Politisches Buch Verbiesterter WahnSeite 2/2

Warum ist das Buch von Kraushaar so wichtig? Der Autor ist kein Freund von Pauschalisierungen wie jenen, die die Linke als »Judenhasser« (FAZ vom 30. 6. 05) anprangern oder wieder einmal »die Kultur- und Mentalitätsgeschichte der alten BRD … ganz neu schreiben« wollen (SZ vom 30. 6. 05). Kraushaar fordert vielmehr alle Linken zu einer Selbstreflexion über die Grenze zwischen Antizionismus und Antisemitismus auf. Gegenüber der konservativen Immunisierungsstrategie, die jede Kritik an Israel als antisemitisch denunziert, und gegen jene Linken, die glauben, Antisemitismus sei nur rechts codiert gewesen, besteht Kraushaar auf Differenzierung und historischer Kontextualisierung. In dem Maße, wie die Entstehungsgründe für den Staat Israel und das sich daraus ergebende unbedingte Existenzrecht des Staates ausgeblendet werden, wird das Tor geöffnet für Schwarzweißmalerei und ebenso selbstgerechtes wie verkommenes Freund-Feind-Denken im Stil der Berliner Desperados.

Entgegen den wohlfeilen psycho-historischen Spekulationen, die den antisemitischen Hintergrund der Schandtat der Kunzelmann-Gruppe als eine Art Urszene für den Antisemitismus der Linken nur beschwören, bietet Kraushaars Buch präzise historische Forschung und kluge politische Analysen. Bereits 1955 sprach Theodor W. Adorno vom »Schuldabwehrantisemitismus«. Im Falle der Kunzelmann-Gruppe bedeutet dies, dass sie »alle Errungenschaften des SDS und anderer Studentenverbände, die sich … so nachhaltig für ein Schuldbekenntnis und für Wiedergutmachung gegenüber Israel eingesetzt hatten, mit einem Handstreich über Bord werfen musste«, um in ihrem verbiesterten Wahn jüdische Einrichtungen und Personen im Namen des palästinensischen Volkes angreifen zu können.

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