Als Jean-Paul Sartre 1939 den Ekel (La Nausée) von einer neurotischen Abwehrreaktion in den Rang einer philosophischen Negation, eines bis zum Erbrechen angewiderten Weltverhältnisses erhob, da konnte er noch nicht wissen, dass er die Grundsituation des fortgeschrittenen Kapitalismus porträtiert hatte: Das "Zuviel" (de trop) ist der Inbegriff des Ekels vor der an Überflüssigem erstickenden durchkapitalisierten Welt. Von heute her kann man Sartres Roman als eine Art neuer "ökonomisch-philosophischer Pariser Manuskripte" lesen, Fortschreibung und zugleich Korrektur jener anderen Pariser Manuskripte, die den Kapitalismus als Gesellschaftsform der Verarmung, als Fesselung der Produktivkräfte, die künftige wahre politische Ökonomie als ihre Entfesselung missverstanden hatten.

Das "Zuviel": Die Überflussgesellschaften der global kommerzialisierten Welt sind das Endprodukt jener zwanghaften Logik der Steigerung, der die kapitalistische Ökonomie unter allen Umständen folgt. Ihre Produktion terminiert stets in Überproduktion, der warenförmigen Überbevölkerung der Welt. Sie ist das Menetekel einer Wirtschaft, die nicht Halt machen kann. Die bekannten Absatzkrisen unterschiedlicher Branchen liefern jeweils nur das virulenteste Symptom.

Die technologischen Innovationen (die digitale Revolution, die Robotik) verstärken auf der Produzentenseite eine Überproduktivität der Arbeit, paradox gekoppelt mit einer Abnahme der Arbeitsmöglichkeiten, der keine Ausweitung, keine Expansion des Konsums mehr gewachsen ist. Grenzenlosen Steigerungsmöglichkeiten dort stehen nur bedingt verschiebbare Begrenzungen hier entgegen. Die Balance von Angebot und Nachfrage oder gar wirklichem Bedarf hingegen ist die Utopie einer "naturgemäßen" Wirtschaft, die mit der kapitalistischen keinerlei Ähnlichkeit hat.

Die allzu harmlose Metapher einer "Sättigung der Märkte" drückt die reale Diskrepanz nur unzureichend aus: Übersättigung ist das Konsumäquivalent der Überproduktion. Wie soll unter fortgeschrittenen Saturierungsbedingungen genügend Nachfrage erzeugt werden, wenn die menschlichen Bedürfnisse trotz der Beschwörung der faustischen Natur des Konsumenten, der Unendlichkeit seiner Wünsche und Begierden, stets limitiert und relativ wenige sind? Wenn die Bulimie des Kommerzes und die drohende Anorexie des Konsums hoffnungslos auseinander klaffen?

Anders als in vergangenen bürgerlichen Gesellschaften, die noch die innerweltliche Askese als Bildungschance für das Real- und Tugendkapital schätzten, werden die Konsumenten derzeit gerne für ihre "geizig" genannte Verweigerungshaltung gescholten. Aber noch der pflichtbewussteste, heroischste Konsument kann nur so lange essen, bis er sich erbricht. Ihr, die ihr für ihn zu produzieren vorgebt, lasst alle Hoffnung fahren. Das desperate Bewusstsein, dass niemand mehr braucht und will, was sich ihm mit allen Mitteln aufdrängt, liegt wie das Urteil innerweltlicher Verdammnis auf der Welt des Zuviel.

Noch gibt es mildernde Umstände und Hilfskonstruktionen. Die Schaffung neuer (asiatischer, drittweltlicher) Märkte schafft neue Möglichkeiten der Entsorgung tendenziell überflüssiger Produktion. Die Ladenhüter der überentwickelten Welt sind noch die Verkaufsrenner der unterentwickelten. Doch das vertagt und verschiebt das Problem nicht nur – es forciert es. Denn die Abnehmerländer von heute sind die Überproduzenten von morgen. Nach den Gesetzen einer nemesis oeconomica überschwemmt eine Sintflut massenhafter Billigprodukte die ohnehin schon saturierte Welt.

Gründlichere Formen der Entsorgung des Zuviel sind unter diesen Umständen gefragt. Die EU-subventionierte Agrarindustrie ist ihre Avantgarde. Mit der unmittelbaren Produktvernichtung überspringt sie gleich das prinzipiell überflüssige Stadium des Konsums von Überflüssigem. Ohne das Ritardando irgendeines Gebrauchs und Nutzens wandert die Ware unverzüglich auf jene Müllhalden, die die Friedhöfe des Zuviel sind.