Srebrenica Schweigen in Belgrad

Noch immer verweigern die Serben eine offene Diskussion über ihre Verbrechen im Bosnienkrieg

Vier Wochen lang hat die Republik Serbien ihre erste Kriegsschulddebatte geführt. Dass überhaupt einmal darüber geredet wurde, ist das Verdienst der Menschenrechtlerin Nataša Kandić sowie einiger mutiger Journalisten und des amerikanischen Senats. Am 1. Juni strahlten das Staatsfernsehen und der Privatsender B92 ein Amateurvideo aus, das die »Skorpione«, eine Reserve-Einheit der serbischen Polizei, bei ihrem grausamen Tun in Bosnien vor zehn Jahren zeigt. Die Sequenz beginnt mit der Segnung der Mörder durch den Abt eines Klosters und endet mit den tödlichen Schüssen auf gefangene muslimische Jugendliche aus Srebrenica. Eine Mutter trat im serbischen Fernsehen auf und weinte um ihr Kind. Zum ersten Mal war es keine keine serbische Mutter, sondern eine, die zwar nicht anders sprach und weinte, aber den unzweifelhaft muslimischen Namen Nura Alispahić trug.

Mit dem Video war plötzlich zum Skandal geworden, was eigentlich alle längst wussten: dass die Truppen des Generals Ratko Mladić im Juli 1995 rund um die bosnische Stadt Srebrenica massenhaft gemordet hatten. Wirklich geleugnet haben die Behörden und die Öffentlichkeit der Republik Serbien das Massaker von Srebrenica nie. Aber sie haben kaum darüber gesprochen. Kam es zu Vorhaltungen, dann hieß es, es seien »in Wirklichkeit wahrscheinlich weniger als 2.000 Opfer« oder »ausschließlich Soldaten« gewesen. Eine offizielle »Chronologie der jugoslawischen Krise« widmet dem 11. Juli 1995 den kargen Satz: »Armee-Einheiten der Republik Srpska nahmen das Gebiet der Schutzzone Srebrenica in Bosnien ein.«

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Die »Demokratische Partei Serbiens« des Regierungschefs Vojislav Koštunica bewältigte das Massaker von Srebrenica so: Angefangen habe alles mit dem Zerfall, genauer, dem »gesetzwidrigen Zerfall des Bundesstaates«. Dieser wiederum brachte »blutige Bürgerkriege« hervor. Bevor man zum Thema komme, müsse erst einmal der Blick geweitet werden – historisch und geografisch. Denn nicht nur die Verbrechen in Srebrenica seien zu verurteilen, sondern vielmehr »alle, die in der jüngeren Geschichte Jugoslawiens begangen wurden« – Verbrechen, bei denen übrigens »das serbische Volk« wenigstens unter dem Strich »das größte Opfer war«. Noch immer gebe es »unentdeckte Massengräber des Zweiten Weltkriegs auf den Schlachtfeldern des früheren Jugoslawien«.

Nur mit Mühe schaffte es das Thema ins Belgrader Parlament

Einer eiligen Umfrage zufolge wissen 50 Prozent der Serben einigermaßen über das Geschehen Bescheid. Das Wochenmagazin Vreme publizierte als einziges Blatt aus Anlass des Videos die wichtigsten Fakten und wählte für den Text den Titel »Srebrenica für Anfänger«.

