Washington

Amerikas mächtigste Frau turnt, als sei nichts geschehen. Wie jeden Freitag zwischen acht und neun Uhr früh übt Sandra Day O’Connor in der Sporthalle des Verfassungsgerichts. Sie ist 75, muss sich fit halten. Niemand, wirklich niemand, weiß von der politischen Bombe, die Richterin O’Connor zur selben Stunde zündet. Um kurz vor neun, als sie gerade ihr Gymnastikprogramm beendet, geht im Weißen Haus ein Brief O’Connors ein. In drei schlichten Sätzen kündigt sie nach 24 Jahren im höchsten Richteramt ihren Rücktritt an.

Damit "klafft in der Mitte des Gerichts ein Loch", schreibt die Washington Post am Tage danach. "Und in gewissem Sinne klafft das Loch auch in der Mitte des Landes." Denn in einer Nation, die im ideologischen Dauerkonflikt mit sich selbst liegt, ist O’Connor jene Kraft, die das Patt aufbricht. Mag das Gericht zerfallen in Liberale und Konservative, vier gegen vier, ein Abbild des Landes, so hält O’Connor die entscheidende Stimme. Sie ist Pragmatikerin aus Prinzip und ihr Votum selten genau vorhersehbar, in amerikanischer Diktion ein swing vote. Ein Vierteljahrhundert lang haben O’Connors moderate Pendelausschläge das Land in der Balance gehalten. Doch plötzlich sind alle großen Fragen wieder offen: die Rolle der Religion, die Rechte der Homosexuellen, die Politik der Minderheitenförderung und – vor allem anderen – das Recht auf Abtreibung.

Die Nachricht vom Rücktritt, dem ersten seit elf Jahren, ist ein solcher Schock für das politische System, dass Präsident Bush mitten im Gespräch unterbrochen wird. Binnen Minuten schart er seine Berater um sich. Erkennbar bricht nun einer jener Momente an, die seine Präsidentschaft definieren werden, der dritte nach dem Terroranschlag von 2001 sowie der Kriegserklärung gegen den Irak. Seit Amtsantritt wartet er auf die Chance, die politische Machtbalance im Land weit über seine Präsidentschaft hinaus zu verändern. Dies ist die Stunde seiner Bewährung als Konservativer. Um 18 Minuten nach zehn tritt er hinaus in den Garten des Weißen Hauses und überbringt der Nation die Meldung.

"Für ein Cowgirl sind Sie recht gut geraten", lobt der Präsident

Nicht Wochen, nicht Tage, nur Minuten vergehen, bis die politischen Kampfgruppen in Schlachtformation angetreten sind. Ihre Schützengräben hatten sie längst ausgehoben. Die Linke geht in der Innenstadt in Stellung. In ihrem war room stehen 40 Computer, 75 Telefonleitungen laufen dort zusammen. 750000 Unterstützer werden per E-Mail alarmiert. Es gilt, den nächsten Rechtsruck Amerikas zu verhindern. Nur eine Stunde nach der Rücktrittsmeldung läuft im Fernsehen der erste Spot. Textauszug: "Wird George Bush einen Extremisten nominieren, der unsere Rechte zu stehlen droht?"

Bei der Rechten erhalten die Nachricht zuerst "die vier Musketiere". Das sind die Anführer jener Gruppen, die sich 2002 zusammentaten, um einen Traum zu verwirklichen: nach Exekutive und Legislative nun die Judikative unter Kontrolle zu bringen. Das Verfassungsgericht gilt gerade religiösen Konservativen "als Anstifter der beunruhigenden Veränderungen in der Wertewelt der vergangenen 30 Jahre", wie Gary Bauer meint, einer ihrer Sprecher. Deshalb wird er bei der Kampagne für einen erzrechten Richter auf bewährte Kräfte zurückgreifen: 20000 Pfarrer, christliche Talkshows und konservative Basis-Gruppen. Schon schreibt Newsweek: "Der Heilige Krieg hat begonnen." Um nichts weniger als die Grundfeste von Amerikas sozialer Ordnung geht es.

Es wird also zugehen wie im Präsidentschaftswahlkampf – mit Werbespots und öffentlicher Inspektion von Kandidaten-Biografien samt Angriffen auf deren Charakter. Viele Europäer dürften sich wundern über den offenen politischen Kampf um die Justiz. Und die Amerikaner werden sich wundern über jene, die sich wundern. Sie verstehen nicht, wie Richterauswahl von bürokratischen Apparaten oder durch Parteienabsprachen entschieden werden kann. Bewusst hat sich die Verfassungsversammlung von 1787 gegen dieses Modell entschieden (damals nach schottischem Vorbild vorgeschlagen von Benjamin Franklin). Stattdessen darf der Präsident einen Kandidaten benennen, und der Senat muss zustimmen. 218 Jahre später stehen für die nächste Schlacht im ewigen Kulturkrieg 50 Millionen Spenden-Dollar zur Verfügung.