaudern, tranken zusammen Kaffee, immer wieder, spazierten durchs Dorf und hielten sich an der Hand, Herr Portmann sagte: Lina, du bist eine Liebe. Und Frau Elmiger sagte: Du aber auch, Alfons. So war das. Er stand jeden Morgen um Viertel nach sechs Uhr auf, sie um halb sieben, dann kam Alfons in Linas Zimmer und sagte: Guten Morgen, Lineli. Hand in Hand gingen sie durch die Gänge, fuhren im Aufzug in den Speisesaal, frühstückten Seite an Seite, Lina vergaß nicht, Alfons an die Tabletten zu erinnern, die er schlucken sollte, drei fürs Herz, und Alfons vergaß nicht, Lina an ihre Mittel zu mahnen, Herz, Lunge, und etwas gegen den Schwindel. Dann fuhren sie in ihre Zimmer hoch, jeder machte sein Bett, Lina begoss die Geranien, die schönsten im Haus. Eines Tages, vor Muttertag, sprachen Frau Elmiger und Herr Portmann, die sich ständig berührten, sogar im Coop vor dem Schokoladenregal, beim Pfarrer vor und baten ihn um seinen Segen. Lina steckte Alfons einen Ring an den Finger, den sie beim Uhrmacher Dietwyler bestellt hatte, Herr Portmann trug zum ersten Mal einen Ring. Aber so richtig heiraten wollte Lina Alfons nicht. Denn auf dem Totenbett hatte sie ihrem Mann versprochen: Du lebst für mich ewig weiter. Der Heimleiter sagte: Wenn ihr wollt, kann ich euch ein gemeinsames Zimmer geben. Lina wehrte sich: Halt, halt! Ich will allein bleiben, jeder soll sein Zimmer haben, jeder schläft, wo er ist, da kann der Alfons zwar, wenn ich ihm die Beine einreibe, födliblott vor mir stehen, aber da wird nichts, was die Leute meinen, der Alfons muss sich halt zusammennehmen, ich muss es ja auch, wir brauchen kein gemeinsames Zimmer, antwortete Lina.

Manchmal fuhren sie an den Sarnersee und lebten zwei Wochen lang im Bruder-Klausen-Hof. Herr Portmann war noch nie zuvor in die Ferien gefahren.

Jeden Abend betete Herr Portmann den Rosenkranz. Dann kam Frau Elmiger in sein Zimmer und setzte sich an seine Seite. Sie redeten und schwiegen und sahen fern, Lina rieb Alfons die Beine ein.

Manchmal, mit einer ganz kleinen Schere, die nie schmerzte, und einem ganz feinen Feilchen, das eher kitzelte, kürzte Herr Portmann Frau Elmiger die Zehennägel, die gelb sind und hart wie Muscheln aus dem Meer.

Susanne öffnet das Fenster und stopft die Windeln in einen Sack.

Zwei Drittel der Menschen, die in der Chrüzmatt wohnen, tragen Einlagen, tags, nachts, Absorin Finette, Absorin Inlay, Sanette, FitSlip, Pants, 56000 Erzeugnisse im Jahr, 2,46 pro Bewohner und Tag.

Dann zieht sie das Netz hoch, damit Frau Elmiger nicht aus dem Bett fällt, links, rechts, Susanne dreht das Bett, damit Frau Elmiger aus dem Fenster sieht, Frau Elmiger schließt die Augen, ihr Mund steht offen.

9.30 Uhr, Pause.

10.00 Uhr, Baden und Duschen nach Plan.

11.00 Uhr, Bewohner auf Toilette bringen.

Fr. Walliser

Fr. Siegrist

Hr. Stutz.

Heute wird Herr Meier 86 Jahre alt, er durfte bestimmen, was auf den Tisch kommt, Herr Meier, wie so viele, wenn sie an der Reihe sind, wünscht sich Luzerner Kügelipastete mit Reis und Erbsen und Rüebli.

Felicitas kämmt Frau Eberli. Frau Eberli findet, das Foto, das vor ihrem Zimmer hängt, mache sie hässlich.