Dass jetzt sogar das Parlament über das Massaker debattierte, war der kleinen Gruppe der Belgrader Menschenrechtler und Kriegsgegner von damals zu verdanken. Sie schrieben eine Deklaration über Serbiens Verpflichtung gegenüber Kriegsopfern, »besonders denen des Völkermords von Srebrenica«, und trugen das Papier ins Parlament. Dieses sei nicht zuständig, meinte indes zunächst dessen Präsident, denn es gehe ja »um Ereignisse in einem Nachbarland«. Nur unter Druck lenkte er ein und berief die Fraktionschefs zu sich. Eine Resolution müsse Srebrenica »laut und klar« beim Namen nennen, verlangten die oppositionellen »Demokraten«, die Partei des ermordeten Zoran Djindjić. Die »Radikalen«, die stärkste Fraktion, wollten es weniger klar und weniger laut und auch die »Verbrechen an Serben« in den Text einschließen. Premier Koštunicas Partei wand sich, ihr Chef schwieg ganz. Ein Beschluss kam nicht zustande. »Wenn nicht bekannt gewesen wäre, dass der US-Kongress an einer Resolution zu Srebrenica arbeitet, wäre das Massaker nicht einmal ins Belgrader Parlament gekommen«, sagt Sonja Biserko, die Vorsitzende des Belgrader Helsinki-Komitees.

Keine Resolution und auch wieder keine Katharsis in der Folge des Videos. Ähnlich war es vor zwei Jahren, als der Milošević-Prozess in Den Haag begann. »Ja, unsere Leute haben Verbrechen begangen, die anderen aber auch«, hieß es damals – die Standardformel ist nun nach dem Video sogar auf Unifluren zu hören und in Chatrooms zu lesen.

Bei allem Nationalismus und trotz seiner Tradition als selbstständiges Königreich ist Serbien unter allen jugoslawischen Nachfolgestaaten dem Selbstgefühl nach am wenigsten schon Nation. Die Serben fühlen sich noch als bloße Fraktion eines Größeren, als Partei im bundesstaatlichen Verteilungskampf von einst. Geht es um Kriegsverbrechen, reiht sich das stolze Serbien geistig wieder ein ins alte, ethnisch balancierte Jugoslawien. Kritische Sicht auf die Geschichte ist da bloß ein Punkt für die anderen. Zugegeben wird nur, was die einst im alten Jugoslawien geltende Parität nicht gefährdet.

Die Haltung eint fast die ganze politische Klasse. Als bloße Taktik deutet Sonja Biserko auch die spontan bekundete Bereitschaft des reformorientierten Präsidenten Boris Tadić, am zehnten Jahrestag nach Srebrenica zu reisen und sich »vor den Opfern zu verneigen«. Denn Tadić mochte sich nicht einmal dazu aufraffen, zu Srebrenica wenigstens eine Konferenz einzuberufen. Er entstammt dem nationalen Bürgertum, das sich ein selbstständiges Serbien wünschte.

Eine Ausnahme unter all den taktierenden Verteidigern Serbiens machte Landwirtschaftsministerin Ivana Dulić-Marković mit einer persönlichen Erklärung. »Alle Worte, alle mächtigen Worte hätte ich aussprechen sollen, bevor die Verbrechen geschehen sind«, sagte die sonst zurückhaltende Fachpolitikerin. »Srebrenica ist kein Ort für das serbische Volk«, hatten in den Dörfern Ostbosniens schon bald nach dem Massaker die serbischen Bauern geflüstert. Die einfachen Leute hatten den Ton der nationalen Verantwortung gefunden. Nun war er, wenn auch sehr selten, in Belgrad ebenfalls zu hören.

Überdröhnt wurde der Ton der nationalen Verantwortung am letzten Junisonntag von der Rockband Bijelo Dugme (»Weißer Knopf«), einer Kultgruppe aus den siebziger und achtziger Jahren. Jugoslawische Fahnen wehten, die 200.000 meist jugendlichen Fans stimmten den Hit des Jahres 1987 an: »Steh auf und sing, Jugoslawien!« Das junge Publikum nimmt das selbstständige Serbien, das Projekt der Eltern, einfach nicht an. Es will weder auf mittelalterliche serbische Zaren stolz sein noch sich für Srebrenica schämen. »Die jungen Leute sind auf der Suche«, sagt Sonja Biserko, die selbst früher Diplomatin eines Landes war, von dem sie sagt, dass es »das nicht mehr gibt«. Über die Debatte nach dem Video vom Massaker urteilt sie: »Es ist wenig dabei herausgekommen.«

 
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