Auf handgeschriebenen Plakaten am Eingang einer der bombardierten U-Bahnstationen verkünden Londoner ihre trotzige Botschaft: „London will go on“. Die Botschaft war an die Terroristen gerichtet. „Ihr sollt wissen, dass ihr die die falsche Stadt gewählt habt. Gestern flohen wir. Jetzt kehren wir in eine Stadt zurück, die noch stärker und großartiger sein wird als zuvor.“ Man sagt, die seelische Befindlichkeit einer Nation enthülle sich am klarsten in extremen Situationen. Bewundernd, oftmals erstaunt, nahm die Welt zur Kenntnis, wie stoisch die Londoner auf das Grauen reagierten, das sie heimgesucht hat. Keine Panik brach aus in U-Bahnen und Straßen, keine wilde Flucht, kaum eine Szene heilloser Angst.Wohl sind Zeichen der Trauer und des Schmerzes allgegenwärtig. Eine junge Frau sucht immer noch ihren Freund, der ein paar Minuten vor dem Anschlag noch fröhlich mit ihr telefoniert hatte; sie verteilt Fotos, befragt unermüdlich Passanten. Sympathie und Anteilnahme schlagen ihr entgegen, doch erntet sie stets aufs neue ein Kopfschütteln, Nein, niemand weiß etwas, niemand hat ihn gesehen. Das gleiche Geschick ist vielen anderen beschieden in diesen Tagen: Schwestern, die nach ihrem Bruder forschen, Familien, die systematisch alle Krankenhäuser der 8 Millionen Stadt aufsuchen. Über 120 000 Anrufe gingen bei der Notnummer für Vermisste ein. Am Sonntag, drei Tage nach dem Anschlag, hoffen Menschen immer noch, vermisste Angehörige oder Freunde würden doch wieder auftauchen. Manchesmal kam es zu einem beglückten Wiedersehen. Einige Opfer des Terrors lagen seit Donnerstag schwerverletzt auf einer Intensivstation. Andere Vermisste, deren Bilder die Zeitungen abdruckten, dürften in den Trümmern zerstörter U-Bahn-Waggons tief unter der Erde begraben sein. London ist reich an tragischen Schicksalen.Doch Schrecken und Schmerz ertragen die Londoner mit Gleichmut und Würde. Sie demonstrierten jene Tugend der „stiff upper lip“, die den Briten seit jeher nachgesagt wird und die sie in der Vergangenheit in Bedrängnis und Not oftmals auszeichnete. Es war, als hätte der brutale Angriff auf ihre Stadt freigelegt, was verschüttet worden war in den vergangenen Jahren. Die Schleifspuren der hoch emotionalisierten Opfer – und Therapiekultur waren auch im wohlhabenden, verwöhnten Britannien nicht zu übersehen. Der „Kult des Egos“, den Kulturkritiker auch schon mal als „Dianafizierung“ der Gesellschaft bezeichneten, trieb unübersehbar Blüten. Das nörgelnde Verlangen nach „instant gratification“, nach sofortiger Erfüllung aller Wünsche, die maulige Unzufriedenheit einer Gesellschaft, die nie zuvor einen solchen Massenwohlstand gekannt hat, all das ist erst einmal hinweg gefegt worden.Zahllose Szenen ruhigen Heroismus und spontaner Hilfsbereitschaft waren zu beobachten. Arbeiter auf einer Baustelle in der Nähe der Tavistock Square, wo der rote Doppeldeckerbus durch eine Bombe zerfetzt wurde, eilten unaufgefordert in ein nahegelegenes Hospital, um Blut zu spenden. Der Fahrer des Busses erklärte, er werde seinen Job sofort wiederaufnehmen, ungeachtet der realen Gefahr weiterer Terroranschläge. Rettungsdienste, Polizei, Ambulanzen und das Personal der U-Bahn, die sich allesamt als extrem gut vorbereitet erwiesen für den Katastrophenfall, agierten mutig und mit ruhiger Autorität. Die überlebenden Passagiere bombardierter U-Bahnen, die sie durch stockdunkle, vom Tod heimgesuchte U-Bahnschächte herausführten, folgten diszipliniert und ruhig.Gewiss