Das stimmt doch nicht, Frau Eberli, sagt Felicitas.

Wenn ich’s doch sage, schimpft Frau Eberli.

Dann machen wir halt ein neues Foto.

Versprochen?

Ehrenwort, Frau Eberli.

Dann ist gut, sagt Frau Eberli.

Im Gang des ersten Stocks steht ein kleiner Tisch, darauf das Bild von Frau Dahinden, ihre Brille, das Brillenetui, eine brennende Kerze und eine Strickarbeit, die nicht fertig wurde, und auf einem rosa Zettel ist in schwarzer Schrift zu lesen: Gerade als es draußen Tag wurde, ging Frau Josefina Dahinden-Kretz, geb. 19.6.1911, dem ewigen Licht entgegen. Ihrem Wunsch, sterben zu dürfen, ist der Schöpfer nachgekommen.

Herr Estermann kann nicht Englisch, aber war schon zweimal in Amerika und besuchte dort seine Tochter, Austin, Texas. Ein drittes Mal will er nicht mehr. Herr Estermann, 83 und herzkrank, fürchtet, er könnte in Amerika sterben. Und vielleicht, man kann es nicht wissen, vielleicht tagt dort das Jüngste Gericht in Englisch.

Jetzt stehen acht junge Frauen in weißen Kleidern im Zimmer von Herrn Meier. Herr Meier sitzt auf seinem Stuhl, die Hände in den Schoß gelegt, das Gesicht ohne Ausdruck, Herr Meier ist krank, Parkinson, er trägt große braune weiche Pantoffeln, die Hose hängt an Trägern, sein Mund steht offen, die Zunge zittert, und die Frauen singen vom Blatt: Lasst die Gläser hell erklingen, stoßet an und ruft euch zu: Happy birthday, happy birthday to you!

Herr Meier kann nicht anders als wiehern vor Freude.

Im Alterswohnheim Chrüzmatt teilen sich 113 Menschen 78 Stellen, elf davon sind in Ausbildung. Der Ruf der Hauses ist so gut, dass auch die Berufsschulen von Zug und Luzern ihre Praktikantinnen nach Hitzkirch schicken. Wer in der Chrüzmatt lebt, bezahlt, je nach Pflegeaufwand, zwischen 82 und 223 Franken am Tag, die Chrüzmatt gehört zu den günstigeren Altersheimen im Kanton, Lohnsumme: gut vier Millionen Franken.

Es ist Donnerstag und Freitag.

Um halb zwölf, eine Viertelstunde zu früh, sitzen die ersten im Speisesaal an ihren Tischen, ketten sich die Serviette um den Hals und warten. Neben dem Eingang, sorgsam hingebreitet, liegen Behältnisse voller Medikamente, jedes trägt einen Namen, Albert Gassmann, Frieda Rothenfluh, Heinz Thali. Einer stellt die Frage: Was gibt es heute? Minestrone, Paprikagulasch, Spätzli, Zucchinigemüse, Salat, Kuchen. Endlich schüttelt jemand die Glocke und betet: Der Engel des Herrn brachte Maria die Botschaft, und sie empfing vom Heiligen Geiste. Dann wird aufgetragen, 45000 Mittagessen im Jahr, Frau Bleichmann isst keinen Gurkensalat, Herr Hofer keine Vanillecreme, Frau Brügger, Herr Strebel, Herr Vonarburg, Frau Bernasconi, Herr Ineichen essen keinen Fisch, Herr Gassmann isst keinen Blätterteig, Frau Rast und Herr Rüedi essen kein Sauerkraut.

Herr Bachmann sagt zu Herrn Häfliger, der alle Mittage neben ihm sitzt: Die Frau Dahinden ist gestorben.

Hab’s gelesen, sagt Herr Häfliger.

Die kam gestern aus dem Spital zurück, heute morgen starb sie.

Jaja, sagt Herr Häfliger, die hat vorwärts gemacht.

Herr Bachmann sagt: Die Suppe heute ist heiß.

Die Stare sind schon zurück, sagt Herr Häfliger.

Sachen gibt’s.

