Anthropologie Zurück aus der SteinzeitSeite 4/4
Pääbos Paläogenetiker haben bereits damit begonnen, ein Bröckchen eines Fossils zu zermahlen, um dessen Erbmoleküle mit chemischen Verfahren herauszulösen. Der Rest, die Entzifferung der Geninformation, ist Routine. Für diese Aufgabe hat das Team eine neue Generation von Laborrobotern auserkoren, eine Entwicklung der US-Company 454 Life Sciences. Die 454-Sequencer, so verspricht das Unternehmen, sollen demnächst die Entzifferung eines ganzen Säugergenoms für weniger als 100000 Euro ermöglichen.
Erst Anfang Juni präsentierte das Rubin/Pääbo-Team in Science einen Vorgeschmack auf die Leistungsfähigkeit der Technik: Aus einem Zahn und einem Stück versteinerten Knochens des vor 40000 Jahren ausgestorbenen Höhlenbärens isolierten die Forscher auf Anhieb mengenweise uralte DNA-Bruchstücke – genug Puzzlesteine, um das Erbgut des riesigen Höhlenbewohners wieder zusammenzusetzen. Nur je rund hundert Genbausteine umfassten die Bruchstücke, die das Team aus dem Knochenmaterial herauspressen konnte. Etwa 200000 dieser Fragmente ließen die Forscher von den Maschinen entziffern.
Aber das Bärenexperiment sei nur proof of principle gewesen, sagt Rubin, um die Geldgeber von der Machbarkeit des Neandertaler-Genomprojektes zu überzeugen. »Die Technologie ist da«, sagt der Genomforscher, »jetzt ist die Zeit gekommen, den Neandertaler zu machen.«
Die Forscher können das fertig entzifferte Genom des Menschen als Vorlage nutzen. Stück für Stück werden sie die winzigen Genfragmente aus den fossilen Knochen mit Hilfe der menschlichen Blaupause positionieren. Bis zu 100 Millionen von ihnen werden sie brauchen, bis das Genpuzzle Neandertaler komplett ist. »Wir kennen das Menschengenom und bald auch das des Schimpansen. Daher können wir jetzt solide Vorhersagen über das Neandertaler-Genom machen«, prophezeit Rubin, »das wird einfach.«
Die Ergebnisse erwarten nicht nur die Paläontologen mit Spannung. Mancher Wissenschaftler hofft, aus den steinzeitlichen Erbanlagen Rückschlüsse auf biologische Eigenschaften der Neandertaler zu ziehen – bis hin zu seinen intellektuellen Kapazitäten, seiner Sprachbegabung. Und sollte sich dessen Erbgut doch in grundlegenden Punkten, etwa bei der Zahl seiner Chromosomen, vom Menschen unterscheiden, wäre auch gesichert, dass er kein direkter Vorfahr des Menschen war. Ebenso erwiesen wäre dann, dass sich beide Menschentypen nie vermischen konnten.
Die Rasterfahndung soll endlich auch enthüllen, wo im komplexen Geflecht der Gene das Elixier des Menschlichen zu suchen ist, die biologische Basis für unseren Geist. Jene Waffe, mit der der moderne Mensch einst den Neandertaler bezwang.
- Datum 07.07.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 07.07.2005 Nr.28
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