waren viele Londoner betäubt vom Schock des Massenmordes, mit dem sie urplötzlich konfrontiert waren; doch instinktiv widerstanden sie der Versuchung, sich selbst in Sicherheit zu bringen. Solidarität und Hilfsbereitschaft erinnerten an die Zeit des „Blitz“, der deutschen Angriffe auf britische Städte - die gleiche Entschlossenheit, sich nicht dem Druck von außen zu beugen, sich nicht von Furcht überwältigen zu lassen. „Ihr werdet unser Leben und unsere Werte nicht ändern“, verkünden Königin und Premier. Elisabeth II und Tony Blair sprechen aus, was die meisten Menschen empfinden.Nur, wird das so bleiben? Die Autorin Melanie Philipps hegt Zweifel. Unter der Oberfläche lauere etwas „verdrehtes und schreckliches“. Damit meint sie die Auffassung, das Massaker wäre nie geschehen, hätte Blair sich nicht für den Irak-Krieg entschieden. Die „Illusion des Appeasements“ angesichts eines barbarischen Islamoterrorismus, der lange vor dem Irak-Krieg die Welt der Ungläubigen mit Terror überzog, klang bislang nur ganz verdeckt an. In einigen Sendungen der BBC versuchten Moderatoren Politiker der Liberaldemokraten, der Antikriegspartei im Unterhaus, entsprechende Stellungnahmen zu entlocken. Vergeblich. Menzies Campbell, außenpolitischer Sprecher der Liberaldemokraten, wies die Auffassung entschieden zurück. Nur die radikale Splitterpartei „Socialist Workers Party“, die sich durch den neuen, vehementen Antisemitismus von links auszeichnet und gemeinsam mit Islamofaschisten auf den Straßen marschiert, erhebt den Vorwurf, Blair habe Blut an seinen Händen. Und dann war im Unterhaus der linksextremistische Abgeordnete George Galloway, der Stalin und Saddam Hussein bewundert. Er wies dem Premier indirekt die Schuld zu an den Terroranschlägen. Gut möglich, dass diese Argumente bald häufiger zu vernehmen sein werden. Ein Teil der Presse wartet ungeduldig auf den Ablauf der Schamfrist.Eins steht jedoch fest. Gleich, wie viel Anklang das Argument findet: Blair wird keinen „Zapatero machen“. Auch wenn am Sonntag eine Zeitung durch einen sensationell aufgemachten Bericht über ein Papier des Verteidigungsministeriums einen anderen Eindruck zu suggerieren versuchte. London und Washington wollten bis zum Frühjahr 2006 ihre Truppenzahl im Irak drastisch verringern, wurde ein Dokument zitiert; die zeitliche Platzierung der Story sollte den Eindruck erwecken, die Regierung gehe jetzt in die Knie. Dabei ist seit langem die Position der Regierung klar. Sobald es möglich ist, wird man das eigene Kontingent verringern. Voraussetzung bleibt, dass die irakische Regierung besser in der Lage sein wird, Djihadisten, Sunni-Nationalisten, Anhänger des alten Regimes und kriminelle Banden in den Griff zu bekommen, durch militärische wie politische Mittel. Anders als die spanische Regierung Zapateros, wird die in London weder Truppen abziehen noch einen neuen Zeitplan für den vorzeitigen Abzug verkünden. Im Gegenteil: Die Entschlossenheit, sich dem totalitären Islam nicht zu beugen, dürfte größer geworden sein.Wahrscheinlich darf Blair dafür mit einem Grad der Unterstützung rechnen, der größer ist als die Zustimmung zum Krieg gegen Saddam Hussein je war. „Wir lassen uns nicht von Terroristen herum schubsen, die unsere Demokratie hassen“ sagte am späten Donnerstag Abend ein Londoner, der sich auf einem vierstündigen Fußmarsch vom Westend nach Hause befand. Früher nannte man das den britischen „bulldog spirit“. An dem hat sich schon Hitler die Zähne ausgebissen.