Ostern steht an, auf den Tischen sind bunte Töpfe, Strohwolle darin, hölzerne Eier und ein Huhn aus Gips.

Das Huhn, sagt Herr Bachmann, hat seine zwei Augen nicht auf gleicher Höhe.

Das Barometer ist gestiegen, sagt Herr Häfliger.

Jaja.

Herr Bachmann schweigt.

Kennst du den? fragt Herr Häfliger, der gerne Witze erzählt. Es war einmal einer, der hatte so viel getrunken, dass er nicht anders konnte, als aus dem Fenster zu kotzen. Direkt in einen Ententeich. Und die Enten klatschten: Mach nur, mach nur!

Herr Bachmann trägt Hörgeräte. Herr Häfliger wiederholt: Es war einmal einer.

12.45, Speisesaal, Bewohner holen.

Frau Zürcher aufs WC begleiten, auffordern zum Gesicht und Hände waschen.

13.00, Herr Kretz, Augengel.

Frau Elmiger, Mittagessen eingeben, viel zu trinken.

Herr Rast, vorbeischauen.

Frau Durrer, vorbeischauen.

Herr Stocker, vorbeischauen.

Katze, Kistli reinigen, frisches Wasser, Futter.

In einer Wohnung im dritten Stock, von den anderen Bewohnern geschützt, im so genannten Stöckli, leben fünf Alzheimer-Kranke, Herr Schläpfer, Frau Bucher, Frau Bischof, Frau Schöni, Herr Kopp, Alois, Fini, Trudi, Marie, Ferdi. Herr Kopp, 76, war stolzer Schreiner. Als seine Frau starb, die mit ihm das Geschäft geführt hatte, blieb er allein in seinem Haus, vier Jahre lang, nur den Hund an der Seite, Bless.

Herr Kopp sitzt am Tisch in der Stube des Stöckli und redet laut und leise, er brummt und knurrt, Frau Bucher neben sich und Frau Schöni, Frau Bucher singt Aiaiaiai, Frau Schöni, den Blick auf den Tisch, fährt mit der Hand darüber, als wollte sie ihn putzen, unablässig, und Herr Kopp, der fast alles isst, auch Weihnachtskugeln, Filzstifte, Kerzen, schneidet einen Apfel in Teile und wirft ein Stück zu Boden, für Bless, der längst tot ist. Nachts zieht sich Herr Kopp nicht aus, schläft in Hose, Hemd, Pullover, er will nicht berührt werden, in seinem Zimmer steht ein weißer Kübel, in den er nachts brunzt, Herr Kopp brunzt am liebsten in Dinge, die kreisrund sind, Herr Kopp brunzte in den runden kleinen Hundekorb, den ihm die Pflegerinnen zu Weihnachten schenkten, und über den Stoffhund, der darin lag.

Herr Kopp sitzt am Tisch und sagt: Wenn die Welt zum Teufel geht, fliegen wir mit dem Ballon.

Er sagt: Asphalt.

Du warst doch auch dabei!

Ja, sagt Frau Schöni und führt ihre Hand über den Tisch.

Herr Kopp sagt: Dem Teufel sein Nachthemd.

Dann steht er auf und schreitet die Wohnung ab, auf, ab, schaut aus den Fenstern, schaut hinüber zum Coiffeur, zur Metzgerei. Manchmal verlangt er ein Metermaß. Dann vermisst Herr Kopp, was ihn umgibt. Manchmal sagt er: Sabentamentalapenanbal. Oder: Ameienlabentalamaladan.

Zum Nachtessen, schrieb Erika im Tagesbericht, 1 Glas Bier m. Alkohol zu trinken gegeben, sonst keine Medi. Um 19.15 ins Bad begleitet. Er saß auf WC, um zu stuhlen. Konnte ihm die Schuhe und Socken ausziehen, er protestierte nur wenig. Die Socken und Schuhe in einen Wäschesack (hinter der Tür aufgehängt) versorgt, damit er sie nicht mehr anziehen konnte. Danach langsam die Hose ausgezogen. Am Anfang protestierte er, dann ließ er mich gewähren. Einmal schlug er mich. Auch diese Kleider versorgt. Den Pullover ließ er nicht los, als ich ihn ausgezogen hatte. Er versuchte, den Pullover über die Beine zu ziehen, wie eine Hose, doch es gelang ihm nicht. Beim Hemd war es etwas schwierig. Wenn er sich aufregte, wartete ich einen Moment, bis er sich beruhigt hatte, dann machte ich weiter. Ihn unter die Dusche zu bringen, war auch nicht leicht. Durch ruhiges Zureden und Warten ging es dann plötzlich, und er wusch sich und ich duschte ihn eine ganze Weile. Konnte ihn auch intim waschen. Er trocknete sich mit dem Waschlappen ab und ich mit dem Tüchlein, soweit es ging. Dann plötzlich wollte er raus und ging zur Stube, dann die Treppe hinunter, ganz nackt. Auf der Treppe ließ er sich das Hemd anziehen, die Hose zog er selber an. Ich weiß nicht, wieso er weglief. Er war nicht so aufgeregt wie sonst. Anschließend konnte ich ihn ins Zimmer begleiten, belohnte ihn mit Schoggi und 1 Apfel, und er war sehr zufrieden. Ich brauchte wirklich sehr viel Geduld und hatte manchmal ans Aufgeben gedacht, doch plötzlich kamen wir wieder ein Stück weiter. Am Schluss war ich glücklich, aber auch geschafft. Ich probiere es gerne noch einmal. Braucht ca. 3/4 Std. dazu.

Fatime schrieb: Ich habe Angst, dass er mir eins haut, aber trotzdem probiere ich, ihn zu beruhigen und mich zu schützen. Ich finde es unmenschlich, was wir mit ihm machen.

Myrtha: Auch ich finde diese Gewalt, die wir anwenden müssen, schrecklich. Ich war nachher total fertig. Was könnten wir noch machen, dass es ihm dabei besser geht? Herr K. tut mir leid! Am liebsten würde ich ihn nicht mehr duschen.

Herr Kopp sitzt auf einem Stuhl, nimmt die Handorgel, die auf dem Sofa steht, und spielt einen Tanz. Die Brille rutscht ihm von der Nase, Herr Kopp lächelt, Frau Bucher, die Augen geschlossen, singt Aiaiaiai.

14.00 Uhr, Abfahrt nach Hochdorf zum Circus Monti. Oder nach Boswil ins Freiamt, Lesung im Künstlerhaus.

Es ist Frühling oder Winter.

In der Cafeteria im Erdgeschoss spielen sie Karten, Frau Indergand, Herr Sommer, Frau Amstutz, Frau Troxler. Frau Indergand schimpft: Merkst du nicht, dass der Banner schon gespielt ist? Bist du blind?

Mit dir, sagt Frau Troxler, jasse ich erst nächstes Jahr wieder.

Herr Sommer kam vor drei Wochen ins Heim. Manche Nächte hält er hier nicht aus. Dann reist er zum Haus, das er zurückließ, und legt sich in sein kaltes ungemachtes Bett, in dem er sechs Kinder zeugte, und wartet, bis die Katze kommt und sich neben ihn legt und mit ihren warmen Pfoten seinen Bauch tritt, zärtlich und vertraut. Vorgestern, als die Katze nicht kam, fuhr er noch in der gleichen Nacht ins Heim zurück und schrieb in seinen Kalender: Büsi verschollen! Gestern war sie wieder da. Herr Sommer schrieb: Büsi lebt, Gott sei Dank!

Herr Sommer weiß nicht, wie es weitergeht mit seiner Katze. Er möchte, er könnte sie vergessen.

An manchen Tagen malen sie. Sie kochen oder basteln, singen oder spielen Lotto im Altersheim Chrüzmatt zu Hitzkirch. Heute falten sie gewaschene Servietten, das untere Drittel hochschlagen, dann glatt streichen, dann noch einmal hochschlagen, glatt streichen, dann das rechte Drittel umkippen, glatt streichen, noch einmal umkippen, glatt streichen.

15.00 Uhr, Herr Rast, Ovomaltine oder Kaffee ins Zimmer bringen.

Frau Zürcher, Citro light.

Herr Steiner, WC begleiten, Kaffee und Dessert.

Frau Häfliger, das rechte Bein im Gips, hängt an einem Kran, ängstlich umklammert sie die Riemen, die sie halten, Frau Häfliger trägt eine leichte Bluse, Tigermuster, sie sagt: Vater, hilf. Herr Häfliger sagt: Keine Angst, Mutter, ich war lang genug auf dem Bau. Er befiehlt den Pflegerinnen: Noch ein bisschen näher! Dann schiebt er den Rollstuhl unter die Last, Frau Häfliger, ein Taschentuch in der Hand, senkt sich hinab.

Einmal schlug er einem Italiener, der ihm sagte: Musst halt noch mehr saufen!, die Faust ins Gesicht. Herr Häfliger konnte doch nichts dafür, dass er hinkte, seit er vom Heuboden gefallen war. Nun muss Herr Häfliger weinen. Er sagt: Einmal waren wir auf dem Jungfraujoch, gell, Mutter, um halb zehn am Morgen waren wir schon oben, gell, weil die Fahrt mit dem ersten Zug billiger kam, und wenn man von dort oben auf den Aletschgletscher hinabschaut, sind die Bergsteiger nicht größer als kleine Punkte, gell, Mutter? Und einmal waren wir in Belgien oder Holland an der Tulpenschau.

Frau Häfliger sitzt in ihrem Rollstuhl, das Bein in Gips, sie spielt mit einem Taschentuch und blickt auf den Balkon. Jetzt sagt sie: Ich bin traurig.

Er sagt: Sie ist depressiv.

Ja nun, sagt sie.

Auf dem Balkon liegt Schnee.

Frau Häfliger sagt: Nun frage ich mich schon die ganze Zeit, wie wir hier hereingekommen sind, ohne Spuren im Schnee.

Mutter, sagt Herr Häfliger, durch die Tür sind wir hier hereingekommen.

Welche Tür?

Hinter dir, Mutter, sagt Herr Häfliger, die Zimmertür, normale Zimmertür.

Frau Häfliger schweigt.

Warum haben die Elefanten blaue Augen? Damit man sie auf dem Zwetschgenbaum nicht sofort erkennt.

Frau Häfliger lacht nicht.

Café complet am Abend, viertel vor sechs, manche sitzen längst im Saal und warten, oder Spaghetti carbonara am Freitag, Apfel im Schlafrock am Samstag, Wurstsalat, Fruchtkompott, Herr Bachmann sagt zu Herrn Häfliger, der alle Abende neben ihm sitzt: Sachen gibt’s.

Jaja, antwortet Herr Häfliger.

Sie stützen sich auf Stöcke, auf kleine Wagen mit Handbremsen, die sie in den Aufzug schieben, langsam gehen sie in ihre Zimmer und setzen sich in ihre alten Sessel, schauen fern oder beten vielleicht, Nacht.

Frau Elmiger, die das Sterben verschiebt von Tag zu Tag, schreit auf, als Josy, die Nachtwache, ihren kleinen dünnen Körper mit Kissen stützt, Sterben strengt an. In ihrem Arm hat Frau Elmiger eine Puppe, weiches orangefarbenes Haar, gelbes Kleid. Josy prüft die Windel. Sie flüstert: Ganz nass, Lineli.

Mitternacht ist vorbei, und Herr Kopp, den Kopf in die Hände gestützt, sitzt auf seinem Bett unter dem Dach, Schuhe, Hose, Hemd, Pullover, Herr Kopp kann nicht schlafen, er sagt: Bless, jetzt wird’s heiß, jetzt ist’s heiß.

Und Frau Eichenberger, im 88. Jahr, erwacht irgendwann und denkt: Wenn ich gewusst hätte, dass Frau Dahinden so schnell stirbt, dann hätte ich sie, als ich das letzte Mal mit ihr jasste, auf jeden Fall gewinnen lassen.

* Alle Namen der Bewohnerinnen und Bewohner des Altersheims wurden verändert